EIN HAUSBESUCH
Welt verkehrt
Eigentlich hatte der Berufsoffizier sich das alles ganz anders vorgestellt. Doch dann verließ ihn seine Frau für einen Jüngeren.

- Vater Hill mit Kindern: Tamara, Katharina und Martin.
Tamara hat elf Jahre lang nicht gewusst, dass ihr Vater gern kocht. „Vor allem die Soßen zum Samstagabendbraten“, schwärmt sie mit großen Augen hinter ovalen Brillengläsern, „damit kann er Stunden verbringen.“ Stefan Hill grinst etwas verlegen seinen Teller an. Wie sauer ihr Papa werden kann, davon hatte Tamara allerdings auch keine Vorstellung. Wenn die drei es nicht mal für nötig hielten, ihre Zimmer aufzuräumen, obwohl er den ganzen Haushalt schmeißen musste. Inzwischen halten die Kinder sogar ihr Badezimmer selbst sauber.
Aber das war harte Überzeugungsarbeit, denn von ihren Freunden muss zuhause keiner so mit anpacken wie die drei: die 17-jährige Tamara, die 15-jährige Katharina und der 12-jährige Martin. Die Kinder mussten sich auch erst daran gewöhnen, einen Vater zu erleben, der gerade nicht weiter weiß. Wenn zum Beispiel die ARGE, wie das Arbeitsamt heutzutage heißt, droht, sie müssten raus aus der Wohnung, in eine kleinere und billigere. Weil ihnen mit vier Leuten nur 90 Quadratmeter zustehen statt 100.
Gefühle zu zeigen, war nie sein Problem, meint Stefan Hill heute, sondern dass er nicht wusste, wem er sie zeigen sollte.
Zum Beispiel, als sich seine Frau vor sechs Jahren in einen anderen verliebte und die Familie verließ. Bis dahin gab es keine Geldsorgen, sie hatten ein großes Haus mit Garten und wenn Papa am Freitag nach Hause kam, wurde etwas unternommen: zum Beispiel ein Ausflug in einen der Center Parcs mit Wasser- und Wellnessparadies. „Damals habe ich nicht mal drüber nachgedacht, wie viel das kostet, ein Wochenende für fünf Personen!“, erzählt Hill kopfschüttelnd: „Heute eigentlich auch nicht, weil es gar nicht in Frage kommt. So was können wir uns schon lange nicht mehr leisten.“
Aus der Sicht seiner früheren Kollegen könnte man die letzten Jahre im Leben von Stefan Hill als sozialen Abstieg bezeichnen. Hill ist der gehobenen Mittelschicht entglitten. Vielleicht nicht für immer, aber bestimmt noch für einige Jahre. Weil er sich einer Verantwortung gestellt hat, die in der überwältigenden Mehrheit der Fälle an den Frauen hängen bleibt. Er hat sogar darum gekämpft – nachdem klar wurde, dass seine Frau die Kinder trennen wollte. Tamara sollte bei ihr bleiben, Katharina und Martin bei ihrem Vater. „Dass Mama und Papa getrennte Wege gehen, war für die Kinder schon schlimm genug. Aber dass dann auch noch die drei auseinander gerissen werden, war für mich unvorstellbar.“
Stefan Hill stellte seine Frau vor die Alternative: alle oder keins der Kinder. Dass sie dann plötzlich alle drei zu sich nehmen wollte, hält Stefan Hill heute für eine Trotzreaktion. Es blieb nicht dabei. Eine Woche vor dem Gerichtstermin rief sie ihn an und machte alles rückgängig. Ohne diesen Anruf wäre Stefan Hill jetzt wahrscheinlich einer von Hunderttausenden Unterhaltszahlern statt allein erziehender Vater von drei Kindern. Einer von gerade mal 6.000 in ganz Deutschland.
Hill ist bis heute überzeugt, dass seine Chancen beim Kampf um die Kinder schlecht gestanden hätten. „Einfach weil Frauen vor dem Familienrichter immer noch die besseren Karten haben“, wie er achselzuckend erklärt, „egal wie die Umstände aussehen“. Zu den Umständen gehörte ein Student, den seine Frau beim Job kennen gelernt hat, zwölf Jahre jünger und Praktikant. Inzwischen leitet seine Ex eine eigene Kampfsportschule in München und sieht die Kinder nur noch in den Ferien. Mit dem damaligen Scheidungsgrund ist sie seit drei Jahren verheiratet.
„Eigentlich so ein Typ wie ich“, findet Hill, „nur eben ein deutlich jüngeres Modell: BWLer, ehrgeizig, sportlich …“. Unter seinen verschränkten Armen versteckt er einen kleinen Bauch und lächelt, „die Plauze hier habe ich erst beim Taxi fahren angesetzt.“
„Ganz schöne Kämpfe“ habe er auszustehen gehabt, mit seiner Frau, mit sich, mit den Rollenbildern einer Gesellschaft, die allein erziehenden Vätern den einen oder anderen Stein in den Weg legt. „Aber ich hab das Beste draus gemacht“, findet Hill. „Allein mit den Kindern hatte ich einfach nie Zeit für Depressionen“, erzählt er, während er aufsteht, um Fleisch und Kartoffeln in die Mikrowelle zu schieben, „und irgendwann auch keinen Grund mehr. Ich möchte diese intensive Erfahrung mit den Kindern nicht missen.“ Diese „180-Grad-Drehung“ von der Vollzeit-Karriere zum Vollblut-Vater, die sei schon gut und bereichernd gewesen. Nur würde Stefan Hill „das, was er im Studium und bei der Bundeswehr gelernt hat, einfach gern wieder anwenden“.
