Ask Alice!

Ask Alice! Jeder Mann ein Vergewaltiger?

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Lieber Frank

Ja, ich verstehe, das klingt hart. Vor allem für einen (potenziell netten) Mann. Doch ich will es gleich zugeben: Es kann sein, dass ich diesen Satz auch schon mal gesagt bzw. geschrieben habe. Also kann ich dir auch erklären, was ich damit meine.

Wenn ich zum Beispiel am späten Abend durch eine einsame dunkle Straße gehe und es kommt mir eine männliche Gestalt entgegen – dann werde ich nervös. Ist er harmlos? Oder habe ich etwas von ihm zu befürchten? Am liebsten würde ich die Straßenseite wechseln. Aber das traue ich mich nicht. Denn er könnte es als Angst interpretieren und erst recht auf den Gedanken kommen. Ich wechsele also nicht die Straßenseite, sondern gehe hoch erhobenen Hauptes und festen Schrittes an ihm vorbei – und bin erleichtert, dass er nur harmlos und vielleicht sogar nett ist.

Zum Glück sind nicht alle Männer Vergewaltiger. Auch wenn die Zahlen der sexuellen Gewalt erschreckend hoch sind: Mindestens jede dritte Frau hat sie schon erlebt. Auf der Straße. Im Büro. Oder im eigenen Ehebett. Es handelt sich bei der sexuellen Gewalt von Männern gegen Frauen also nicht um einen individuellen Ausrutscher, sondern um ein strukturelles Problem. Um eine Frage der Macht.

So wie beim Rassismus. Nehmen wir Amerika. Dort gibt es viele weiße Frauen und Männer, die alles andere als Rassisten sind. Viele haben an der Seite von Schwarzen oft unter Lebensgefahr für die Bürgerrechte der Schwarzen gekämpft. Und zahlreiche Weiße sind mit Schwarzen befreundet oder in Liebesbeziehungen verbunden. Aber: Alle Weißen haben bis heute in einer rassistischen Gesellschaft jederzeit die Möglichkeit, Rassist zu sein oder zu werden. Es ist anständig von jedem weißen Menschen, wenn er kein Rassist ist. Schwarze Menschen können erleichtert oder gar dankbar sein für jeden Nicht-Schwarzen, der zu ihnen hält.

Genauso ergeht es uns Frauen mit den Männern. Wir wissen, dass viele nett sind. Aber: Wir haben keine Garantie. Jeder Mann könnte, so er nur will, zum Frauenhasser werden. Denn Frauenhass ist allgegenwärtig und ein gesellschaftlich wenig geächtetes Muster. Jeder Mann könnte auch, wenn er wollte, zum Vergewaltiger werden. Und wir Frauen müssen dankbar sein, wenn es nicht so ist.

Darum ist das beste Mittel gegen diesen in der Tat traurigen Satz („Jeder Mann ist ein potenzieller Vergewaltiger“) ganz einfach: Sich auch als Mann offensiv gegen Frauenverachtung, Frauenhass und Gewalt wenden. An der Seite von Frauen diese Frauenzerstörer ächten und, wo nötig, bekämpfen.

Nicht über gehässige Witze oder Bemerkungen über Frauen mitlachen. Nicht wegsehen, wenn ein Mann sich verbal oder körperlich gewalttätig gegen eine Frau wendet. Nicht denken: Was geht mich das an? Sich aktiv gegen den Sexismus stellen. Nur so verliert der von dir beklagte Satz seine traurige Wahrheit.

Ich hoffe, auf deine Frage geantwortet zu haben. Ja, mehr noch: Dich motiviert zu haben, ein offensiver Freund von Frauen zu werden – eben das Gegenteil eines „potenziellen Vergewaltigers“.

Mit lieben Grüßen
Alice Schwarzer

 

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Kommentare

Alice hat mit diesem Spruch vom "potentiellen Vergewaltiger" nichts zu tun, und mir ist auch nichts bekannt dass sie diesen auch jemals verwendet haette.

