Sexueller Missbrauch
Alles wird gut
Eigentlich war doch alles gut. Oder? Nach Jahrhunderten, ja Jahrtausenden Abhängigkeit und Rechtlosigkeit bekamen die Kinder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts endlich eine Stimme. Und Rechte. Zum Beispiel das Recht, nicht Missbrauch und Gewalt ausgeliefert zu sein. Doch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird dieses Recht wieder relativiert, ja negiert. Experten warnen: Die Kinder werden mundtot gemacht!

Man hat ihnen nicht geglaubt. Obwohl es immer wieder Hinweise gab. Obwohl sie ihren Lehrern von ihrem Martyrium berichteten, obwohl sie der Polizei den Missbrauch zu Protokoll gaben. Nichts passierte. Wenn die Sozialarbeiterin des Jugendamtes vor verschlossener Tür stand, zog sie eben unverrichteter Dinge wieder ab. Manchmal widerriefen die Kinder ihre Aussagen auch wieder. Dass sie das aus Angst taten, weil der Täter neben ihnen saß, auf diese Idee schien niemand zu kommen.
Dafür glaubte man dem Täter. Einem Täter wie Detlef S., der das Fachwerkhaus in Fluterschen für alle zur Hölle machte: für seine Tochter Jasmin, die er missbrauchte; für seine Stieftochter Natascha, mit der er acht Kinder zeugte; für seine fünf Söhne und Stiefsöhne, die er mit Stöcken und Peitschen misshandelte; und für Ehefrau Erika, die, schon als Kind Missbrauchsopfer, sich dem neuen Tyrannen unterwarf. Sie wusste nur zu gut, wozu ihr Ehemann fähig war. Sie glaubte ihren Kindern zwar, hatte aber selbst panische Angst vor ihm und nicht die Kraft, sich gegen ihn zu stellen. Noch vor Gericht verweigerte sie die Aussage.
Das Jugendamt jedoch fand, Detlef S., über dessen Ähnlichkeit mit seinen angeblichen Enkelkindern das ganze Dorf tuschelte, sei bei Gesprächen „irgendwie authentisch rübergekommen“. Die zuständige Sachbarbeiterin erklärte, sie „möchte nicht jedem gleich unterstellen, dass er nicht die Wahrheit sagt“. Das galt allerdings nur für den Täter. Nicht für die Opfer.
Auch Wolfgang Steffen hat in letzter Zeit viel mit Opfern von Sexualgewalt zu tun, denen man nicht glaubt. Es kann Zufall sein, dass jede der dicken Akten, die der Rechtsanwalt säuberlich auf seinem massiven Schreibtisch aufgereiht hat, mit einem Freispruch des Angeklagten endete oder ein Verfahren gar nicht erst eröffnet wurde. Aber merkwürdig ist es schon. Vor allem, weil es immer wieder dieselbe Sache war, die die angebliche Unschuld des Beschuldigten zu beweisen schien: das aussagepsychologische Gutachten.
Chantal Louis
Der vollständige Artikel steht in der neuen EMMA Frühling 2011. Die Abbildungen sind dem Katalog "Alles wird gut" von Katrin Jakobsen entnommen.
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