Retrospektive in Berlin
Sophie Calle: Die Beschattung
Aufsehen erregte die Pariserin erstmals Anfang der 80er Jahre mit ihrer Arbeit „Beschattet“. Dazu ließ sie sich selber durch einen von ihrer Mutter beauftragten Detektiv beschatten, um „meine Existenz durch Fotos zu beweisen“. Seither betreibt Calle ihre obsessiven Feldforschungen und dokumentiert sie mit Fotos und Texten. Oft ist sie selber Gegenstand ihrer Forschung. Wie auch in der neueren Arbeit „Erlesener Schmerz“. Ausgelöst von einer eigenen Trennung fragt sie sich und andere: Wann haben Sie am meisten gelitten? Oder Blinde: Was ist für Sie Schönheit? – Dies ist die erste Retrospektive der 50-jährigen Künstlerin in Deutschland.

Der Detektiv
Um 10.00 Uhr morgens beziehe ich meinen Posten vor der Wohnung der zu observierenden Person, Rue Liancourt 22, Paris, 14. Arrondissement.
Um 10.20 Uhr verlässt die Person die Wohnung. Sie trägt einen grauen Regenmantel, graue Hosen und schwarze Schuhe mit Strumpfhosen in der gleichen Farbe. Sie trägt eine gelbe Schultertasche.
Um 10.23 Uhr kauft die Person einige Narzissen beim Blumenhändler an der Ecke Rue Froidevaux und Rue Gassendi, danach betritt sie den Friedhof von Montparnasse an der Rue Emile Richard 5. Sie legt die Blumen auf einem Grab nieder und verlässt den Friedhof Richtung Boulevard Edgar-Quinet.
Um 10.37 Uhr kauft die Person eine Zeitung am Zeitungsstand Boulevard Raspail 202.
Um 10.40 Uhr betritt sie das Haus am Boulevard Montparnasse 100. (...)
Um 14.15 Uhr betritt die Person den Louvre und geht zum Salle des Etats, wo sie vor Tizians Gemälde „Mann mit Handschuh“ anhält. Sie macht Notizen und außerdem ein Foto. Sie schaut sich das Gemälde etwa eine halbe Stunde lang an.
Um 15.10 Uhr verlässt sie den Louvre und durchquert die Tuilerien. Sie lässt sich von einem Straßenfotografen fotografieren.
Um 15.20 Uhr trinkt die Person etwas draußen im Café der Tuilerien-Gärten und macht sich Notizen. Um 15.25 Uhr verlässt die Person das Café und geht in Richtung Place de la Concorde.
Um 16.25 Uhr betritt sie das Palais de la Découverte und trifft sich mit einem etwa fünfzigjährigen Mann, 1,73 m groß, schlank, mit einer Brille mit Metallrahmen; er trägt weiße Hosen, eine beigefarbene Leinenjacke und einen grauen Hut. Die Person und der Mann halten sich an den Händen und gehen durchs Museum.
Um 17.10 Uhr verlassen die Person und der Mann das Palais de la Découverte und gehen in Richtung Rue Franklin-D-Roosevelt, wo sie sich mit einem Kuss auf der Höhe der Hausnummer 1 voneinander verabschieden. Der Mann setzt sich ans Steuer eines weißen Range-Rover mit Kennzeichen 383 BKX 75 und fährt weg. (...)
Um 19.55 Uhr steigt die Person aus dem Zug an der Station Denfert-Rochereau.
Um 20 Uhr ist die Person wieder zu Hause. Die Beobachtung endet hier.
Sophie Calle
Ich wollte ein Andenken an den Menschen, der mir folgen sollte. Ich wusste nicht, an welchem Wochentag die Verfolgung stattfinden würde, also bat ich François M., jeden Tag um 17.00 Uhr vor dem Palais de la Découverte zu warten und jeden zu fotografieren, der mich zu verfolgen schien. Ich erhielt folgenden Bericht zusammen mit ein paar Fotografien:
„Donnerstag, 16. April 1981, gegen 17.15 Uhr. Sophie Calle verließ das Palais de la Découverte. Ich bemerkte sofort, dass sie von einem jungen Mann verfolgt wurde; ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt, bekleidet mit einer Lederjacke, einer Kamera um den Hals und einer Tasche über der Schulter. Er ging etwa zwanzig Meter hinter ihr und fotografierte sie an der ersten Kreuzung. Ich wiederum fotografierte ihn. Wir kamen in die Avenue Franklin-Roosevelt und überquerten die Champs-Elysées“.
EMMA 5/2004
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