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Nicht nach rechts abdriften lassen!

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Die bekannteste deutsche Feministin und Herausgeberin von EMMA, Alice Schwarzer, warnt davor, angesichts des aktuellen Flüchtlingsstromes die eigenen Werte relativieren zu lassen. Demokratie und Gleichberechtigung der Geschlechter dürften nicht dem fundamentalistischen Islamismus weichen, der die Scharia zum Gesetz machen will, forderte sie am Mittwochabend im APA-Interview in Wien. Mit deswegen beunruhigten Bürgern müsse der Dialog gesucht werden, um sie nicht Pegida in die Arme zu treiben.

Westen trägt
Mitverantwortung
und muss helfen

Alice Schwarzer betonte die Verantwortung des Westens gegenüber Flüchtlingen. Der Westen trage Mitverantwortung für die verzweifelte Situation der Menschen und müsse nun auch helfen. Trotzdem dürfe man aber nicht blauäugig sein. "Es kommen ja Menschen - 70 bis 80 Prozent sind Männer - und die kommen aus Ländern und Kulturen, die von Frauenbewegung noch nie was gehört haben und Frauen als minderwertige Wesen ansehen." In der arabischen und muslimischen Welt hätten Frauen traditionell kaum Rechte. "Solche Verhältnisse wollen wir hier nicht mehr akzeptieren."

"Ich denke, wir können selbstbewusst sein. Wir haben uns hier in den letzten Jahrzehnten in Bezug auf die Gleichberechtigung der Geschlechter einen großen Fortschritt erarbeitet. Wir haben eine Demokratie. Diejenigen, die zu uns kommen, müssen diese Regeln akzeptieren." Besonders der islamische Fundamentalismus würde diese Werte bedrohen, und genau davor seien ja auch viele Flüchtlinge auf der Flucht. "Dieser politisierte Islam, der Islamismus, da stehen die Frauen als erstes im Visier. Ihre völlige Entrechtung, bis hin zu ihrer Unsichtbarkeit."

Eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung des Islamismus könne in der Tat den Müttern zukommen. Schwarzer lobte das Projekt "Mütterschulen gegen Extremismus" der österreichischen Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer. "Ich denke, dass man diese jungen Männer, die dazu verführt werden, selbstgerecht zu sein und sich über andere zu erheben und die sich so ihr Selbstbewusstsein holen - dass man da vielleicht ganz am Anfang beginnen muss. Und dass man viel über die Mütter erreichen könnte."

Politik muss das
steigende Unbe-
hagen der Menschen
ernst nehmen

Der Islamismus ist für Schwarzer eine ernsthafte Bedrohung - auch innerhalb von Europa. Sie warnt schon seit langem davor, seit der Machtergreifung von Khomeini im Iran 1979. "Und jetzt wird natürlich mit diesem massiven Zustrom von Menschen, die vor Krieg und islamistischer Gewalt aus ihrem Land fliehen und zu uns kommen, das Problem auch mitten unter uns noch virulenter."

Diesem Problem müssten wir uns stellen: Mit Deutschkursen, die gleichzeitig Aufklärungskurse sein sollen, müssten die Flüchtlinge lernen, "was Demokratie ist, was Rechtsstaat ist, was Gleichberechtigung ist. Sie müssen verstehen, dass man bei uns Kinder nicht schlagen darf, Frauen nicht im Haus gefangen halten darf, ihnen keine Vorschriften machen darf und dass Frauen einfach dieselben Rechte haben wie Männer."

Angesprochen auf die asylkritische Pegida-Bewegung sagte Schwarzer, sie halte die Rechtsradikalen noch für eine Minderheit. Die Politik müsse jedoch das steigende Unbehagen vieler Menschen ernst nehmen. "Ich denke, dass Kräfte wie die Rechtsradikalen bei Pegida maximal fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen. Jetzt laufen aber viele mit, weil sie diffuse Ängste haben. Ein berechtigtes Unbehagen. Sie werden aber daran gehindert sich zu artikulieren, weil man immer gleich mit dem Rassismushammer draufschlägt."

Schwarzer fordert deshalb ein offenes Gespräch zwischen Politik und Bevölkerung, damit nicht noch mehr Menschen nach rechts abdriften. Anfang des Jahres war die Feministin heftig kritisiert worden, weil sie in einem Text auf ihrer Webseite Verständnis für Pegida-Mitläufer zeigte.

Frauen und Kinder auf der Flucht: doppelt schutzbedürftig

Etwa 20-30 Prozent der Flüchtlinge seien Frauen und Kinder. Die Flucht sei für sie besonders strapazierend. "Sie sind ja innerhalb ihrer Community schon mal schwächer. Und sie laufen natürlich auch Gefahr, Opfer sexueller Gewalt zu werden. Wir haben über EMMAonline ja schon im August eine Hilfsaktion gestartet. Und da hören wir von den Helferinnen Berichte, dass manche Frauen auf der Flucht, die manchmal über Monate wenn nicht Jahre geht, auch  zur Prostitution gezwungen werden. Dass sie vergewaltigt werden. Deswegen sind sie doppelt schutzwürdig."

Schwarzer fordert aus diesem Grund spezielle Unterstützung für Frauen. "Da brauchen wir separate Unterkünfte, eine spezielle Betreuung. Die Frauen, die oft Gewalt erlebt haben, müssen mit Frauen darüber sprechen können. Sonst schweigen sie vielleicht aus Scham."

