MECHTHILD GROSSMANN
Ein Stück für Pina Bausch
Die Menschen hören nicht auf zu klatschen. Aber die Bühne bleibt leer. Dies ist der letzte Beifall für Pina Bausch an dem Ort, von dem aus sie in die Welt gegangen ist: das Wuppertaler Opernhaus. Die Bausch-Tänzerin Mechthild Großmann erzählt:

- Mechthild Großmann
(...) Ich glaube, mit niemandem habe ich so viel Zeit in meinem Leben verbracht wie mit Pina. 34 Jahre lang kannten wir uns, und davon war ich jahrelang immer zwei Schritte hinter ihr. Mein damaliger Freund hat immer gesagt: Lieber zehn Lover als eine Pina Bausch. Ja, das war schon eine Liebesbeziehung, von beiden Seiten. Ich habe mich unendlich geliebt gefühlt. Und ich habe sie einfach bewundert.
(...) Zum letzten Mal bin ich im Mai in diesem Brecht/Weill-Abend, unserem ersten Stück, in Wuppertal aufgetreten. Da bin ich furchtbar erschrocken. Sie war nur noch die Hälfte. Klein und ganz, ganz dünn. Und sie war zu schwach, um bei jeder Vorstellung zum Applaus noch rauszukommen. Einmal blieb sie hinter der Bühne. Trotzdem war sie am nächsten Tag natürlich um neun Uhr im Büro und danach auf der Probe.
Wir haben alle gesehen, dass sie erschöpft war. Zu Tode erschöpft. Aber keiner hat es gesagt. Am dritten Abend, das war der 2. Mai, war sie nach der Vorstellung noch kurz in meiner Garderobe, sie hat immer bei mir ihre Tasche und ihren Mantel hingelegt. Wir waren allein. Und da habe ich zu ihr gesagt: „Mäuschen, was machst du denn …“ (stockt, weint). Da hat sie hochgeguckt und hat gesagt: „Das ist keine gute Zeit, Mechthildchen.“

Als ich nach Hamburg zurück kam, habe ich geheult und zu meinem Mann und meiner Tochter gesagt: „Vielleicht sehe ich Pina nie wieder.“ Doch trotzdem war es für mich unvorstellbar, dass sie stirbt. Pina ist für mich unsterblich.
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Am 30. Juni stirbt Pina Bausch 69-jährig in einem Krankenhaus in Wuppertal, fünf Tage nach einer Krebsdiagnose. Niemand von ihrer Kompanie wird informiert. Ihr Sohn Salomon ist bei ihr.
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