ALICE SCHWARZER
Mein Leben gehört mir!
Unter diesem Motto kämpfen Frauen in der ganzen Welt auf das Recht auf eine selbstbestimmte Mutterschaft. Mit Erfolg. Doch seit einiger Zeit geht es rückwärts - vor allem in Deutschland.

- Die Selbstbezichtigung der 374 Deutschen am 6. Juni 1971 im Stern
Berlin 2006. Nach der Besprechung gehen wir noch ein Stück gemeinsam Richtung Taxi. Da sagt der Kollege so ganz en passant und in durchaus wohlwollendem Ton zu mir: "Das mit der Abtreibung, das würden Sie heute doch sicherlich auch ganz anders sehen als 1971, Frau Schwarzer." Es klang eher wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage. Ich schwieg überrascht. Denn der Kollege, ein Mann meiner Generation, ist in zweiter Ehe mit einer jüngeren Frau verheiratet, die sich selbst als Feministin versteht (und mit der er übrigens auch nochmal ein kleines Kind hat). Erst nach einer gewissen Pause antworte ich zögernd: "Eigentlich nicht …" Aber da hörte er auch schon gar nicht mehr hin.
Diese kleine Episode ließ mich nicht mehr los. Sie scheint mir einfach typisch für den Zeitgeist.
War dem Mann eigentlich klar, um was es damals ging? Weiß er überhaupt, wie viel Schmerz und Elend der § 218 verursacht hat? Und begreift er, unter welchen Umständen die etwa 130.000 heute jährlich in Deutschland abtreibenden Frauen dies noch immer tun, wie viele sterben müssten – ohne medizinische Hilfe?
Vor der Reform fanden ungewollt schwangere Frauen, wenn überhaupt, nur für viel Geld – und nicht selten noch mehr Demütigung – einen Arzt, oder aber sie landeten auf dem Küchentisch eines Kurpfuschers bzw. einer "Engelmacherin". So manche verblutete, viele behielten lebenslange körperliche Schäden zurück, bis hin zur Unfruchtbarkeit. Und alle waren traumatisiert von der Heimlichkeit, der Scham, der Angst.
Eine deutsche Zahl liegt nicht vor, aber Amerika meldete allein für das Jahr 1969, vier Jahre vor der Legalisierung der Fristenlösung, rund 5.000 Todesfälle infolge illegaler, unsachgemäßer Abtreibungen. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählte 2005 weltweit 70.000 Opfer des Abtreibungsverbotes. 70.000 tote Frauen im Jahr, weil das Gesetz ihnen verbietet, eine ungewollte Schwangerschaft abzubrechen. Vielleicht sollten die mal zur Neujahrsansprache auf dem Petersplatz aufgebahrt werden, damit der Vatikan endlich begreift.
Ich habe übrigens noch nie gehört, was denn die lebensschützende katholische Kirche eigentlich zu tun gedenkt angesichts der 70.000 toten Frauen im Jahr.
Nein, es ging noch nie um die Verharmlosung oder gar Propagierung von Abtreibung. Die griffige Parole "Mein Bauch gehört mir" war eine provokante, doch relativ gesehen moderate Reaktion auf die Anschuldigung, abtreibende Frauen seien "Mörderinnen". Die Frauenbewegung war nie für Abtreibung – im Gegenteil: sie hat dank Aufklärung und Selbstbestimmung sehr viel dagegen getan. Die Frauenbewegung war immer nur für das Recht auf Abtreibung, also pro Frauen in Not. Es ging und geht uns bei der Abtreibungsdebatte ausschließlich darum, dass ungewollt schwangere Frauen nicht länger entmündigt werden und ihnen medizinische Hilfe gewährt wird. Schwanger warum auch immer: weil die Verhütung versagt hat, weil beide unachtsam waren oder weil die Frau zum Verkehr gezwungen wurde.
