Das andere Geschlecht
Wer hat je ein Buch geschrieben, das das Schicksal aller Menschen verändert?
"Man kommt nicht als Frau zur welt, man wird es. Kein biologisches, physisches, wirtschaftliches Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen annimmt."

Nach dem Tod von Simone de Beauvoir am 14. April 1986 schrieb die amerikanische Feministin Kate Millett: "Wer hätte je ein Buch geschrieben, das das Schicksal aller Menschen verändern würde?" Und sie fuhr fort: "Es wird Zeit brauchen, voll und ganz zu ermessen, welche Auswirkungen 'Das andere Geschlecht' auf die Sozialgeschichte gehabt hat, auf das Privatleben, das Alltagsbewusstsein und die Wahrnehmung." In der Tat, der 1949 erschienene Essay, der in dem Kernsatz gipfelt: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu (gemacht)"- hat die lesenden Frauen auf (fast) der ganzen Welt direkt erreicht. Und den Rest indirekt. Auch die Tatsache, dass die Kommunisten es in ihrem Herrschaftsgebiet ebenso verboten wie der faschistische Diktator Franco in Spanien und der Vatikan es auf den Index setzte, konnte den Siegeszug dieses Buches nicht aufhalten.
"Das andere Geschlecht" erschien zwischen zwei Frauenbewegungen (der historischen bis zum Ersten Weltkrieg und der neuen ab 1970) und steht in der Tradition von Feministinnen wie Olympe de Gouges (1748-1793), Mary Wollstonecraft (1759-1797) oder Virginia Woolf (1882-1941), auf die Beauvoir sich auch beruft. Doch es geht weit darüber hinaus. Beauvoirs umfassende kulturgeschichtliche und soziologische Abhandlung der Lage der Frauen in einer männerdominierten Welt ist der radikalste und visionärste Beitrag zur Emanzipation der Frauen im 20. Jahrhundert.
Die Verbindung von Theorie und Praxis, von Werk und Leben, die öffentliche Freiheit, die seine Autorin sich auch praktisch nahm, verstärkte die Wirkung des Buches und die Polarisierung der Reaktionen. Von nun an wurde Simone de Beauvoir, die bis dahin als Philosophin und Romancière in fortschrittlichen Kreisen geachtet war, in erster Linie als Frau wahrgenommen - was bekanntermaßen nicht unbedingt zum Vorteil einer Schriftstellerin gereicht. Und sie wurde als Person zum öffentlichen Skandalon.
1976 erzählte Beauvoir mir im Interview: "Mir ging damals ein saftiger Ruf als Lesbe voraus. So ist das eben: Eine Frau, die es wagt, solche Dinge zu sagen, die kann ja nicht 'normal' sein." Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass Beauvoir ausgerechnet in der Zeit, in der sie "Das andere Geschlecht" schrieb und veröffentlichte, ihre leidenschaftliche Affäre mit Nelson Algren hatte - und es Sartre gewesen war, der den letzten Anstoß zum Schreiben dieses Jahrhundert-Essays gegeben hatte: "Sie [sind] nicht so erzogen worden wie ein Junge!", hatte er gesagt. "Das muss man genauer untersuchen."
Beauvoir untersuchte es genauer. "Es ist merkwürdig und es ist anregend, mit vierzig Jahren plötzlich einen Aspekt der Welt zu entdecken, den man vorher nicht gesehen hat", schrieb sie später in ihren Memoiren über den Beginn dieser Arbeit. Was nicht ganz zutraf. Denn sie hatte schon als junges Mädchen ein sehr starkes Bewusstsein von ihrem Frausein gehabt, wie ihre Tagebücher beweisen. Doch das hatte sie, an der Seite ihrer "Kameraden", wieder verdrängt. Zwanzig Jahre lang.
