Protestantinnen gegen Prostitution

Angelika Klingel
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Das Signal ist eindeutig: Die evangelische Landessynode Württemberg spricht sich zukünftig für ein Sexkaufverbot und für die Einführung der Freierbestrafung nach Schwedischem Modell auch in Deutschland aus. Das haben die Abgeordneten in dem Kirchenparlament - stellvertretend für zwei Millionen ProtestantInnen in der Region - mit überwältigender Mehrheit auf ihrer Sommertagung in Reutlingen beschlossen.

Es handelt sich vielleicht um das älteste Gewerbe der Welt ...

Zwei Jahre hatte Angelika Klingel, Vorsitzende der evangelischen Frauen in Württemberg und Synoden-Mitglied, dafür gekämpft, dass ihr Antrag durchkommt. Es wurde scharf diskutiert, BefürworterInnen und GegnerInnen des Nordischen Modells angehört und immer wieder in Ausschüssen getagt.

Nun heißt es: „Die evangelische Landeskirche in Württemberg spricht sich deutlich gegen Prostitution, Menschenhandel und den damit verbundenen käuflichen Sex aus.“ Denn: „Die Prostitution verletzt die Menschenwürde.“

Die Forderung der KirchenvertreterInnen: Das am 1. Juli in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz soll nach Vorbild der schwedischen Gesetzgebung überarbeitet und das Hilfesystem für Frauen in der Prostitution und ihren Ausstieg schrittweise ausgebaut werden. Vor allem „wird der Oberkirchenrat gebeten, diese Position in all seinen Bezügen - gegenüber der Gesetzgebung, dem Diakonischen Werk in Deutschland und den Gliedkirchen der EKD – deutlich zu machen“.

Hinter dieser Aufforderung verbirgt sich die eigentliche Sprengkraft des Synodenbeschlusses aus Süddeutschland. Denn anders, als man es von einer christlichen Organisation erwarten würde, gibt es in der evangelische Kirche so einige Stimmen „Pro-Sexarbeit“ und für eine noch stärkere Deregulierung des Systems Prostitution.

So hat auch die Diakonie Deutschland zum Beispiel am 30. Juni eine Kritik am neuen - dank SPD und Grünen bis zur Wirkungslosigkeit verwässerten – Prostituiertenschutzgesetz  veröffentlicht. Aber der Diakonie geht selbst die nun per Gesetz eingeführte einmalige (!) Anmeldepflicht für Prostituierte zu weit. Begründung: Sie „drängt Prostituierte eher dazu, im ‚Verborgenen’ zu arbeiten. Nach wie vor werden Prostituierte diskriminiert, sodass sie ihre Tätigkeit oft verschweigen.“ Das wiederum geht völlig an der Realität der Frauen, die wie Frischfleisch aus den osteuropäischen Ländern nach Deutschland geschafft werden, vorbei. Sie würden durch eine Anmeldepflicht überhaupt erst einmal sichtbar (mehr dazu in der Juli/August EMMA).

... aber auch um die älteste Menschenrechts-
verletzung der Welt!

Angelika Klingel sagt: „Wenn sich nicht Frauen wie ich, die fest im Sattel sitzen, für Prostituierte einsetzen, wer soll es denn dann tun!“ Klingel war schon Vorsitzende des Landesfrauenrates Baden-Württemberg und saß im Innovationsbeirat der Landesregierung. Hauptberuflich ist sie die Geschäftsführerin des evangelischen Müttergenesungswerkes in Württemberg. 2013 hat sie als Erstunterzeichnerin den EMMA-Appell gegen Prostitution unterzeichnet. Wie so viele hoffte Klingel da noch auf eine Reform des Prostitutionsgesetzes, die eine ernsthafte Verbesserung bringt. Aber es zeichnete sich schon früh ab: Aus der so notwendigen Reform wird ein Reförmchen.

Klingel entschied: „Dann soll sich wenigstens meine Landeskirche positionieren!“ 2015 reichte sie ihren Antrag „Sexkaufverbot“ das erste Mal ein. Es dauerte zwei Jahre, bis er schließlich vor dem wichtigsten Entscheidungsgremium, der Synode landete. „Ich glaube, dass in vielen Bereichen der evangelischen Kirche gerade ein Umdenken in Sachen Prostitution stattfindet“, ist Klingel sicher. „Denn es handelt sich vielleicht um das älteste Gewerbe der Welt. Aber auch um die älteste Menschenrechtsverletzung der Welt!“

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In der aktuellen EMMA

Prostitution: Empört euch!

Die Sisters protestieren am 1. Juli auf dem Stuttgarter Schlossplatz gegen Prostitution und den Handel mit der Ware Frau.
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Geht ein Mann durch, sagen wir: München. Er stellt sich an eine Bushaltestelle, so eine mit inte­grierter Leuchtreklame, neudeutsch: Citylight. Da strahlt ihn eine Bordellwerbung an. Ist ja heutzutage in deutschen Städten nichts Ungewöhnliches. Auf dem Schriftzug in roter Neonröhren-Ästhetik räkelt sich eine nackte Frau. Der Mann liest – und stutzt. Liest nochmal. Bitte was steht da? „Zu verkaufen: Körper Freiheit Würde“. Und ganz unten: „Bezahlsex zerstört Leben. Sag NEIN zu Prostitution“.

