Frauen gegen Atomkraft
Germanys Next Role Models
Sie baumeln an Brücken aus Protest gegen die Atomkraftwerke oder ketten sich an Schienen, um den Castor zu stoppen. Alles für eine bessere Welt!

- Aktivistin Hannah Poddig: „Das Bild von mir in den Medien als Einzelkämpferin ist total falsch. Es sind viele nötig, damit Aktionen glücken."
Schleswig, Oberlandesgericht, 4. Februar 2011. Hanna Poddig soll 14.000 Euro Reparaturkosten an die Deutsche Bahn zahlen und wehrt sich dagegen. Sie hatte sich im Februar 2008 in Nordfriesland an eine Schiene gekettet und so einen Militärtransportzug mehrere Stunden lang aufgehalten. Die Schiene wurde daraufhin zersägt. Cécile Lecomte hielt neben den Gleisen ein Transparent hoch und informierte die Presse.
Der Zug war auf dem Weg zu einem Manöver der Nato-Response-Force. „Diese Kriegstruppe“, sagt Hanna Poddig entschieden, sie diktiert es fast, „soll den Zugang zu Märkten und Rohstoffen für die ausbeuterischen Ökonomien der Nato-Staaten offen halten.“ Das lehnt sie ab, total.
Hanna Poddig: jung, blond und dagegen. 25 Jahre alt, Pferdeschwanz, Vollzeitaktivistin. Autorin des Buches „Radikal mutig. Meine Anleitung zum Anderssein“.
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Bekannt geworden durch Fernsehfilme über ihre Containertouren: Sie holt sich – wie Lecomte – ihre Lebensmittel aus den Abfalltonnen von Supermärkten, um keine zusätzliche Nachfrage zu schaffen. Hanna Poddig war schon Gast in zahllosen Talkshows.
1985 in Hamburg geboren, Jugend in einem fränkischen Dorf. Mit 17 „voll bei der Umweltschutzorganisation Robin Wood eingestiegen“. Keine Ausbildung, kein Studium, weil „keine Zeit“. Sie lebt „in ihrem Rucksack und bei Freunden“, hilft bei der Organisation von Menschenketten gegen die schwarz-gelbe Atompolitik, hält kritische Reden auf Aktionärsversammlungen des Stromkonzerns E.ON und verdient ihr Geld mit Workshops und Buchtantiemen.
10 Uhr 30. Vor dem Oberlandesgericht stehen 20 Menschen, einige haben bunte Karnevalskäppchen aus Pappe auf, Luftballons in der Hand. Hanna Poddig mittendrin. Sie werden beobachtet von Polizisten, die dicht an dicht an den Fenstern des Justizgebäudes stehen und darauf warten, die Prozessbesucher von oben bis unten abzutasten und das Gepäck zu kontrollieren. Weder Konfetti, Luftschlangen, noch Clownsnasen sollen durch den Gerichtssaal fliegen.
11 Uhr. Der Prozess beginnt.
„Das Bild von mir in den Medien als Einzelkämpferin ist total falsch“, erklärt Hanna Poddig später. „Es sind viele nötig, damit Aktionen glücken. Auch hier hätte ich allein nicht zeigen können, wie der Rechtsstaat tickt“. Es störe sie auch, wenn die Presse sich nur an sie mit den Worten richtet: „Sie als Frau …“ Poddig regt sich auf: „Denken die, dass Frauen nicht zu dem Schluss kommen könnten, dass sie was tun müssen in dieser Welt, weil so viel Scheiße normal ist? Gehör ich hinter den Herd?“
„Bei Aktionen gibt es keine Dominanz der Männer“, sagt Hanna Poddig. Aber in den Vereinen und Verbänden sind die Festangestellten so gut wie immer männlich. „Finanzen, Verwaltung, Putzen – das machen Frauen, an die Presse geht der Mann.“ Auch bei Diskussionen und Strategietreffen würden sich nur ganz wenige Frauen einbringen, die Politszene „ist keineswegs frei von blödem Mackertum und Sexismus“.
Gerade deswegen sei es wichtig und richtig, dass die Medien gezielt auf die weiblichen Aktivisten zugingen, findet die Bochumer Professorin Ilse Lenz, die die Frauenbewegung seit 1968 umfangreich dokumentiert hat. Außerdem: Momentan müssten junge Frauen schick, wenn nicht sexy sein und sich überall gut einfügen. Mit Klamotten aus Altkleidercontainern und „männlichen“ Aktionen stünden die Politikaktivistinnen quer zur Norm: „Das macht anderen Frauen Mut.“
Thema im Forum diskutieren
In Schleswig sagt der Richter, die Deutsche Bahn sei eine private Aktiengesellschaft, Hanna Poddig hätte deshalb nicht auf den Gleisen demonstrieren dürfen. Ihr Anwalt argumentiert dagegen: Die Bahn befinde sich zu 100 Prozent in Staatsbesitz und habe Militär- und somit Staatseigentum transportiert. Selbstverständlich gelte deshalb das Versammlungsrecht. Und da die Bundespolizei nachweislich die Versammlung nicht aufgelöst, sondern sofort die Schiene zersägt habe, müsse sie auch die Rechnung übernehmen. Richter William sagt freundlich lächelnd, er werde das in seine Überlegungen mit einbeziehen. Prozess vertagt. „Ich rechne nicht mit einem Erfolg“, sagt Hanna Poddig. „Bei den Prozessen testen wir auch den Rechtsstaat: Bekommt man tatsächlich die Rechte, die einem zustehen? Manchmal ja, meistens nein.“ Irgendwann werde das auch der breiten Bevölkerung auffallen.
Nadine Dietrich, EMMA Frühling 2011
Die Autorin ist selber eine engagierte Abenteurerin. In Lettland recherchierte sie den neuen/alten Antisemitismus, in Vietnam die Folgen des Krieges.
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