EDITORIAL
Lächerlich
Ich komme aus einer Familie, der ausgesetzte Katzen über den Zaun geworfen und streunende Hunde vor die Tür gesetzt wurden. Die blieben dann, entsprechend ging’s zu. Auch um die Tiere draußen wurde sich gekümmert, um die im Wald oder in der Stadt. Meine Großmutter, die es liebte „in die Stadt“ zu gehen, fütterte Tag für Tag die Tauben auf dem Elberfelder Neumarkt und an anderen einschlägigen Stellen. Mit hastigen Bewegungen verteilte sie Mais und andere Körner aus einer Plastiktüte, umschwärmt von Tauben, die ihr entgegenflogen, sobald sie um die Ecke bog. War sie verhindert ging ich, der 50er Jahre-Teenager.
Und da, beim Taubenfüttern, habe ich etwas begriffen: Ich habe begriffen, wie groß der Hass ist. Tauben verdrecken die Stadt... Das Ungeziefer auch noch füttern... Die sollte man lieber vergasen und Sie gleich mit... Original-Ton. – Da Blieb mir nichts anderes übrig, als mich zu fragen: Wer verdreckt denn hier am meisten die Stadt und die ganze Welt gleich dazu? Wer bestimmt eigentlich, wer „Ungeziefer“ ist und wer „nützlich“ und wer achtbares Leben? Und ist das nicht ein Geist, in dem hier immer gesäubert und vergast werden soll?
Es ist. Dass das Engagement für die Tiere so lächerlich ist, das liegt ganz einfach daran, dass die Tiere selbst so verachtet sind. Das ist bei der Sache der Frauen nicht anders. Frauen, die sich für Frauen oder Tiere einsetzen, sind ähnlich groteske Gestalten: angeblich frustrierte, einsame, alte Frauen mit verbitterten Blick und komischen Hüten (siehe Suffragetten). Und mannlos sind sie, deswegen brauchen sie ja den „Ersatz“. Die Hierarchie ist klar: Ganz oben ist der Eine, der Herrenmensch. In Relation zu ihm sind die übrigen „die anderen“. Unter dem Herrenmenschen sind die anderen Männer.
Unter den Männern sind die Frauen. Unter den Frauen die Kinder. Und ganz unten, unter allen, sind die Tiere. Sie sind die Mindersten von allen. Sind sie nicht mindestens „nützlich“ oder haben das Glück, ein „Lieblingstier“ zu sein, dann sind sie vogelfrei.
Sich für Tiere einsetzen ist so ziemlich das Kläglichste, was der Mensch tun kann. Tut es ein Mann, kann der Fehltritt noch auf dem Spleen-Konto verbucht werden. Tut es eine Frau, gerät sie schnell auf den gefährlichen Abhang, auf dem sie geschwind der alleruntersten Stufe entgegenrutscht...
Frauen und Tiere. Die sind in den Augen des Patriarchats seit Jahrtausenden ein Programm: Sie sind das Fleisch, der Mann ist der Geist; sie sind die Natur, der Mann ist die Kultur; sie sind das Opfer, der Mann ist der Täter. Über 320.000 Deutsche sind stolze Besitzer eines Jagdscheins (noch nicht einmal drei Prozent davon sind Frauen). Doch es sind Millionen, die bewaffnet sind. Denn hinzu kommen die legalen Waffenscheinbesitzer, die illegalen Waffenträger und legalen Messerstecher, von schweren Geschützen ganz zu schweigen. Zur Zeit kostet zum Beispiel eine Handgranate aus Ostbeständen auf dem Schwarzmarkt 80 DM. Und auch da kaufen und verkaufen ausschließlich Männer. Denn Töten und Schlachten ist Männersache. Und es wird an Tieren geübt.
Wer zuende denkt, was Menschen mit Tieren machen, der ahnt, was Menschen mit Menschen tun können. Der Respekt vor dem Anderen ist unteilbar. Wer diesen Respekt nicht vor dem Tier hat – und zwar vor jedem Tier! Und auch vor Ratten und Kakerlaken! – der hat ihn auch nicht vor dem Menschen. Denn so willkürlich, wie einzelne Tierarten oder alle Tiere degradiert werden können, ebenso willkürlich können auch alle Menschen oder einzelne Rassen und Gruppen degradiert werden: Ausländer, Juden, Frauen – es trifft immer die jeweils „Anderen“, die Schwächeren. Und wer nutzlos und wertlos ist, das bestimmen die Einen, die Stärkeren.
Während Sie diese Zeilen lesen, werden in den einheimischen Laboren Zehntausende von Tieren gefoltert und getötet; sie werden in Tierfabriken produziert und an Seele und Körper verkrüppelt; sie werden verladen, gestoßen, geschlachtet; sie werden gequält und verlassen. Das ist alles legal. Der Mensch darf alles machen mit dem Tier, fast alles. Da fällt ihm kein Gesetz und kein Mensch in die Arme.
Das heißt: doch. So ganz gilt das nicht mehr. Immerhin gibt es heute allein in Deutschland eine Million organisierte TierschützerInnen, darunter auch zunehmend TierrechtlerInnen. Ihnen genügt es nicht (mehr), nur zu schützen. Aber es ist keineswegs ein Zufall, dass die Tierrechtsbewegung zuletzt kommt: nach den Menschenrechtsbewegungen (sprich Männerrechtsbewegungen) der 60er, nach den Frauenrechtsbewegungen der 70er und den Kinderrechtsinitiativen der 80er. Jetzt kommen die Tiere. Endlich.
Alice Schwarzer, EMMA Januar/Februar 1994
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