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Ask Alice: Rat für transsexuelles Mädchen?

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Liebe Bengta,

in den vergangenen 20 Jahren ist in diesem Bereich sehr viel passiert. Menschen, die sich „in der falschen Haut“ fühlen und das Geschlecht wechseln wollen, können das heutzutage tun. Bis 2011 war dazu allerdings noch die Änderung des biologischen Geschlechts Voraussetzung. Das heißt, biologische Männer bzw. Frauen mussten sich zum anderen Geschlecht umoperieren lassen. Das ist zum Glück heute nicht mehr nötig.

Das Verfassungsgericht sprach am 11. Januar 2011 ein bahnbrechendes Urteil: Es genüg, wenn die Person „seit mindestens drei Jahren unter dem Zwang steht, ihren Vorstellungen entsprechend zu leben“. Laut VerfassungsrichterInnen reicht es also, dass der Mensch nicht physisch, sondern lediglich psychisch die Geschlechterrolle wechselt.

Ich finde das entscheidend: Die Wahl zu haben, dass ich als geborenes Mädchen auch wie ein Junge leben kann – und wenn ich das unbedingt will sogar bis hin zur Änderung meines Personenstandes – ohne meinen Körper abzulehnen oder gar zu verstümmeln. Es ist ja auch kein körperlicher Konflikt, sondern ein seelischer. Nicht der Körper ist „falsch“, sondern die Rolle, die bis heute in unserer Gesellschaft Frauen bzw. Männern zugewiesen wird.

Ideal wäre, wenn das fragliche Mädchen sich den Ausbruch aus der Rolle auch ohne Änderung des Personenstandes zugestehen würde. Sie soll sich zum Beispiel mal Fotos von manchen Schauspielerinnen oder Schriftstellerinnen in den 1920er Jahren ansehen: Die haben sich einfach die Freiheit genommen, wie die Jungs aufzutreten, als Garçonne.

Sollte jedoch der Leidensdruck bei diesem Mädchen so groß sein, dass sie unbedingt auch auf dem Papier ihr Geschlecht wechseln will, dann könnte sie es tun. Ich würde allerdings erst nach reiflicher Überlegung handeln, mir dafür Zeit lassen und erst einfach als „Junge“ leben. Das muss sie dann natürlich auch in ihrer Umwelt durchsetzen. Das wird Konflikte bergen. Dabei könnten Sie ihr vielleicht helfen.

Auf jeden Fall rate ich ganz dringend von der Einnahme von Hormonen oder gar operativen Eingriffen ab! Sie soll sich nicht vom Schubladendenken einengen lassen, sondern sich einfach die Freiheit nehmen, zu leben, wie sie möchte.

Mit herzlichen Grüßen, auch an die Garçonne!

Alice Schwarzer
 

PS: Juristische Informationen zur Transsexualität bekommt man bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V.

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Transsexualität: Das dritte Geschlecht

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100 bis 150 Transsexuelle lassen sich allein in Deutschland jährlich operieren. Ebenso viele aber behalten ihren Körper und wechseln nur die soziale Identität. Die Fälle von Frauen, die Männer werden, steigen. Vor 20 Jahren lautete die Schätzung noch: eine Frau-zu-Mann auf vier, fünf Männer-zu-Frauen. Heute lautet die Schätzung: eine auf ein bis zwei. In Deutschland leben zur Zeit etwa drei- bis sechstausend Transsexuelle, vermutet Prof. Pfäfflin, der in den letzten 14 Jahren selbst über 600 therapiert hat.

Aber was wird da eigentlich therapiert und operiert? Was ist ein Mann? Und was eine Frau? Den meisten Menschen ist eine, zumindest phasenweise, Geschlechtsirritation nicht fremd kein Wunder in einer Gesellschaft, in der Menschen nicht einfach Menschen sein dürfen, sondern Frau oder Mann sein müssen. Und aufschlussreich, dass die Sehnsucht von Frauen, ein Mann zu sein, auch von Experten keineswegs zwangsläufig als krankhaft angesehen wird.

Es gilt im Patriarchat als "normal", aus der weiblichen Enge zu den männlichen Freiheiten zu streben. Was einer der Gründe dafür sein wird, warum die (aufsteigenden) Frau-zu-Mann-Transsexuellen den Schritt im Schnitt etliche Jahre früher tun als die (absteigenden) Mann-zu-Frau-Transsexuellen. Dennoch waren bis vor kurzem vor allem Männer, die Frauen werden, im öffentlichen Bewusstsein.

