MARGARETE MITSCHERLICH
Femininer Masochismus?
Manche Frauen finden Pornografie anregend, heißt es. Dazu ist die (lustvolle?) Identifikation mit Schmerz Voraussetzung – also ein sexualisierter weiblicher Masochismus.

- Margarete Mitscherlich
Schon Sigmund Freud hat dargestellt, wie Frauen typischerweise Fantasien entwickeln, in denen sie lustvoll erleiden, von Männern vergewaltigt zu werden. Und in der Psychoanalyse ist oft die Theorie vertreten worden, dass Frauen von Natur aus masochistisch seien, das heißt eine Tendenz zur Selbstquälerei und zur Lust am Leiden zeigten.
Freud meinte, dass die Erziehung und die Haltung der Gesellschaft sowie die psychischen Folgen ihres biologisch-anatomischen Schicksals der Frau eben gar nichts anderes übrig ließen, als die Aggression gegen sich selbst zu wenden und dabei eine masochistische Leidenslust zu entwickeln. Ja mehr noch: Ihr Masochismus sei die Vorbedingung dafür, dass sie den Geschlechtsverkehr überhaupt genießen könne.
Diese Behauptungen zeigen, dass Freud sich in seiner Zeit nicht vorstellen konnte, wie tiefreichend gesellschaftliche Verhältnisse, speziell sexuelles Verhalten der Geschlechter zueinander, sich ändern können. Inzwischen wurden die „typisch masochistischen“ Verhaltensweisen der Frauen als psychische Verarbeitungen von pathologischen sozialen Verhältnissen erkannt.
Der Masochismus wurde in der Psychiatrie zunächst als Perversion verstanden, in welcher die sexuelle Befriedigung an Schmerz und Demütigung gebunden ist. Die Psychoanalyse entwickelte diesen Gedanken weiter. Mit dem Ausdruck „femininer Masochismus“ bezeichnete Freud eine Haltung, in der sich das Bedürfnis nach Geschlagen- und Vergewaltigtwerden im erotischen Sinne mit einer allgemeinen Neigung zur Unterwürfigkeit und zum mehr oder weniger demonstrativen passiven Erdulden verbindet.
Diese Form des Masochismus als „feminin“ zu bezeichnen, ist allerdings Ausdruck eines typischen Vorurteils, denn die klinische Erfahrung lehrt, dass sie auch beim Mann anzutreffen ist. Nur: Bei der Frau wird Masochismus als natürlich angesehen, beim Mann gilt er als Perversion.
Praktizierenden Psychoanalytikern begegnen bei Frauen bis heute nicht selten Vergewaltigungsfantasien, die für sie sexuell stimulierend sind. Die genauere Beobachtung hat jedoch gezeigt, dass es sich dabei um qualitativ unterschiedliche Vorgänge handelt, denn die real erlebten Vergewaltigungen werden so gut wie nie als lustvoll empfunden. Sie ziehen häufig bleibende psychische Schäden nach sich.
Fantasierte und real erlebte Vergewaltigung lassen sich einander nicht gleichsetzen. Fantasien der Frauen selbst über sexuelle Vergewaltigungen sind weder so brutal wie die Wirklichkeit, noch so einfühlungslos wie diese. Sie machen auch – im Gegensatz zur tatsächlichen Vergewaltigung – nicht hilflos.
Im Gegenteil: Wer fantasiert, ist kein Opfer, er ist Schöpfer und Beherrscher der Situation, die er fantasiert. Das heißt: Eine Frau, die Vergewaltigungen fantasiert, wünscht sich deswegen noch lange nicht real, auch vergewaltigt zu werden!Die Tatsache, dass masochistische Fantasien so zahlreich bei Frauen anzutreffen sind, muss auf ihre jahrhundertelange soziale und familiäre Fesselung zurückgehen. Nur in Gesellschaftsordnungen, in denen die Herrschaft des „starken“ Mannes als Naturgesetz ungefragt hingenommen wurde, konnten Vorstellungen von der Eroberung und Überwältigung sich wehrender Frauen als sexuell besonders anregend gelten und sich entsprechend auch in den Fantasien und Verhaltensweisen beider Geschlechter niederschlagen.
Gegen die Verinnerlichung und die damit verbundene Hilflosigkeit solcher gesellschaftstypischen Haltungen konnten sich die Frauen oft nur zur Wehr setzen, indem sie – wie auch so mancher Schriftsteller – mit Hilfe ihrer Fantasie aus passiv unterdrückten Wesen zu aktiven Schöpferinnen ihres Leidens wurden.
Übertrieben sich aufopferndes Verhalten – zum Beispiel die Frau als demütige Dienerin etc., die Neigung, als Mutter für alle in der Familie stets da zu sein (wodurch die übrigen Familienmitglieder unselbstständig und infantil bleiben) – sind jedoch die Konsequenz falscher Ideale, wie sie der Frau unserer Kultur seit Jahrhunderten aufgezwungen worden sind. Letztlich haben sie ihr aber mehr Verachtung als Bewunderung eingetragen.
In der masochistischen Aufopferungshaltung der Frauen ein weibliches Idealbild zu sehen, wie uns traditionelle Wertnormen glauben machen wollen, ist absurd. Für Psychologen ist klar, dass es einen psychischen Masochismus ohne die andere Seite der Medaille, den psychischen Sadismus, nicht geben kann. Jeder einigermaßen sensible Mensch wird den weiblichen Masochismus deswegen eher als abschreckend empfinden und unter den Schuldgefühlen leiden, die ihm durch solche Aufopferungs- oder Demutshaltungen aufgezwungen werden.
Das unbewusste Strafbedürfnis des moralischen Masochisten, der die Neigung hat, für ihn schädliche Situationen herzustellen, finden wir bei beiden Geschlechtern in gleichem Maße. Seine Wurzeln sind in der frühen Kindheit zu suchen. Insbesondere die als allmächtig empfundene Mutter der ersten Kinderjahre wird für unvermeidbare Enttäuschungen verantwortlich gemacht.
Die Abhängigkeit von ihr wird als Unterdrückung erlebt, weshalb sie entsprechend gehasst wird. Da sie aber gleichzeitig geliebt wird und man in hohem Maße innerlich von ihr abhängig geblieben ist, muss der Hass verdrängt werden. Als Reaktion darauf entwickeln sich angstvolle Schuldgefühle. Sie tauchen als Strafbedürfnis im Leben des moralischen Masochisten wieder auf.
Die als sexuell lustvoll erlebten Vergewaltigungs-, Unterwerfungs- oder Erniedrigungsfantasien haben eine andere psychische Funktion. Sie sind ein Versuch, auf initiative Weise bisher passiv erlittene Befehlssituationen in kontrollierbare Situationen zu verkehren und aus Unlust Lust zu machen. Hilflosigkeit wird so schrittweise überwunden, indem die Fantasien dem Ich, der eigenen Kontrolle unterstehen.
Dieser sexuelle und moralische Masochismus der Frauen ist eine generationenalte Identifikationskette, die so leicht nicht zu durchbrechen ist. Der Kampf um neue Ich-Ideale ist darum unvermeidbar. Die Frauen müssen sich um Bewusstmachung stereotyper masochistischer Verhaltensweisen bemühen.
Margarete Mitscherlich-Nielsen, EMMA 5/2007
Der Text erschien erstmals in EMMA 9/1977.
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