Entstanden ist dieser Spruch auf einer Bundeskonferenz des VdS, der heute nicht mehr existierenden Vereinigung der Fachschaften deutscher Universitaeten. Diese Vereinigung wurde damals vom MSB Spartakus beherrscht. Auf deren Bundeskonferenz im Fruehjahr 1988 hielt eine Vertreterin des MSB eine Rede, die mit den Worten begann "Alle hier anwesenden Maenner sind potentielle Vergewaltiger...". Diese Rede hat mich damals sehr schockiert, und sie schockiert mich auch heute noch soweit als dass ich den restlichen Inhalt hier nicht wiedergeben moechte. Nun, der MSB Spartakus war zu seiner Zeit eine extrem radikale und politisch verirrte Organisation, und es ist gut dass es diese Organisation heute nicht mehr gibt.

Lieber Frank,
dieser negativ übertriebene Satz ist natürlich Gift für eine junge Seele, die dabei ist sich zu entfalten und seinen Platz in der Gesellschaft anzunehmen. Kinder, die erstmal alles für wahr nehmen, was sie von Erwachsenen hören, verunsichert eine solche Aussage sehr. Sie halten nicht nur alles für potenziell möglich, sondern denken sich gerne schon mal überall in die Rolle. Für sie ist alles Potenzial schon Wahrheit, sie kennen die abgestufte Bedeutung nicht, die Erwachsene dem Wort geben. Sie fühlen sich darum schon schlecht, ohne einen Grund zu haben. Das Sie zu früh mit dieser Aussage konfrontiert wurden, ist bedauerlich, wirkt aber wie eine Impfung. Ich bin mir sicher, dass Sie in Ihrem Leben besonders achten, diesen unseligen Satz zu widerlegen.

Liebe Alice,
ich hoffe Sie verzeihen mir wenn ich Sie hier duze. Also vielleicht weil ich ein Mann bin wäre es möglich, obwohl gibt es Frauen die Frauen vergewaltigen? Jedenfalls denkbar. Aber mich stört das nicht wenn Sie dieser Meinung sind. Dann kann ich ja auch sagen, im Prinzip ist jeder Mensch ein Mörder. Um dieses Risiko zu minimieren ist es notwendig das vom Kindergarten an den Geschlechtern beigebracht wird sich gegenseitig zu respektieren. Ich glaube wenn das besser in der Gesellschaft verankert wird wäre wohl das Verhältnis von Frauen und Männern entspannter Vorurteilsfreier. Liebe Alice bin ich ein Träumer?

Profilfoto von UsaD.

Das wäre nat. bescheuert, anzunehmen, dass jeder Mann ein Vergewaltiger sei, denn das stimmt ja absolut nicht, Gottlob!
Aber die Frage bezog sich ja auf >potentielle< Vergewaltiger.
Also ungefähr: Sollte eine Frau grunssätzlich (erstmal) misstrauisch sein gegenüber Männern..? Diese Frage ist durchaus (leider!) diskussionswürdig, finde ich.

Es ist und bleibt ein schwieriges Thema. Aus meiner Sicht ist es von Grund auf falsch, gleich jeden Mann als Vergewaltiger abzustempeln.

Profilfoto von Cymaphore

Leandra,
ich habe nicht den Frauen „die Schuld“ gegeben. Ich habe mich lediglich gegen eine pauschale Vorverurteilung einzig aufgrund des Geschlechts ausgesprochen.
Ich halte es im gemeinsamen Kampf gegen (sexualisierte) Gewalt weder für sinnvoll noch für zielführend, Menschen aufgrund ihres Geschlechts derart vorzuverurteilen.
die.SCHWARZE.spinne,
„Auf sie kann frau nicht bauen.“
...halte ich auch für ein ungerechtfertigtes Vorurteil mir gegenüber.
Ich finde, man sollte subjektives Bedrohungsempfinden auch kritisch hinterfragen. Beispielhaft erwähne ich da mal den Fall einer Bekannten, die Abends immer Angst hat, wenn sie alleine die paar Meter von der Stadtbahn nach Hause geht, obwohl sie in einer sehr sicheren und friedlichen Gegend wohnt und ihr noch nie was passiert ist. Meine Kritik daran, dass sie immer wieder aus Faulheit ohne Freisprecheinrichtung hinterm Steuer telefoniert, will sie bis heute nicht ernst nehmen, weil es wird ja schon nichts passieren.