Denn Frauen, die nicht Mutter werden wollen, treiben ab; egal, was sie glauben oder nicht; egal unter welchen Umständen, selbst bei drohender Todesstrafe (wie im Dritten Reich). Sie sind es ja schließlich auch, die nicht nur neun Monate schwanger, sondern danach auch mindestens zwanzig Jahre verantwortlich sind für das Kind, nicht selten allein oder fast allein, quasi immer an erster Stelle.
In den 70er Jahren haben Feministinnen in der ganzen westlichen Welt das Recht auf Abtreibung erkämpft; ein Kampf, der nicht zufällig zum Auslöser der Frauenbewegung wurde. Denn bei dem Recht auf Abtreibung geht es um viel: um das Recht auf selbstbestimmte Mutterschaft, um die Verfügung über den eigenen Körper, um eine angstfreie Sexualität. 35 Jahre später hat Deutschland noch immer eines der restriktivsten Abtreibungsgesetze Europas, hinter uns rangieren nur noch die erzkatholischen Länder Polen und Irland. Selbst Portugal führte im Frühling 2007 die Fristenlösung ein, das Recht auf Abbruch in den ersten zehn Wochen.
Deutsche Frauen haben dieses Recht bis heute nicht. Da gibt es nur die Gnade des "Beratungsscheins", für den die betroffene Frau zuvor zwei Institutionen zu konsultieren und um deren Zustimmung zu bitten hat. Diese Gnade ist Ermessenssache und steht naturgemäß auf wackligen Füßen. Sie könnte, unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen, jederzeit auch wieder verweigert werden.
Und zur Zeit sieht es ganz so aus, als wollten gewisse Kräfte den schon jetzt so gefährlich eng gefassten § 218 noch fester zurren. Die Zeichen mehren sich. So soll die Übernahme der Kosten durch die Krankenkassen eingeschränkt werden; der schonendsten Abtreibungsmethode, der Pille danach, werden schon wieder Steine in den Weg gelegt; und die sehr rare so genannte "Spätabtreibung" nach dem dritten Monat soll noch stärker eingeschränkt werden. (…)
Die Haltung der Parteien zu den "Spätabtreibungen" geht auch heute, über 30 Jahre nach der die Nation bewegenden Debatte über das Abtreibungsrecht wieder quer durch alle Parteien. Manche konservative Kräfte sind für die Verschärfung des Gesetzes, andere "nur" für intensivere Beratung. Bei den Linken ist es nicht anders. Sie scheinen zwar nicht alle für eine Verschärfung des § 218 zu sein, doch forderte der SPD-Parteivorsitzende Kurt Beck schon 2006 eine "verantwortliche Lösung bei den Spätabtreibungen" – als sei die bisherige Praxis seitens der Ärzte und Schwangeren unverantwortlich.
Und der liberale Spiegel, gerade in der Abtreibungsfrage über Jahrzehnte führend in Sachen Aufklärung und der Forderung nach dem Recht der Frauen auf eine selbstbestimmte Mutterschaft, veröffentlichte bezeichnenderweise 2007 unter dem Titel "Ethik: Fluch und Segen" eine Vier-Seiten-Geschichte, deren Tendenz deutlich in Richtung Verschärfung des Gesetzes zur Spätabtreibung ging.
Der Artikel beginnt und endet mit der Geschichte der 40-jährigen Karin S., bei deren Fötus die Frauenärztin Ende des vierten Monats nicht nur ein Down-Syndrom diagnostiziert hatte, sondern darüber hinaus weitere schwere Behinderungen, nämlich "den Körper voller Wasser" und "praktisch keine Überlebenschance". Die Ärztin empfahl einen Abbruch. Karin S. folgte dem Rat und ist offensichtlich bis heute traumatisiert von dem Verlust.