Es ist neu, dass auch von Mann gewordenen Frauen die Rede ist. Und ganz neu ist, dass Feministinnen, die Männer wurden, sich zu Wort melden. Denn bisher hatten die Frau-zu-Mann-Transsexuellen es schwerer, auch bei den Experten: "Die wollen den Frauen einfach keinen Penis geben", konstatiert Marjorie Garber in ihrem Buch über den Cross dressing, den Rollentausch, trocken.

Doch warum genügt nicht der Cross dressing, warum muss ein Body cross sein? Und gäbe es überhaupt Transsexuelle, wenn die Geschlechterrollen nicht so enge Käfige wären und die moderne Medizin den Körperwechsel überhaupt erst denkbar und möglich machen würde? Aus vergangenen Jahrhunderten sind uns viele Fälle überliefert von Männern, die als Frauen gelebt haben; ebenso von Frauen, die als Männer gelebt haben.

Die Gründe sind vielfältig. Frauen sind in Männerkleider geschlüpft, um den Gefahren des Frauseins zu entgehen; um Männerberufe auszuüben oder auf Abenteuerreisen zu gehen; oder einfach, um Frauen lieben oder sogar heiraten zu können wie Bill Tipton vom Tipton-Trio, dessen wahres Geschlecht zur Fassungslosigkeit von Ehefrau und seinen drei (Adoptiv)Söhnen erst bei seinem Tod 1988 entdeckt wurde. Und der, wie viele andere, den genitalen Kontakt mit seiner Frau unter dem Vorwand einer Krankheit mied. Frauen schlüpfen aber auch in Männerkleider, weil sie sich einfach als Mann fühlen. Ist das der Beginn der Transsexualität?

Prof. Goren, der in Holland einen Lehrstuhl für Transsexualität hat, ortet die ersten Anzeichen schon viel früher. Er sagt zum "Spiegel": "Wenn ein Mädchen seine Puppen verschenkt, mit Autos und technischen Baukästen spielt und Jungenbücher liest, sollten die Eltern beim Psychologen vorsprechen." Ein solches Zitat macht schlagartig die Gefahren der Rehabilitierung des Transsexualismus klar. Die richtige Seele im richtigen Körper. Und wenn was nicht passt, dann wird nicht der Seele Raum gegeben, sondern der Körper wird zurechtgestutzt. Ruckediguh, ruckediguh, Blut ist im Schuh ...

Das "transsexuelle Imperium" nennt Janice Raymond die Psychologen und Ärzte, die den Schritt von einem Geschlecht ins andere begleiten und möglich machen. Ein Imperium, das auch dafür sorgt, dass Frauen Frauen bleiben und Männer Männer, notfalls mit dem Messer. "Wenn ein Mädchen seine Puppe verschenkt ..." Da müssten aber viele Mädchen unters Messer! Den meisten würde der Griff zum Jungenspielzeug vermutlich schon vorher austherapiert. Und den puppenspielenden Jungen nicht minder...

Vor einigen Jahrzehnten stand die Geschlechtsidentitätsforschung noch an der Spitze des Fortschritts, denn sie war bereit, die Abweichung der seelischen Geschlechtsidentität (gender) von der biologischen Identität (sex) zu erkennen. Heute läuft dieselbe Wissenschaft Gefahr, sich vor den Karren des Rückschritts spannen zu lassen: nämlich ihre Kenntnisse zur Geschlechterdressur statt zur Geschlechterbefreiung einzusetzen. Kritik tut not. In der Praxis aber muss es erlaubt bleiben, zu leben, wie's gefällt.

Dabei ist die Palette der Abweichungen breit. Manchen genügt die Freiheit zur "Unweiblichkeit" oder "Unmännlichkeit". Andere genießen die Ausflüge ins andere Geschlecht, den dress cross statt body cross. Wobei die männlichen Transvestiten von denen die meisten heterosexuell sind! ihren Schlupf in die Frauenkleider meist erotisch zu besetzen scheinen, die weiblichen Transvestiten ihren Ausflug in den Männerhabit eher sozial genießen. Wen wundert's.