Profilfoto von elektriktrick

"Er ist nicht auf Bestätigung angewiesen. Weshalb jeder, der solche Bezeichnungen auch nur anfängt in Frage zu stellen genau das ausnutzt was denjenigen mit denen er kommuniziert wichtig ist, worüber sie sich sorgen machen und sie mit mehr als unnötigen, vollkommen belanglosen letztlich nur sein eigenes Ego fördernden belanglosen Gefühlsheuchelei besudelt und somit nicht den Dialog sucht sondern lediglich am Fortschritt hindert. "
Ich habe den Satz in Frage gestellt, ich habe es nicht für mich getan, ich habe auch nicht die Gefahr klein geredet. Und da Du meinst man sollte stet alles Hinterfragen: Wann ist ein Gefühl belanglos oder geheuchelt? Wer gibt Dir das recht relevanz von Gefühlen zu bewerten? Woduch drückt sich Fortschritt aus? Wieso braucht ein "guter" Mann keine Bestätigung für sich, ist es überhaupt so? Und wie bewertet dein Hirn ob ein Satz richtig oder falsch ist, ohne ihn auch nur einmal in Frage gestellt zu haben?

Ich freue mich jederzeit über andere Meinungen und Anregungen.
...Möchte jedoch unabhängig davon allen die Ihre Zeit geopfert haben noch einen gut gemeinten Rat mit auf den Weg geben, von dem ich hoffe das ihn sich vielleicht jemand zu Herzen nehmen wird.
Man kann niemandem auf dieser Welt vertrauen, dies ist eine Tatsache, sollte deshalb stets hinterfragen, vor allem sich selbst!! Jedoch trotzdem nicht nicht vergessen seinen Mitmenschen Vertrauen entgegenzubringen, denn nur so besteht die Chance auf allgemeinen Nutzen und somit auch persönlichen Gewinn.

Um genau zu sein bin ich selbst ein Mann, einer derjenigen die zu den "30%" gehört die gelegentlich sadistische Phantasien haben weshalb ich "glaube", denn wir können alle nur glauben, dass das Vorhandensein solcher Phantasien ganz natürlich bedingt ist und somit tatsächlich in jedem Mann eine Art potenzieller Vergewaltiger steckt was jedoch noch lange nicht bedeuten muss das man sich der Gier hingiebt die leider heutzutage generell sehr häufig und in vollkommen unterschiedlichen Lebensbereichen anzutreffen ist (bei Männern wie auch bei Frauen), der man sich deshalb jedoch keinesfalls hinzugeben braucht weshalb ich jedem, nur empfehlen kann und will selbst ein "guter" Mann zu sein denn nur so besteht letztlich die Chance auf einen Gewinn für jede Partei.

Ein, um den genannten Begriff zu verwenden "guter" Mann ist sofern er es wirklich ist schlicht nicht darauf angewiesen sich durch Begrifflichkeiten wie die des potenziellen Vergewaltigers gekränkt o gedemütigt zu fühlen. An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Er ist nicht auf Bestätigung angewiesen. Weshalb jeder, der solche Bezeichnungen auch nur anfängt in Frage zu stellen genau das ausnutzt was denjenigen mit denen er kommuniziert wichtig ist, worüber sie sich sorgen machen und sie mit mehr als unnötigen, vollkommen belanglosen letztlich nur sein eigenes Ego fördernden belanglosen Gefühlsheuchelei besudelt und somit nicht den Dialog sucht sondern lediglich am Fortschritt hindert. Ich bin definitiv kein Misanthrop sonst würde ich nicht extra diesen Kommentar verfassen.

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