Über ihre Arbeitsmethode beim "Anderen Geschlecht" schreibt Beauvoir Jahre später in "Der Lauf der Dinge": "Als ich von mir sprechen wollte, merkte ich, dass es sich nicht umgehen ließe, die Lage der Frau zu schildern. Zuerst untersuchte ich die Mythen, welche die Männer in der Kosmologie, in der Religion, im Aberglauben, in der Ideologie, in der Literatur geschaffen haben. (...) In jedem Fall tritt der Mann als Subjekt auf und betrachtet die Frau als Objekt, als das Andere (...). Aus der Geschichte leitete ich einige Gedanken ab, die ich noch nirgends angetroffen hatte: Ich verknüpfte die Geschichte der Frau mit der des Erbrechts, das heißt, sie erschien mir als eine Folge der wirtschaftlichen Entwicklung der Männerwelt (...). Ich habe ihre Entstehung von der Kindheit an bis ins Alter hinein zu beschreiben versucht. Ich habe die Möglichkeiten untersucht, die diese Welt den Frauen bietet, und die Möglichkeiten, die sie ihnen vorenthält, ihre Begrenzungen, ihr Glück und Unglück, ihre Ausflüchte, ihre Leistungen. Auf diese Weise kam der zweite Band zustande: 'Gelebte Erfahrung!' Zu dieser Arbeit brauchte ich nur zwei Jahre."
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In Wahrheit hat sie diese Arbeit innerhalb eines Jahres abgeschlossen, und zwar mit Wucht. Entsprechend waren die Reaktionen. Sie antwortet: "Eines der Missverständnisse, die mein Buch ausgelöst hat, besteht darin, dass man glaubte, ich leugnete jeden Unterschied zwischen Mann und Frau. Ganz im Gegenteil. Beim Schreiben wurde mir klar, was die Geschlechter trennt. Ich behauptete lediglich, dass diese Verschiedenheiten nicht natur-, sondern kulturbedingt sind."
Im zweiten Teil, in der "Gelebten Erfahrung" schließt die Autorin vom Besonderen aufs Allgemeine. Unerhört tabulos für ihre Zeit spricht sie über Sexualität und Mutterschaft. Letztere ist für Beauvoir "kein schöpferischer Akt", sondern ein "körperlicher Vorgang". Im vorletzten Kapitel, den "Rechtfertigungen", geißelt sie scharf die Kollaboration von Frauen im Patriarchat via Identifikation mit Unterwerfung und Leid, also den weiblichen Masochismus. Das Finale, "Die unabhängige Frau", ist eine mitreißende, strahlende Vision von der Gleichheit der Geschlechter.
Die Rezeption des "Anderen Geschlechts" war ein Vierteljahrhundert später auch unter Feministinnen unterschiedlich. Zunächst gab es eine breite Zustimmung zu dieser singulären, alles überragenden und wegweisenden Streitschrift. Sie wurde als Aufforderung zum Handeln verstanden. Bald nach Aufbruch differenzierten sich die unterschiedlichen feministischen Strömungen, von den Gleichheitsfeministinnen bis zu den Differenzialistinnen. Letztere begannen ab Mitte der 70er Jahre, Beauvoir scharf zu kritisieren - nicht zuletzt in Reaktion auf Beauvoirs Kritik in den Interviews, die ich in den Jahren 1972 bis 1982 mit ihr führte.
Kaum war der Differenzialismus Ende der 80er Jahre passé, kamen die QueertheoretikerInnen und kreideten Beauvoir das Gegenteil an, nämlich einen "biologischen Determinismus". Die allerneueste Nachricht nun lautet, der sogenannte "Postfeminismus "(was immer das sein mag) orientiere sich heute wieder an Beauvoir.
In der Tat wirkt der in der Nachkriegszeit geschriebene Text in dieser Periode des desillusionierten Postfeminismus eigenartig aktuell. Doch es stimmt: Die Autorin vom "Anderen Geschlecht" beharrt, im Gegensatz zu den Queertheorien, auf einem letzten erotischen Unterschied zwischen den Geschlechtern. ("Zunächst einmal ist zu sagen, dass bestimmte Unterschiede zwischen Mann und Frau immer bestehen bleiben werden.") Und da ist noch ein Punkt: die Gewalt. Beauvoir unterschätzte das Ausmaß der strukturellen Gewalt von Männern gegen Frauen und Kinder, was jedoch nicht ihr anzukreiden ist. Schließlich war die Gewalt in den 40er und 50er Jahren noch ein totales Tabu, sie galt als Herrenrecht und nicht als Politikum. Die wahren Dimensionen der "privaten Gewalt" wurden erst von der Neuen Frauenbewegung ab Mitte der 70er Jahre erkannt und benannt.
Wie auch immer, es gilt weiterhin, was Millett gesagt hat: Es wird noch eine Zeit brauchen, bis wir die Auswirkungen dieses einen Buches in seiner vollen Dimension erfassen werden.
Auszüge aus "Das andere Geschlecht".
EMMA 1/2008
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