Transsexuelle aber gehen weiter. Sie wollen im anderen Geschlecht nicht zu Gast sein, sie wollen das Andere sein. Das ist eine Tatsache auch wenn es wünschenswert bleibt, dass ein Mensch seinen Körper nicht verändern muss, damit er zur Seele passt. Das EMMA-Dossier über Transsexualismus beginnt mit einem Gespräch mit einer Frau (die Mann war) und einem Mann (der Frau war). Und es endet mit einem Porträt von einem Menschen, der nicht wissen will, was er ist.

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Kommentare

Dazu ist aber kontraproduktiv, wenn wir selbst im Geschlechtlichen verharren, anstatt der Freiheit Raum zu geben, uns alle als jeweils individuelle Menschen zu akzeptieren.

Ich denke, Geschlecht hat einfach verschiedene Dimensionen. Und daher scheint es mir als durchaus legitim, wenn bei der Geburt weibliches Genital vorhanden ist, diese Leute dann als weiblich zu bezeichnen. Das sagt ja nichts darüber aus, dass diese Leute mit ihren Körpermerkmalen zufrieden sein müssen. Alle haben irgend etwas an ihrem Körpern auszusetzen. Manche halt mehr. Die Zuschreibung von sonstigen Attributen ist gesellschaftlich generiert und somit verhandelbar und verweigerbar, das Geburtsgeschlecht hingegen ist Fakt, die Wenigen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen Geborenen mal ausgenommen./Es liegt an uns, die wir mit der Allgegenwärtigkeit des Themas Geschlecht Probleme haben, dafür zu sorgen, dass das anders wird, dass also nicht auf jedem Fragebogen beispielsweise das Geschlecht abgefragt wird. Und dass die Unbedingtheit des Geschlechtsfokus vielleicht sogar auch aus den Köpfen der anderen herauskommt.

"Es ist ja auch kein körperlicher Konflikt, sondern ein seelischer. Nicht der Körper ist „falsch“, sondern die Rolle, die bis heute in unserer Gesellschaft Frauen bzw. Männern zugewiesen wird."
Nein, Frau Schwarzer. Es ist ein körperlicher Konflikt. Fragen Sie eine Gruppe von transsexuellen Frauen und Männern, und Sie werden genau diese Antwort bekommen. Nein, Frau Schwarzer, ich bin kein Beispiel dafür, dass ein Mann auch wie eine Frau sein kann. Ich bin eine Frau, die wie ein Junge sozialisiert wurde. Geschlechtsrollen kann man wählen, Geschlecht nicht.

@Leandra
Das Gehirn eines Transmenschen hat Vorstellungen von Sinneswahrnehmungen, die es mit dem zunächst vorhandenen Körper nicht gänzlich wird empfangen können. Bereits schon vor meiner HRT und meiner GaOP hatte ich eine weibliche Sexualität. Warum fühle ich mich normal und mit mir im Reinen, wenn ich einen normal-weiblichen Hormonspiegel habe, warum fühlte ich mich unwohl, wenn mein Testosteron-Spiegel im normal-männlichen Bereich lag? Ich war als "weicher" Mann akzeptiert, habe sogar einen liebevollen, empfindsamen Vater. Warum hat es mir nicht gereicht? Warum mag ich mich nur, wenn ich im Spiegel eine Frau sehe? Warum wusste ich schon mit 12, dass ich weder Bart noch Stimmbruch wollte? Ja, als Feministin stimme ich Ihnen zu: Geschlechtsrollen sind überwiegend anerzogen. Als transsexuelle Frau muss ich Ihnen jedoch sagen: Geschlecht ist trotzden nicht beliebig wählbar. Wenn es das gewesen wäre, hatte ich meinen Körper so belassen, wie er war.

Liebe Bengta,

ich kann dir den Beitrag "Transsexualität" von Quarks und Co. (WDR) empfehlen. Sie geben einen sehr guten Einblick aus psychologischer, medizinischer und persönlicher Sicht. Das Interview mit dem Studiogast wird durch wissenschaftliche Beiträge ergänzt, unter anderem was während der Therapie geschieht und was der derzeitige Kenntnisstand über die Entstehung ist.
Auch sicherlich Empfehlenswert für deinen Schützling.