Den Mann gibt es nicht. Noch nicht. Aber das Plakat schon. Und zwar nicht nur in München, sondern in vielen, theoretisch sogar in allen deutschen Städten. Das Plakat ist Teil der Kampagne „RotlichtAus“. Das Konzept: Kommunen oder Initiativen, die ein Zeichen gegen die Verharmlosung des Handels mit der Ware Frau setzen und dabei besonders diejenigen ansprechen wollen, die mit ihrer „Nachfrage“ den Markt überhaupt erst schaffen – nämlich die Freier! – können die Motive anfordern. Sie können sie in ihrer Stadt plakatieren oder auch als Postkarten drucken lassen etc. Drei Motive gibt es insgesamt. Auf zwei weiteren Plakaten sagt die Frau dem Betrachter: „Dein Spaß ist mein Horror-Trip“. Oder: „Du kommst und ich verkomme“.

Prostitution hat etwas mit dem Machtgefälle zwischen Männern und Frauen zu tun

„Wir wollen, dass es wieder eine gesellschaftliche Debatte gibt!“ sagt Manuela ­Rukavina. Die Vorsitzende des Lan­desfrauen­rates Baden-Württemberg ist verantwortlich für die Kampagne, die seit dem 29. Juni läuft. Der Landesfrauenrat ist, gemeinsam mit der Initiative „Sisters – für den Ausstieg aus der Prostitution“, Träger der Aktion, die zudem von bisher 22 Initiativen unterstützt wird – von der Feministischen Partei über EMMA bis zur Diözese Rottenburg/Stuttgart. Denn: „Wir sind uns alle einig, dass Frauen keine Ware sind! Und dass Prostitution etwas mit dem Machtgefälle zwischen Männern und Frauen zu tun hat.“

Schon 2013 hatte der Dachverband, in dem 52 Frauenverbände mit insgesamt 2,5 Millionen Mitgliedern organisiert sind, eine Resolution für eine Reform des Prostitutionsgesetzes verabschiedet: „Einen Menschen zum Konsumartikel zu degradieren, ist mit der Würde des Menschen nicht vereinbar. Ein Freier tut genau dies.“ Der Landesfrauenrat forderte einstimmig ein Sexkaufverbot nach schwedischem Vorbild.

Eine breit angelegte Kampagne fordert: "Rotlicht Aus!"
Eine breit angelegte Kampagne fordert: "RotlichtAus"

Wie wir wissen, kam es anders. Zunächst sah es nach der Bundestagswahl 2013 so aus, als ob es eine echte Chance auf eine wirklich wirksame Reform des Prostitutionsgesetzes gäbe. Zwar würde sich in Deutschland für das Schwedische Modell – inzwischen übernommen von Norwegen, Island, Irland und Frankreich –, das war rasch klar, keine Mehrheit finden. Eine Dekade Propaganda von der „selbstbestimmten Sexarbeiterin“, die ihre „sexuellen Dienstleistungen“ gern und vor allem „freiwillig“ erbringt, hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Aber die Union legte immerhin einen 12-Punkte-Plan vor, um dem menschenverachtenden und oft hochkriminellen Treiben Einhalt zu gebieten. Doch die SPD verhandelte fast alles wieder heraus, was der so genannten „Sexindustrie“ ernsthaft einen Knüppel zwischen die Beine hätte werfen können.

Mindestalter 21? Laut SPD ein „Eingriff in die Berufsfreiheit“. Krankenversicherungspflicht für Prostituierte? Nicht mit den Sozialdemokraten. Das (weltweit einmalige) Weisungsrecht für Bordellbetreiber? Bleibt. Werbung für Bordelle? Ist jetzt nicht mehr länger eine Ordnungswidrigkeit, sondern nur noch bei Gefährdung des „Jugendschutzes“ verboten. Und so weiter.

Nichts im Gesetz setzt die "Sexindustrie" wirklich unter Druck

Die einzige substanzielle Änderung, die am 1. Juli 2017 mit dem neuen „Prostituiertenschutzgesetz“ in Kraft getreten ist, ist die Anmeldepflicht für Prostituierte. Aber auch die wurde von der SPD – unter den Einflüsterungen der Pro-Prostitutions-­Lobby – so stark verwässert, dass sie vermutlich kaum noch ihren Zweck erfüllen wird, nämlich: Die etwa 300.000 Frauen, die sich in Deutschland prostituieren (müssen), überhaupt einmal zu erfassen. Oft sind sie im Land, ohne dass eine Behörde oder gar die Polizei von ihrer Existenz überhaupt weiß. Bewusst werden sie von den Zuhältern von Bordell zu Bordell verschickt. Erstens, weil die Freier „Frischfleisch“ wollen; zweitens, um zu verhindern, dass die Frauen Kontakte knüpfen, die ihnen beim Ausstieg helfen könnten.