Der Spiegel zeigte die Traumatisierte kniend "am Grab ihrer Tochter", geschmückt mit Engeln und Herzen. Und er beendete sein Plädoyer gegen die Pränataldiagnostik und die Spätabtreibung mit den Worten von Karin S.: "War es nicht anmaßend von uns, Gott zu spielen?" – Die anfängliche Information, dass der Fötus "keine Überlebenschance" hatte, hatten die meisten LeserInnen nach der Lektüre der vier dramatischen Seiten längst vergessen.
Doch bleibt wohl hängen, dass der EKD-Vorsitzende Bischof Huber die 171 Spätabtreibungen im Jahr 2005 – bei denen 140 Fälle so gelagert waren wie der von Karin S.: der Fötus wäre nicht überlebensfähig gewesen – eine "unerträgliche Praxis" nennt. Und hängen bleibt auch, dass der CDU/CSU-Behindertenbeauftragte Hubert Hüppe es sogar wagt, in diesem Zusammenhang von "Früheuthanasie" zu reden.
Was selbst dem Spiegel nicht klar zu sein scheint, ist, dass es in Wahrheit bei der Debatte um das Abtreibungsrecht an sich geht, das zurückgeschraubt werden soll. Die Spätabtreibungen sind nur das Einfallstor. Und wie seit über hundert Jahren sind es nicht die betroffenen Frauen oder Ärzte, sondern Kirchenmänner, die über Mutterschaft und ärztlichen Beistand in der Not entscheiden.
Nicht nur in Deutschland ist es den christlichen Männerbünden in den letzten zwanzig Jahren gelungen, einen Stimmungswandel in Sachen Abtreibung herbeizuführen. Das Elend von einst scheint vergessen und der blauäugige Glaube daran, dass es immer so liberal weitergehen wird wie bisher, weit verbreitet. Gleichzeitig wird der Selbstherrlichkeit der katholischen Kirche, die führend ist in der Anti-Abtreibungs-Propaganda, kaum noch etwas entgegengesetzt. Entsprechend ist sie tonangebend. Selbst ihr Vokabular – von "Kindern" im Mutterleib zu sprechen statt von "Föten" – hat sich durchgesetzt. Jüngst schrieb ein Journalist in der Süddeutschen Zeitung sogar von "Kindstötung" im Zusammenhang mit Abtreibungen. Da sind die Mörderinnen nicht weit …
In Deutschland haben im Jahr 2006 genau 119.710 Frauen abgetrieben. Drei Viertel von ihnen waren Mütter – und die Hälfte hatte bereits zwei Kinder und mehr. Hunderte dieser Frauen würden nicht mehr leben, Tausende hätten schwere körperliche Folgeschäden, hätten sie den Eingriff nicht legal und bei Ärzten machen lassen können, drei von vier mit der schonenden Absaugmethode, jede elfte im Frühstadium mit der Mifygene-Pille. Und solche Frauen müssen sich heute wieder sagen lassen, sie seien "egoistisch", denn: "Deutschland hat zu wenige Kinder – und Sie treiben ab."
Neulich wurde sogar mir vorgehalten, ich ganz persönlich sei schuld am Kindermangel, weil ich für das Recht auf Abtreibung gekämpft hätte. Als könnte man Frauen zum Kinderkriegen zwingen. Als würden Schwangere, die nicht legal abtreiben können, Mütter werden; nein, eher verbluten sie.
Und ich bin überzeugt, dass ich, so wie viele Feministinnen, eher zum Gegenteil beigetragen habe: nämlich dazu, dass weniger als je zuvor abgetrieben wird. Und, dass Frauen seltener verbluten. Die Abtreibungszahlen in Deutschland sinken seit Jahren, allein in den letzten sechs Jahren um 15.000. Was ganz einfach damit zu tun hat, dass Frauen heutzutage seltener ungewollt schwanger werden. Sie bestimmen die Sexual- und Verhütungspraktiken stärker denn je zuvor selber mit und werden, dank größerer Unabhängigkeit und entsprechendem Selbstbewusstsein, vielleicht auch seltener Opfer sexueller Übergriffe. Wenn es also heute weniger Abtreibungen gibt als früher, dann ist das vor allem der Frauenbewegung zu verdanken und nicht den Kirchen.