Erst einmal danke an Frau Schwarzer, für ihre Antwort. Wir sind jetzt dabei uns intensiver mit dem Thema zu beschäftigen, das "Mädchen" hat mittlerweile auch das Gespräch zu manchen meiner Kollegen und Kolleginnen gesucht, wie auch zu ihren Freunden. Der Vorschlag einer Kollegen, eine entsprechende Klinik aufzusuchen, weckte zuerst ihre Neugierde, machte ihr dann aber Angst - und das was zählt sind ihre Entscheidungen, in ihrem Tempo!
Auch ein Dank für jeden weiteren Kommentar, sowie entsprechende Links!
@Roman: da ich auch im Jungfeministinnen Netz unterwegs bin, habe ich gerade den Link für meingeschlecht bekommen und ihn direkt weitergegeben - eine tolle Seite auf der sich nicht nur Eltern und Professionelle informieren können, sondern auf der sich auch die jungen Menschen austauschen können und Anlaufstellen finden. Vielen Dank auch für die weiteren Links.
Falls jemand noch Literaturtips oder Filmempfehlungen zum Thema hat würde ich mich freuen!
Liebe Grüße
Bengta

Das Gehirn (vor allem die Hirnanhangdrüse) wird sich in der Pubertät an vorhandene Geschlechtsorgane anpassen und dafür sorgen, dass alles "läuft". Aber ein Gehirn ist keine fremde Instanz im Körper, die Sinneswahrnehmungen fordern kann, von denen es keine Vorstellung hat. Geschlechtsorgane, die nicht da sind, können keinen Einfluss aufs Hirn haben.
Ich kann niemandem eine neue Gesellschaft beschaffen oder eine erlebte Sozialisation im Nachhinein verschönern - deswegen finde ich es völlig legitim, so eine OP zu wollen, um den Leidensdruck zu lindern. Aber wir sollten meines Erachtens nicht aus den Augen verlieren, dass die Lösung langfristig darin liegt, den Druck auf Mensch und Körper abzubauen.

Du müsstest dann ebenso ableiten: Es gibt schwarze und weiße Gehirne. Denn: sowohl Persons of Color als auch weiße Menschen empfinden da, wo Rassismus nicht unmittelbar erfahrbar ist, ihre eigene Hautfarbe am natürlichsten und Besten. Das sieht man z.B. an afrikanischen Kindern, die bei Europäern die ankommen, erstmal die "künstliche weiße Farbe" abwischen wollen.
-> Die Liebe des eigenen Körpers, aller vorhandenen Körperteile ist Aufgabe des Gehirns und der Psyche. Es gibt aber ebensowenig ein weibliches Gehirn, wie es ein spezielles Gehirn für weiße Menschen oder eines für solche mit größerem 2. Zeh /kleinerem 2. Zeh gibt.

Das ist ein einfacher Fehlschluss. Erst einmal nehmen alle Babys ihren fühlenden Körper an -> körperliche Eindrücke, die man nie hatte, kann man erstens nicht missen und zweitens kommt kein Baby auf die Idee, dass an den tollen Gefühlen, die der eigene Körper ihm macht, etwas falsch oder noch besser sein könnte.
Den Körper so anzunehmen wie er ist, ist Selbstliebe und Aufgabe der Psyche. Alle fühlenden Körperteile haben eine Verbindung zum Hirn...jemand, der sich selbst liebt und nicht von der Gesellschaft dafür abgestraft wird ("du kannst nicht mit Puppen spielen, sensibel sein, oder über Gefühle reden als mit deinem Penis, der passt da nicht zu"), kommt ein Mensch gar nicht auf die Idee, etwas anderes zu wollen, als den eigenen Körper.

@Anna-Ananas: Dir ist schon klar, dass dein Post völliger Blödsinn ist? Dein Post begründet rein gar nichts und wirft nur Fragen auf. Kein Mensch würde auf die Idee kommen, zu hinterfragen, warum er Arme und Beine hat, warum sollte er also hinterfragen, dass er eine Vulva/einen Penis hat, wenn er mit diesem Körper aufwächst. Man fängt nur an seinen Körper abzulehnen, wenn man das, was mit ihm assoziiert wird, ablehnt. Setze dich erstmal mit "weiblichen" und "männlichen" Gehirnen bzw. der Neurowissenschaft auseinander, bevor du hier unwissende und populistische Behauptungen aufstellst, sowas nervt tierisch.
Wer von "weiblichen" und "männlichen" Gehirnen ausgeht, redet nicht von unterschiedlichen Körperfunktionen die Fortpflanzung betreffend, sondern von determinierten Charaktereigenschaften die spezifiesch "weiblich" bzw. "männlich" sein sollen.
Sollte dich das Thema interessieren, enpfehle ich "Die Geschlechterlüge: Die Macht der Vorurteile über Mann und Frau" von Cordelia Fine.

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