Heute ist Dienstag, also Omatag. Die Kinder kommen früher aus der Schule und werden von Stefan Hills Mutter bekocht. Wenn er dann am frühen Abend von seiner Taxischicht zurückkehrt, steht eine Portion vom Mittagessen für ihn bereit.
Der Alltag bei den Hills ist komplett durchorganisiert: Einkaufen geht nur am Mittwoch und Freitagnachmittag, und von den Wochenendschichten ist Stefan Hill befreit, als Einziger unter seinen Kollegen. Und dass alle Kinder eine Ganztagsschule besuchen, war keine Frage der Bildung, sondern der Organisation. Der Umzug der Familie von Bonn nach Köln wurde auch nicht groß diskutiert, denn ohne die Unterstützung seiner Eltern hätte Stefan Hill sein neues Leben nicht so einfach bewältigen können.
Er hat sich eingelebt in seine verkehrte Welt. Mittlerweile ist es so weit, dass er sich freut, wenn sich wieder mal ein Brief vom Jugendamt verirrt, in dem es dann heißt, er solle sofort die Unterhaltsvorschüsse zurückzahlen. Worauf Hill die ahnungslose Sachbearbeiterin anruft und einfach nur fragt, ob sie sich die Akte genau angeschaut hatte. Dann folgt das übliche Frage-Antwort-Spiel: „Was steht denn da, wo die Kinder gemeldet sind, um die es geht?“ Kurzes Rascheln am anderen Ende der Leitung. „In Köln.“ „Ja, und an welche Adresse haben Sie Ihr Schreiben geschickt?“ Etwas längeres Schweigen. „Nach Kö… oh, Mist.“ Nach fünf Jahren und vielen Missverständnissen kann Stefan Hill solche Momente genießen. Weil er einer Beamtin ein „Schiete“ entlockt hat und eine Entschuldigung. Und weil dabei ein gewisser Respekt mitschwingt.
Vor fünf Jahren noch hätte er jeden ausgelacht, der ihm prophezeit hätte, er würde einmal den Taxischein machen, um seine Familie über Wasser zu halten. Nach einem BWL-Studium und 12 Jahren als Offizier bei der Bundeswehr; nach einer zweiten Karriere in der Privatwirtschaft mit der Verantwortung für Millionenetats. Dass die Geschäftsaufgabe seines Arbeitgebers ausgerechnet in die Trennungszeit fiel, nahm er noch gelassen. Er hatte genug Angebote, die warten konnten, eine fette Abfindung und das Geld vom Hausverkauf in der Tasche.
Aber das war irgendwann aufgebraucht und seine Bewerbungsversuche für einen Job als Projektleiter oder Controller verliefen immer nach demselben Muster: Wenn er als geschiedener Mann mit drei Kindern überhaupt eingeladen wurde, dann zielte spätestens die zweite Frage auf den Unterhalt: „Da muss aber eine Menge reinkommen, wenn sie für drei Kinder zahlen müssen?“ In einem Vorstellungsgespräch bot man ihm sogar an, beim Bescheißen zu helfen: „Da können wir ja am offiziellen Gehalt was tricksen, damit die Überweisungen nicht so üppig ausfallen.“
Wenn Hill daraufhin erklärte, dass er gar keinen Unterhalt zahlt, dauerte es immer ein bisschen, bis die Botschaft bei den Gesprächspartnern ankam. „Und dann konnte man zusehen, wie die Vorhänge fielen.“ Hill konnte es seinem Gegenüber nicht mal übel nehmen, war er doch kurz vorher selbst noch Teil des Systems gewesen. „Ich weiß, wie das läuft, die rechnen einfach nur stumpf zusammen: drei Kinder, das bedeutet zum Beispiel mindestens 30 Tage Anspruch auf Sonderurlaub bei Krankheit etc.“ Irgendwann nach der 100sten Bewerbung hat Stefan Hill dann aufgegeben. „Bei einem Mann ist da eben immer die Erwartung, dass ihm jemand den Rücken frei hält“, sagt er, „und das kann ich nicht bieten.“
Dass sich damals hinter seinem Rücken etwas zusammenbraute, hatte Hill lange Zeit nicht wahrhaben wollen. Auf einem Schwarzweißfoto im Wohnzimmerregal posiert er mit Schnurrbart und nacktem Oberkörper, seine muskulösen Arme halten Martin, das Nesthäkchen, damals ein Jahr alt, wie ein teures Accessoire. Für einen Außenstehenden kaum wiederzuerkennen. Dass er damals nicht zufrieden war, hat Hill erst während einer Therapie nach der Trennung verstanden. „Permanent auf Geschäftsreise, ackern wie ein Blöder, 70 Stunden die Woche. Damals dachte ich, ich tue das alles für die Familie.“
Heute weiß er, dass es irgendwann nur noch darum ging, den Lebensstil zu halten: das Haus am Rhein, ein Motorrad und dreimal im Jahr in Urlaub. Seine Frau schien das genauso zu genießen wie er, auch wenn sie sich immer öfter darüber beklagte, dass sie ja im Grunde allein erziehend sei. In dieser Zeit war Hill die Woche über in Leipzig und meistens nicht mal erreichbar. Noch heute trauert er um die verpassten Jahre, in denen die Kinder eher zu seinen wenigen Freizeitvergnügen als in sein Leben gehörten. Er hätte früher aufwachen können aus diesem „Ikeakatalogleben“, stattdessen hat er lieber nicht so genau hingesehen. Nicht als seine Frau jeden Abend das Haus verließ, sobald er zuhause war. Auch dann nicht, als ihn Freunde ansprachen, wer denn der Mann sei, mit dem man sie in der Disco getroffen hat.
