Und ewig zittere das Weib
Ich bin gegen Abtreibung. Und ich bin gegen den Paragrafen 218. Das widerspricht sich? Keineswegs. Denn ich kenne das Leben, und mir geht es wie den meisten Frauen: Wir haben fast alle im Leben schon einmal abgetrieben oder aber es zumindest ernsthaft erwogen. Niemand ist darum so gegen Abtreibung wie wir Frauen selbst. Denn wir sind es, die den Schritt tun müssen, wenn er dann unumgänglich ist wissen wir doch nur zu gut, was es bedeutet, ein ungewolltes Kind zu bekommen (für das Kind wie für die Mutter).
Darum kämpfe ich dafür, dass eine Frau, die sich in dieser Notsituation befindet, nicht auch noch bedroht, belästigt und krank gemacht wird. Bedroht von einem Gesetz, nach dem (zumindest theoretisch) mit bis zu drei Jahren Gefängnis für die Abtreibende zu rechnen ist. Belästigt von Dritten, die obwohl sie oft keine Ahnung haben und die Letzten wären, die Verantwortung für das Kind übernehmen würden uns zwingen wollen, Mutter zu werden. Und krank gemacht von Ärzten, die das medizinische Monopol haben, aber es trotzdem wagen, uns bei diesem Eingriff ihren ärztlichen Beistand zu verweigern.
Auch eine bewusste und aufgeklärte Frau kann ungewollt schwanger werden, selbst das sicherste Verhütungsmittel, die Pille, birgt ein Risiko. Von der Verantwortung der Erzeuger bei der Sache ganz zu schweigen... Doch je größer das Wissen um den eigenen Körper und die eigene Lust ist und je geringer die Selbstverständlichkeit, sexuell zur Verfügung zu stehen und auf Befehl die Beine breit zu machen um so weniger werden Frauen ungewollt schwanger. Darum hat in den letzen 20 Jahren niemand so zur realen Senkung der Abtreibungszahlen beigetragen wie die Neue Frauenbewegung.
Wir waren es, die das dumpfe Schweigen um die sexuelle Beherrschung von Frauen brachen. Wir haben öffentlich ausgesprochen, was jede Frau heimlich wusste: nämlich, dass Sexualität oft mehr ist als oben/unten und rein/raus. Wirkliche Erotik kann nur wachsen zwischen Gleichen und nicht zwischen Ungleichen. Ein Stück sind wir Frauen auf diesem Weg zu einer selbst bestimmten Lust in den letzten Jahrzehnten weiter gekommen jetzt sollen uns Würde und Autonomie wieder ausgetrieben werden. Mit Pornografie, Arbeitslosigkeit und dem § 218. Und das gerade auch von den Kräften, die angeblich für den so genannten Schutz des ungeborenen Lebens sind.
Ein Widerspruch? Keineswegs. Bei der ganzen Abtreibungsdebatte geht es in Wahrheit herzlich wenig um ungeborenes Leben, ja es geht noch nicht einmal wirklich um die Abtreibung. Denn Frauen treiben ab, egal wie die Gesetze sind. Die Frage ist also nicht, ob abgetrieben wird, sondern nur, wie abgetrieben wird. Ob heimlich, gedemütigt und bevormundet oder offen, mit schonenden Methoden und selbst bestimmt.
Es geht um Emanzipation. Denn das Recht, eine ungewollte Schwangerschaft nicht austragen zu müssen, ist eine Voraussetzung dafür. Wie sonst sollte eine Frau ihr Leben planen können, wie den aufrechten Gang überhaupt wagen, wenn über ihr permanent das Damoklesschwert einer Zwangsmutterschaft schwebt?! Und genau das wissen die scheinheiligen Befürworter und Befürworterinnen des § 218 oder einer Zwangsberatung nur zu gut. Sie wollen nicht, dass Frauen die Freiheit haben, über ihren Körper und ihr Leben selbst zu bestimmen. Sie wollen nicht, dass Frauen den Kopf heben. Sie wollen, dass die Sexualität von Frauen weiterhin verknüpft ist mit der Angst vor der ungewollten Schwangerschaft, dem schlechten Gewissen bei der Abtreibung. Frauen sollen weiterhin schön bitte, bitte machen. Unsere Bestimmung sei das Wochenbett und nicht die Welt. Ewig zittere das Weib.
Alice Schwarzer in EMMA 9/1990, veröffentlicht in "Alice im Männerland - eine Zwischenbilanz" (Kiepenheuer & Witsch, 2002).
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