Im Gespräch mit Alice Schwarzer
Margarete Mitscherlich: "Ich bin uralt!"
Nachfolgend ein Auszug aus dem Gespräch. Das komplette Interview ist in der aktuellen Print-EMMA zu lesen.

- Margarete Mitscherlich. - Foto: Bettina Flitner
Alice Schwarzer: Verflixt. Das ist ein neues Aufnahmegerät. Digital. Wie funktioniert das nochmal?! Rede doch einfach mal los, Margarete.
Margarete Mitscherlich: Ich heiße Margarete Mitscherlich, bin 92 Jahre alt und halte es für eine Zumutung, dass Menschen nicht nur alt werden, sondern auch noch sterben müssen.
Ah, es funktioniert. Triumph der Technik! Es kann losgehen. Gibt es eigentlich etwas, was dich überrascht am Alter, Margarete?
Ich habe mir niemals mich als alt vorgestellt. So wie diese armen Menschen, die sich nicht mehr selber helfen können und so eine peinliche Karre vor sich herschieben müssen beim Gehen … Natürlich wusste ich mit dem Verstand, dass ich eines Tages alt werden würde. Aber es war trotzdem nicht vorstellbar für mich. Die Alten, das war eine andere Sorte Mensch als ich. Alles, was man nicht selber erlebt hat, ist in Wahrheit gefühlsmäßig nicht vorstellbar.
Ist das Alter so irrealisierbar wie der Tod?
Nein. Die Alten sehen wir ja. Den Tod aber haben wir nicht vor uns.
Im Zusammenhang mit dir kommt es mir schwer über die Lippen. Aber es nutzt ja alles nichts: Du bist jetzt 92. Du bist alt.
Ich bin uralt.
Wenn die alte Margarete der jungen Margarete heute erzählen müsste, was sie im Alter erwartet – was würde sie da sagen?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht … Wenn damals jemand gekommen wäre und zu mir gesagt hätte: Du bist jetzt 30 – und du wirst eines Tages 90 sein, und das wird verdammt schwer für dich werden, denn du hast immer sehr viel Wert darauf gelegt, beweglich zu sein und über deinen Körper herrschen zu können, grenzenlos. Dann hätte ich gesagt: Quatsch, warum sollte ich nicht mehr gehen können?! Mein Großvater konnte mit 97 noch gehen, und meine Mutter ist mit über 90 noch nach Afrika gefahren und bis 97 klar geblieben. Wenigstens das habe ich erfreulicherweise von ihr geerbt. Im Denken und Fühlen bin ich heute wie damals, mit 30. Also dieses Mehrwissenwollen und das Erkennenwollen von Wahrheit. Worauf kommt es an, und was ist Quatsch? Das hatte ich schon mit 30, wenn nicht mit 20. Und das habe ich bis heute. Ich verstehe noch immer die Person, die ich mit 30 war. Aber die Person, die ich mit 30 war, würde mich nicht verstehen.
[...]
Was hast du eigentlich gemacht, wenn du einen Patienten, eine Patientin nicht leiden konntest?
Jeder will doch von seiner Analytikerin speziell wahrgenommen, ja geliebt werden – und du kannst ja nicht alle zurücklieben. Es ist durchaus auch schon vorgekommen, dass Frauen sich von mir nicht verstanden fühlten – und die Analyse abgebrochen haben. Aber es gab auch Frauen, die einfach selbstverlogen waren. Mit solchen tue ich mich schwer. Aber wenn sie dann doch bereit sind, ihre Abwehr fallen zu lassen, was sie viel Mühe und Kraft kostet, habe ich gelernt, sie zu mögen, ja zu bewundern.
Du sprichst nur von Frauen. Und die Männer?
Männer müssen schon ein bisschen weiblich sein, damit ich sie mag (lacht). Ein Mann, der Männlichkeit mit Starrheit verwechselt, den mag ich nicht. Einmal hatte ich einen Patienten, der impotent war, ein Intellektueller, der durchaus viel verstand, auch von Psychoanalyse. Und der verliebte sich in mich und meinte, bei mir könnte er potent sein.
Und was hast du getan?
Ich konnte ihn ja nicht einfach wegschicken. Es ging ihm einfach zu schlecht. Aber es war schon sehr anstrengend, nicht mit ihm darüber reden zu können, worum es wirklich ging. Er war ganz obsessiv und sagte immer wieder: Ich könnte geheilt werden, wenn Sie mit mir schlafen!
Der war aber dreist.
Dreist? Es wird alles gesagt in der Analyse! Auch zu dem Analytiker, der Analytikerin. Es hat allerdings auch viel für sich, wenn die Menschen ihre Fantasien aussprechen.
Deine Patienten sagen sich vermutlich: Ich bin schwach – und die ist ganz stark. Also kann ich ihr alles zumuten.
So ist es. Die wissen auch, dass man in der Psychoanalyse alles sagen darf. Solche Leute möchten das Schuldgefühl, das sie selber haben, dem anderen machen.
Und was machst du dann?
Du musst sehr viel mit der Analyse der Übertragung arbeiten. Aber manchmal laufen sie dir vorher weg. Und dann sind sie todunglücklich und machen dir große Vorwürfe: Du hättest mich retten können!
Das komplette Interview ist in der aktuellen Print-EMMA zu lesen.
blättern. kaufen. lesen.

Die ganze EMMA zum Blättern
Von Seite 1 bis Seite 164 die aktuelle EMMA-Ausgabe zum Blättern im Internet.
In neuem Fenster öffnen
Wer es genau wissen will:
Das EMMA-Heft bekommen Sie am Kiosk, im Zeitschriften- und Bahnhofsbuchhandel.
Wo kann ich die EMMA kaufen?
EMMA direkt nach Hause
Bestellen Sie Ihr persönliches EMMA-Abonnement in unserem Online-Shop
Zur Abo-Bestellung
"Lebenslauf", Vom ersten Tag Alice bis zum ersten Tag EMMA. Wer das Buch jetzt bestellt, erhält gratis die aktuelle EMMA dazu. Lebenslauf" plus EMMA. Nur 22.99 €. Frei Haus.
Das neue EMMA-Buch! Das Beste aus 280 EMMAs + EMMAs Geschichte, 426 S. Großformat (Heyne, 24.90 €)
Hg. Alice Schwarzer:
"Die große Verschleierung" Für Integration, gegen Islamismus.
(KiWi, 9.95 €)
Simone de Beauvoir DVD, ein Film von Schwarzer 1973, 45 Min., deutsche u. franz Version
(EMMA, 10 €)
Die Antwort. Aktueller Essay. Ein Frauenwort, statt Mädchengelaber.
(KiWi, 10 €)
Romy Schneider Mythos und Leben Aktualisierte Neuausgabe der Biografie
(KiWi, 8.95 €)
Marion Dönhoff - Ein widerständiges Leben. Aktualisierte Neuausgabe der Biografie. (KiWi, 8.95 €)