Irgendwann in dieser Zeit haben die beiden ganz aufgehört zu reden. Dass sie eine Mutter-Kind-Kur über Weihnachten und Neujahr beantragt hatte, in einem entlegenen Kloster im Bayerischen Wald, erfuhr er von der Krankenkasse. Dass es einen neuen Mann im Leben ihrer Mutter gab, begriffen Tamara, Katharina und Martin, als sie ihn ihnen dort eines Abends vorstellte – sie hatte ihn bei der Leitung als ihren Ehemann angemeldet. Während Hill erzählt, räumen Katharina und Martin den Abendbrottisch ab, die Spülmaschine aus und wieder ein, alles ohne Aufforderung. Das Leben der Hills teilt sich auf in vor und nach der „Kur“ – der Anfang vom Ende ihrer alten Familie.
„Für den Jungen war es am schwersten“, sagt Stefan Hill später bei einem Glas Wein. Nach der Trennung hat Martin seinen Vater angefleht, ob es nicht möglich wäre, dass alle zusammen in ein Haus ziehen: Papa, Mama, der neue Freund und die Kinder. „Er war vor allem das Wunschkind meiner Frau“, erzählt Hill.
Dass alle drei nach der Trennung erstmal Probleme in der Schule hatten, ist für Stefan Hill keine Frage seines persönlichen Versagens, sondern eine normale Reaktion: „Alle Scheidungskinder kriegen einen Knacks mit. So ist das.“ Wenn er nicht weiter weiß, geht er mit den Kindern zu einer Familientherapeutin. Er selbst hat seine Therapie längst abgeschlossen. Dass seine Frau einen Neuen hatte, kann er heute akzeptieren. Dass sie ihn mit den Problemen der Kinder allein ließ, nicht. Er ist enttäuscht, aber inzwischen ist der Groll verflogen.
Was ihm Sorgen macht, ist, dass die Kinder ihrer Mutter gegenüber gleichgültiger werden, „und das ist schlimmer als Ablehnung“, sagt er. Sogar Martin geht heute vor anderen gern auf Distanz zu seiner Mutter, frotzelt über Diätprodukte und Schlankheitswahn. Katharina steigt mit ein und lästert über ihre bauchfreien Oberteile. Stefan Hill geht dazwischen. Er will nicht, dass die Kinder so respektlos über ihre Mutter reden. „Aber dass sie ihr entgleiten“, sagt er, „das kann ich nicht verhindern.“
Seit sie von Wuppertal in die Nähe von München gezogen ist, kommen die drei seltener auf die Idee, dort anzurufen. Der Rollentausch ist inzwischen auch emotional vollzogen, die Mutter rückt nicht nur geografisch immer weiter in die Ferne. Hill versucht erst gar nicht, sie zu ersetzen. Stattdessen schraubt er die Erwartungen an sich selbst und die Kinder so weit möglich runter und freut er sich über alles, was in seiner Familie einfach mal geradeaus läuft.
Manchmal muss er eben auch auf weibliche Unterstützung zurückgreifen. Zum Beispiel, als bei der 15-jährigen Katharina der Besuch beim Frauenarzt anstand. Er hat seine Tochter gefragt, ob er mitgehen soll oder lieber Sonja, seine Schwägerin. Und war erleichtert, dass Katharina sich für Sonja entschieden hat. Über die körperlichen Veränderungen weiß er „theoretisch“ zwar Bescheid und hat seine Töchter auch über alles aufgeklärt. „Aber ich habe nicht den Anspruch, für jedes Problem der richtige Ansprechpartner zu sein.“
Solange die Kinder seine Bratensoßen mögen und ihre Hausaufgaben machen, solange sie nicht zu früh heiraten und ihre Träume leben, ist seine verkehrte neue Welt in Ordnung.
Lisa Ortgies, EMMA 1/2009
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