Doch kommen wir auf meinen netten, fortschrittlichen Kollegen zurück, der meint, ich würde "das alles heute ganz anders sehen". Wie war das alles also damals wirklich? Es war das Grauen! Vor 1971 redete eine Frau vor Scham und Angst noch nicht einmal mit ihrer eigenen Mutter oder besten Freundin darüber. Sie war total allein mit dem Problem. Und die Heterosexualität von Frauen war beherrscht von der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft ("Währenddessen denke ich nur daran").
Ich lebte damals als Korrespondentin in Paris, und es ist eigentlich nur einem Zufall zu verdanken, dass ich die Selbstbezichtigungsaktion der Pariser Frauenbewegung, in der ich seit Sommer 1970 aktiv war, nach Deutschland exportiert habe. Zeit, die Geschichte zu erzählen, damit man besser versteht.
Im April 1971 erschien in der linksliberalen französischen Wochenzeitschrift Nouvel Observateur das Bekenntnis der 324: Wir haben abgetrieben und fordern das Recht dazu für alle Frauen! Die provokante Aktion, angezettelt von Jean Moreau, einem Redakteur der Zeitschrift, und einer Handvoll Feministinnen, erschütterte die Nation und erregte internationales Aufsehen.
Ein paar Tage später ging bei mir das Telefon, am Apparat Kollege Moreau. Bei ihm hätte eine Zeitschrift namens Jasmin angerufen. Die wolle die Aktion in Deutschland nachstellen, aber das sei ihm gar nicht geheuer. Er hätte den Eindruck, "die wollen daraus nur einen Werbegag machen". Ob ich denn da nicht etwas tun könne.
Ich überlegte nur kurz – und rief dann den Stern an (für den ich zu der Zeit ab und an als Freie arbeitete). Ich fragte das Blatt, ob es bereit wäre, wenn ich die Unterschriften heranschaffen würde, eine solche Selbstbezichtigung in Deutschland im gleichen Geiste zu veröffentlichen: also als kollektiven Protest von Frauen, eingebettet in die politischen Forderungen. Redakteur Wilfried Maaß überlegte nicht lange: "Klar machen wir das!" Ich vermute, er hielt es für sehr unwahrscheinlich, dass ich es überhaupt schaffen würde.
Ich schaffte es innerhalb weniger Wochen. Doch einfach war es nicht. Denn zu der Zeit lag Deutschland feministisch gesehen noch im Dornröschenschlaf. Selbst Brigitte klagte im Frühling 1971: "Deutsche Frauen verbrennen keine Büstenhalter und Brautkleider, sie stürmen keine Schönheitskonkurrenzen und emanzipationsfeindlichen Redaktionen, fordern nicht die Abschaffung der Ehe und verfassen keine Manifeste zur Vernichtung der Männer. Es gibt keine Hexen, keine Schwestern der Lilith, wie in Amerika, nicht einmal Dolle Minnas mit Witz wie in Holland, es gibt keine wütenden Pamphlete, keine kämpferischen Zeitschriften. Es gibt keine Wut." Und es gab auch keine Forderungen zur Abschaffung des § 218.
Die Frauen, die im Zuge der 68er-Studentenrevolte gegen die eigenen Genossen aufgemuckt hatten, waren längst wieder versunken in den von ihnen initiierten Kinderläden oder den Marx-Schulungen der dogmatischen K(ommunismus)-Gruppen bzw. Spontis. Als ich im Mai 1971 beim "Weiberrat" in Frankfurt und den "Roten Frauen" in München wg. § 218 vorstellig wurde, schlugen mir höhnische Absagen für so eine "bürgerliche, reformistische Aktion" entgegen. Und der im Spontimilieu tonangebende Verlag Roter Stern tönte noch Monate nach der Selbstbezichtigungsaktion im Herbst 1971 im Vorwort zu einer neuen Zetkin-Ausgabe: "Nicht von der bornierten und ständischen Interessenvertretung der bürgerlichen Frauenbewegung der Jahrhundertwende unterscheiden sich Initiativen westdeutscher Bildmagazine und ihrer Schauspielerklientel zur Abschaffung des § 218. Wer von Frauenbefreiung redet und den Zusammenhang im antikapitalistischen Kampf nicht einmal berührt, hätte besser geschwiegen." – Tja, so war das damals.
