Annette Schavan
Ich habe meinen eigenen Kopf
Als die Interviewerinnen ankommen, posiert die Ministerin gerade für Bettina Flitner. Und die Fotografin schafft es tatsächlich, Annette Schavan dieses Lächeln zu entlocken, das so typisch ist für sie, das aber kaum je auf Fotos zu sehen ist. Denn Schavan ist schließlich Rheinländerin – und das lässt sich trotz langer Jahre in Schwaben und Preußen nicht leugnen. In Journalistenkreisen heißt es jedoch gerne, die Ministerin sei „dröge“. Und was mache sie überhaupt als Herrin über Forschung und Bildung? Dieses Gespräch zeigt: Sie macht eine ganze Menge, darunter vieles, was ganz speziell auch die Frauen betrifft. – Ihr Ministerium hat über 900 MitarbeiterInnen und ein Jahresbudget von 10,9 Milliarden Euro im Jahr 2010. Und das wurde für 2011 gerade auch noch aufgestockt um 746 Millionen Euro. - Nachfolgend Auszüge aus dem Gespräch, das vollständige Interview in der Print-EMMA Herbst 2010.

EMMA: Frau Ministerin, Sie sind seit fünf Jahren im Kabinett. Macht Regieren eigentlich Spaß?
Ministerin Dr. Annette Schavan: Ja! Immer noch. (Sehr breites Lächeln) Mir macht das Spaß, was der Kern von Politik ist: Nämlich zu jedem Thema sehr viele Informationen und Meinungen zur Verfügung zu haben – und dann entscheiden zu können. Da scheue ich auch keine Kritik.
Aber ist es dann nicht frustrierend, nie gelobt zu werden, sondern immer nur zu hören: Von der hört man ja gar nichts.
Mein Ziel ist nicht, gelobt zu werden. Ich tue die Dinge nicht, damit mich alle toll finden. Dazu habe ich viel zu sehr meinen eigenen Kopf. Politik heißt ja nicht, allen gefallen müssen, sondern für das Gemeinwohl entscheiden. Aber ich kann Sie beruhigen: Ich bekomme durchaus auch Zustimmung. In der Forschung zum Beispiel herrscht zurzeit eine große Zufriedenheit.
Frau Schavan, Sie gelten als Kanzlerin-Vertraute. Wie darf man sich das vorstellen? Was macht einen zur Vertrauten von Frau Merkel?
Die kürzeste Antwort darauf lautet: Darüber spricht man nicht.
Damit geben wir uns aber nicht zufrieden!
Das habe ich mir schon gedacht.
...
Machen Sie sich eigentlich auch Sorgen um die Jungen, die Gefahr laufen, ohne Schulabschluss zu den so genannten Bildungsverlierern zu werden?
Ich halte diese These, dass speziell die Jungen die Bildungsverlierer seien, für sehr strittig. Sicher, je nach Altersstufe gibt es mädchen- und jungenspezifische Probleme. Da können wir in gewissen Altersstufen auch mal einen nach Jungen und Mädchen getrennten Unterricht in Naturwissenschaften einführen. Aber das lässt sich alles vor Ort ganz pragmatisch lösen. Darauf kann Schule ohne großes Brimborium reagieren. Nach vielen Schulbesuchen komme ich zu dem Schluss, dass wir die „bewegungsfreundliche Grundschule“ einführen müssen. Da wird dann das Problem leistungsschwacher Jungen sehr schnell abgebaut. Ganz einfach, weil sie sich genug bewegen können.
Da spielt auch das Problem Migrantenkinder rein. Sie waren als Landesministerin der erste Politiker, der das Kopftuchverbot für Lehrerinnen am Exempel der klagenden Deutsch-Afghanin Fereshta Ludin gefordert und durchgefochten hat. Die anderen Bundesländer sind Ihnen gefolgt. Zurzeit wird über die Burka gestritten. Sind Sie für ein Burka-Verbot?
Ich verstehe die Forderungen nach einem Burka-Verbot. Aber ich weiß auch, dass dies in Deutschland juristisch schwierig ist.
Frankreich hat das Tragen der Burka im öffentlichen Raum jetzt verboten. Und bereits vor sechs Jahren hat Frankreich auch das Kopftuch für Mädchen in der Schule verboten. Wie stehen Sie dazu?
Der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland ist ja, dass Frankreich ein laizistisches, ein weltliches Land ist, während in Deutschland die Weltanschauung im öffentlichen Raum akzeptiert wird. Ich gehe darum davon aus, dass ein Kopftuchverbot wegen der bei uns herrschenden Religionsfreiheit vor dem Bundesverfassungsgericht scheitern würde.
Das Gespräch führten Alice Schwarzer und Margaret Heckel, EMMA Herbst 2010
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