Deshalb wäre der einzig effiziente Weg gewesen, dass sich die Frauen in jeder neuen Stadt, in der sie tätig werden, anmelden müssen. Laut Gesetz aber genügt eine einmalige Anmeldung. Immerhin kann die Anmeldebescheinigung verweigert werden. Nämlich dann, wenn „Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass die Person von Dritten durch Ausnutzung einer Zwangslage, ihrer Hilflosigkeit, die mit ihrem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist oder ihrer persönlichen oder wirtschaftlichen Abhängigkeit zur Prostitution gebracht wird“.

Wer aber soll das wie feststellen? Idealerweise die Polizei. Sie kennt die einschlägigen Figuren im Rotlicht-Milieu, sie weiß, ob ein eventueller „Begleiter“ der Frau schon als Zuhälter oder „Loverboy“ aktenkundig ist oder gar auf einer Fahndungsliste steht. Sie weiß, welches Bordell sich von wem „beliefern“ lässt.

Aber: Anders als ursprünglich gefordert, soll die Behörde, die die Anmelde­bescheinigungen erteilt, individuell von den Bundesländern festgelegt werden. Im Zweifel entscheidet dann eben das Ordnungsamt darüber, ob die 18-jährige Svetlana (ist der Pass überhaupt echt ...?), die kaum ein Wort Deutsch spricht und zur Anmeldung ihren „Cousin“ mitgebracht hat (Dritte sind bei dem Gespräch erlaubt), sich gern und freiwillig in Deutschland prostituieren möchte.

Es liegt an der Umsetzung der Bundesländer, welche Wirkung das Gesetz entfaltet

„Dass eine Frau zur Prostitution gezwungen wird, leuchtet ihr nicht auf der Stirn. Deshalb darf es nicht ins Ermessen von Frau Meier oder Herrn Müller vom Ordnungsamt gestellt sein, ob sie eine Anmeldebescheinigung bekommt. Da muss es klare Kriterien geben“, fordert Sabine Constabel, Vorsitzende von „Sisters“. Und diese Kriterien müssen in der „Landesdurchführungsverordnung“ festgelegt sein, die die Bundesländer der jeweiligen Behörde an die Hand geben sollen. „Sisters“ mahnt: „Eine ‚moderate‘ Umsetzung unter dem Vorwand der Verwaltungsvereinfachung, der Kostenersparnis und der ‚Bürgerfreundlichkeit’ spielt direkt in die Hände des kriminellen Milieus.“

Ob die Landesregierungen die kundigen Ratschläge beherzigen? Wir werden sehen. Der Gesetzgeber hat den zuständigen Landesministerien und den Kommunen ohnehin eine Karenzzeit bis Ende des Jahres eingeräumt.

Währenddessen regt sich in der Bevölkerung der Widerstand gegen den Blick auf die Prostitution als „business as usual“. Die Kampagne „RotlichtAus“ ist nur ein Beispiel dafür. „Wir brauchen diese Botschaft an die Gesellschaft, weil die Politik nicht ausreichend handelt“, sagt Sandra Norak von „Sisters“. Die 27-Jährige kennt den Horrortrip Prostitution aus eigener Erfahrung. Sie wünscht sich, dass jeder (potenzielle) Freier weiß, was es bedeutet, seinen Körper zu verkaufen. Und dass die Menschen die Gründe kennen, aus denen Frauen sowas tun. (...)

Der ganze Artikel über den breiten Protest gegen das System Prostitution steht in der Juli/August EMMA. Ausgabe bestellen

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Prostitution – ein deutscher Skandal, Hrsg. Alice Schwarzer (KiWi, 9.99 €)

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Kommentare

Profilfoto von kira m.

Gewerbe - welch Euphemismus. Dann wäre Sklavenhandel auch ein "Gewerbe".
Noch wesentlich ältere menschliche Tätigkeiten sind jagen und sammeln, Kunst, Schamanismus und Sterndeutung. Prostitution ist dagegen vergleichsweise neu.

Profilfoto von Kalimohan

Prostitution ist NICHT das älteste Gewerbe der Welt. Dieser Mythos kommt von den Profiteuren, Tätern und Ausbeutern von Frauen in der Prostitution. Diese Mythen werden bei Kvinnofronten gut beschrieben und aufgeklärt: http://www.kvinnofronten.nu/deutsch/wenn-die-rede-prostitution.htm

Ich freue mich sehr über diese Nachricht. Mir war es suspekt, dass die Evangelische Kirche Deutschland (vor allem die Diakonie), anders als (alle?) anderen christlichen Organisationen, offiziell Pro-Prostitution positioniert ist. Einerseits will die Evangelische Kirche die Frauen in der Prostitution mit Social Work unterstützen, andererseits nimmt sie eine Pro-Prositituions-Haltung ein und fördert gleichzeitig Pro-Prostitutions-Lobby-Verbände! Dank Frau Angelika Klingel gibt es nun hoffentlich schnell eine Wende dieser unsäglichen Vorgangsweise. Immerhin ist die desaströse Situation für Frauen in der Prostitution allgemein bekannt und auch die Vorteile des Nordischen Modells sind gut erforscht.

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