Zu guter Letzt zogen nur vereinzelte Frauen aus linken Gruppen bei der Selbstbezichtigung mit, alle anderen wurden nach dem Schneeballsystem gewonnen: Freundinnen fragten Freundinnen, Kolleginnen Kolleginnen, Nachbarinnen Nachbarinnen. So hatte ich innerhalb von ein paar Wochen die Unterschriften von 374 Frauen zusammen: Angestellte und Hausfrauen, Studentinnen und Schauspielerinnen (Letztere neun an der Zahl). Sie alle waren bereit, öffentlich zu erklären: "Ich habe abgetrieben und fordere das Recht dazu für jede Frau." – Was übrigens nie als persönliches Geständnis gemeint gewesen war, sondern als politisches Bekenntnis. Darum spielte es auch überhaupt keine Rolle, ob die bekennenden Frauen wirklich schon mal abgetrieben hatten oder nicht (wie ich). Zumindest im Kopf hatten wir alle schon abgetrieben.
Noch heute bewundere ich jede Einzelne dieser Frauen für ihren Mut. Denn als am 6. Juni 1971 der Stern mit der schockierenden Titelgeschichte erschien: "Wir haben abgetrieben" – da wusste keine von ihnen, was am nächsten Tag geschehen würde: ob sie verhaftet wird, ihre Stelle verliert, die Nachbarn noch mit ihr sprechen, ihr Mann sie verlässt … Und das galt für die 365 unbekannten Frauen unter den Bekennerinnen ebenso wie für die neun Stars (darunter Romy Schneider und Senta Berger). Die riskierten fast noch mehr, nämlich ihre gesamte Karriere.
Die Veröffentlichung schlug ein wie eine Bombe. Das Tabu war gebrochen. Ein kollektiver Aufschrei ertönte: Ich auch! Die Frauen sammelten Unterschriften in Stadtteilen und an Universitäten, in Büros und Fabriken. Die Politiker brachen unter Waschkörben von Petitionen zusammen. Die Lawine war nicht mehr aufzuhalten – und wurde zum Auslöser der Frauenbewegung.
Ich meinerseits hielt die Sache nun für erledigt und fuhr zurück nach Paris, wo ich bis 1974 lebte. In dem von mir begleitend geschriebenen Bericht im Stern hatte ich meine ganz persönliche Rolle bei der Aktion bewusst verschleiert, denn ich hatte mich lediglich als Vermittlerin zwischen den Frauen in Frankreich und Deutschland verstanden.
Doch dann erschienen die deutschen Zeitungen, einsehbar in meinem Stamm-Zeitschriftenladen Boulevard Montparnasse, neben meinem Stammcafé Le Select. Und was durfte ich da lesen? Über den "Exhibitionismus" der 374 Frauen spottete die Süddeutsche Zeitung, über deren "Konsumwahn" und die "Vernichtung unwerten Lebens" (sic) lamentierte die Frankfurter Rundschau. Und der Münchner Kardinal Jäger sekundierte mit seiner Verurteilung des "neuen Euthanasieprogramms" und erinnerte an die "Seele des Fötus".
Dabei ist das mit der "Seele des Fötus" sogar in der Geschichte der katholischen Kirche so eine Sache. So galt für KatholikInnen bis zum Verdikt von Papst Pius IX. im Jahre 1869, dass der männliche Fötus ab dem 40. Tag eine Seele habe, der weibliche jedoch erst ab dem 80. Tag. Zur Zeit gilt der Zeitpunkt der Vereinigung von Ei und Samen als die Stunde null.