EMMA-Forderungskatalog „Was jetzt passieren muss!“

Hier geht es zu den Medien-Reaktionen auf die EMMA-Aktion 

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Ein Weltgastrecht für Frauen

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Ein Wort wird zentnerschwer: K-R-I-E-G.

Natürlich kennen wir das Wort, aber für die meisten von uns bezeichnet es Nachrichten von anderswo. Oder ein Etwas aus Geschichtsbüchern. Der 1. Weltkrieg ist ein fernes Gespenst. Der 2. Weltkrieg endete 1945, unsere Mütter oder Großmütter haben ihn noch erlebt. Aber wenn wir jünger als 70 Jahre alt sind? Dann sind wir Friedenskinder.

Wir kennen Erzählungen und Fotos von Elend und Luftschutzkellern. Vereinzelt noch Baulücken in Städten. Hinzu kommen aktuelle aber ferne Kriege aus zweiter Hand, Nachrichtenschnipsel, wackelige Kamerafahrten, KommentatorInnen vor hastig arrangiertem Hintergrund.

Krieg ist die Katastrophe schlechthin

Wir misstrauen den Bildern, während sie uns zugleich gefangen halten. Wenn wir aber hinsehen: Was wäre zu tun? Scham und Ohnmacht mischt sich mit der gleichwohl vorhandenen Erleichterung, „hier“ sicher zu sein.

Ein diffuser Schrecken: Krieg ist die Katastrophe schlechthin. Ich zum Beispiel empfinde neben den Bombentoten oder Schusswaffen das als ­besonders fürchterlich, was zwischen Uniformierten und Zivilisten passiert, was marodierende Milizen anrichten. Dazu das, was Schmerzen, Verletzungen, Tod wie eine Lache umgibt, die auch in Jahrzehnten nicht trocknen wird: Angst, Grauen, Trauer, Panik, Verrat. Der Zerfall jeglicher Freundschaft und Fürsorge. Zu lindern ist das nicht – oder eben durch Hass.

Hass wiederum treibt Kriegsbereitschaft und Kriegsgeschäfte weiter voran. Überhaupt, ja: die Geschäfte. „Sicherheit“ ist ein Gut, dessen Aktienkurse man durch Kriegsangst und Krieg hochtreibt. Es gibt Ökonomien des Krieges, Branchen, für die sich Krieg rechnet, und militärische Eliten, deren Handwerk er ist. Die Soldaten und neuerdings auch Soldatinnen sind nur zu verheizendes Material.

Und Waffen sind Material, das verbraucht sein will, zumal in Zeiten, in denen es kein teures (also lukratives) Wettrüsten mehr gibt. Die „neuen“ Kriege gehen darum so: Immer seltener steigen heute ganze Staaten offiziell ein. Stattdessen toben heute, wo geschossen, vergewaltigt, verstümmelt wird, die Wölfe: Warlords, Clanchefs, Milizen, Söldner, Mafia. Ein schmutziger Alptraum mit leisem Beginn und ohne Ende.

Krieg ist nach wie vor Männersache, auch das macht ihn gespenstisch. Trotz Frauen im Soldatenberuf: In der Eskalation fallen die Geschlechterrollen wieder brutal auseinander. Schon lange sterben in Kriegen prozentual mehr Zivilpersonen als Militärs. Systematische Vergewaltigungen sind ein Instrument auch der Kriegführung des 21. Jahrhunderts. Und das Leben danach mit den Ex-Kämpfern, die das Vergewaltigen und Morden professionell betrieben haben? Frauensache. Das Grauen geht auch nach Kriegsende im Kleinen weiter.

Und das Leben danach mit den Ex-Kämpfern?

Wohin also mit dem Krieg? Einfach nur hoffen, dass er uns nicht trifft? Und wenn ich etwas tun will: Wie kann ich heute noch friedenspolitische Zeichen setzen? Gibt es Friedensdemonstrationen, die hie die Waffenproduzenten und da die Warlords, marodierende Milizionäre, die Mafia beeindrucken? Oder auch nur den Sohn meiner Nachbarin, der mit Kumpels weltweit World of Warcraft spielt? Ist ja nur ein Spiel, meinte die Nachbarin, eine überzeugte Pazifistin. Unlängst meldete ihr Sohn sich als Zeitsoldat zum Bund. Gewalt öffentlich anprangern, Heroisierung verweigern, Bilderkonsum hinterfragen. Reicht das aus?

Ich habe einen Traum: Lasst uns in großem Stil weibliche Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufnehmen! Öffnet die Kindergärten für afghanische Mädchen, bietet ihren Müttern Wohnraum und einen Job, schafft Studienplätze für syrische Studentinnen, holt weibliche afrikanische Vertriebene – kurzum: Schafft ein Weltgastrecht für Frauen! Aufenthalt so weit und so lange sie es wollen. Nehmen wir den kriegführenden Parteien die andere Hälfte der Menschheit weg, ihr Ruhekissen und ihre Zukunft.

Angenommen, diejenigen, zu denen Soldaten, Waffenschmuggler, Milizionäre zurückkehren wollen, könnten mit den Füßen abstimmen.

Angenommen, ihre Frauen, ihre Mütter, ihre Töchter wären keine Geiseln des Territoriums mehr. Dann endlich würde Krieg sich nicht mehr lohnen.

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