Auch die deutschen Juristen und Politiker debattierten im Sommer 1971 über vieles, über den "Beginn des personalen Lebens" oder die "bevölkerungspolitischen Aspekte" der Abtreibung. Nur von den Frauen, ihrem Leid und ihrem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben, davon sprach schon wenige Wochen nach dem Bekenntnis im stern niemand mehr. Und ich, die ich als Korrespondentin in Paris bis dahin eigentlich nie Probleme mit dem Veröffentlichen meiner Artikel und Sendungen gehabt hatte, durfte plötzlich nicht mehr berichten, nicht über Abtreibung. Wir engagierten Journalistinnen galten von Stund an alle als "befangen". Abtreibung war in den Medien jetzt Männersache.
So kam mein erstes Buch zustande. Ich ging zu Günther Busch, dem so klugen und einfühlsamen Lektor der edition suhrkamp, und schlug ihm das Thema vor. Ein paar Monate später, im Herbst 1971, erschien mein Band "Frauen gegen den §218": Gespräche mit betroffenen Frauen, die Geschichte der Aktion und eine politische Zwischenbilanz. Die fiel düster aus. Denn obwohl inzwischen laut Meinungsumfragen 83 Prozent aller BundesbürgerInnen für die Fristenlösung bzw. Streichung des §218 waren, war nur eine einzige Partei dazu bereit: die FDP.
Für die CDU/CSU war und ist die Ablehnung der Abtreibung bis heute unveräußerlich.
Doch selbst die SPD, und das war die eigentliche Überraschung, konnte sich erst nach langen Debatten und unter dem Druck der Frauen nur zögernd zur Fristenlösung durchringen. Kanzler Willy Brandt versagte es sich nicht, bei der entscheidenden Abstimmung zur Reform 1974 demonstrativ den Saal zu verlassen. Begründung: "Ich als uneheliches Kind …"
Eine, die sich ganz besonders darüber geärgert hat, war seine damalige Ehefrau Rut Brandt. Sie erzählte mir 18 Jahre später anlässlich eines Interviews für EMMA, dass Willy sie in frühen Jahren zu einer Abtreibung gezwungen hätte. Damals bat sie mich, es nicht zu schreiben. Heute sind alle Beteiligten tot – und es ist vielleicht ganz erhellend, diese Art von Doppelmoral offenzulegen. Denn so mancher Mann, auch Kirchenmann, wird eine Mutter oder Schwester, eine Ehefrau oder Geliebte haben, die den Preis für seine lebensferne Hartherzigkeit bezahlt.
Das Abtreibungsverbot ist seit 1871 Gesetz in Deutschland. Bis dahin wurde die Abtreibung wie überall – und in sehr ländlichen Gegenden bis heute – als verlängerte Verhütung praktiziert. Was nicht gerade zum Wohl der Frauen war. Doch das war in den 70er Jahren, dank Pille, weitgehend passé.
Das besonders Infame jedoch war, dass der § 218 zuletzt kaum noch angewandt wurde. Wie auch: Dann hätten ja Hunderttausende von Frauen im Gefängnis gesessen. So wurden im Jahr 1969 nur noch 276 Frauen wegen Abtreibung vor den Richter zitiert und zu Minimalstrafen verurteilt. Der Rechtsstaat selbst wusste längst um die Unhaltbarkeit dieser Strafandrohung. Aber die zentrale Funktion des Gesetzes war trotzdem weiterhin erfüllt: die der Einschüchterung und Entmündigung. Das Gesetz schwebte wie ein Damoklesschwert über den Frauen und ÄrztInnen.
Über die Geschichte des § 218 von den 70er Jahren bis heute ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Es wäre ein Buch über Gleichgültigkeit, Opportunismus und Hartherzigkeit, auch der Parteien. Reden wir gar nicht von den christlichen Parteien, deren Vatikan-Position feststeht und bestenfalls Lockerung in Nuancen erlaubt. Doch auch die Sozialdemokraten ließen es unwidersprochen zu, dass die von ihnen und der FDP verabschiedete Fristenlösung auf eine CSU-Klage hin 1974 von einem mehrheitlich konservativ besetzten Verfassungsgericht wieder gekippt wurde, ja die SPD feierte den faulen Kompromiss sogar als Ideallösung.
Das DDR-Regime, dessen Machthaber sehr genau die westdeutsche Szene beobachtet hatten, "schenkte" den Frauen im realen Sozialismus 1972 die Fristenlösung – in der weisen Voraussicht, dass sie sich so gar nicht erst den Ärger mit einer aus dem Protest des Abtreibungsverbotes entstehenden Frauenbewegung einhandeln würde. Resultat: Bei der Wiedervereinigung war den DDR-Frauen die Gefahr nicht bewusst, da sie sich das Recht auf Abtreibung nie hatten erkämpfen müssen. Sie erkannten nicht bzw. zu spät, dass die gesamtdeutsche Politik ihnen die einst geschenkte Fristenlösung wieder nehmen würde. Nun haben wir also eine deutsch-deutsche Gnade statt das Recht.
Was daraus in Zukunft wieder werden könnte, zeigt uns das Beispiel Amerika. In den USA ist der Terror der Pro-Life-Bewegung heute so einschüchternd, dass Ärzte es inzwischen kaum noch wagen, Schwangerschaftsabbrüche zu machen, obwohl sie (noch) legal sind. Schon vor einigen Jahren alarmierte der amerikanische Ärztinnenbund: Der Schwangerschaftsabbruch, der häufigste medizinische Eingriff bei Frauen, wird an den medizinischen Fakultäten inzwischen nicht mehr gelehrt. Neun von zehn Abtreibungen in Amerika müssen heutzutage in Spezialkliniken gemacht werden, weil andere das nicht mehr wagen. Die Ärzte, die dazu überhaupt noch bereit sind, sind meist älter und erinnern sich nur zu gut an das Elend von früher.
So wie Dr. Richard Hausknecht von der "Organisation für geplante Elternschaft". Er erzählt, wie das war vor der Legalisierung: "Die Frauen lagen auf unseren Operationstischen, halb verblutet, mit schrecklichen Gegenständen in der Vagina und zerstörten Körpern." Heute müssen solche Ärzte um ihr Leben zittern. Wie "Babykiller" Dr. Barnett Slepian, der am 23. Oktober 1998 in Armherst/New York durch sein Küchenfenster von Fanatikern von Pro Life abgeknallt wurde und vor den Augen seiner Frau und seiner vier Kinder verblutete.
Allein in den 90er Jahren ermordeten die selbsternannten "Lebensschützer" mindestens sieben Menschen: vier Ärzte, eine Krankenschwester und zwei Klinikangestellte. Sie schossen scharf, legten Brände und warfen Sprengsätze. Seit einigen Jahren killen sie weniger und schüchtern stattdessen hilfesuchende Frauen und Ärzte ein. Längst reicht ihr langer Arm bis Europa. In Wien haben sie erreicht, dass 2004 eine Abtreibungsklinik vor ihrem Terror kapitulierte und die Pforten schloss.
In München halten sie "Mahnwachen" vor der Praxis von Dr. Friedrich Stapf, vor dessen Fenstern sie "Babymörder"-Transparente schwenken und dessen hilfesuchende Patientinnen sie warnen, ihr "Baby umzubringen". Das schlechte Gewissen der Frauen ist und bleibt Trumpf.
Wo also stehen wir heute in Sachen Abtreibung? In Deutschland auf sehr dünnem Eis. Es ist, als seien wir in dieser Frage keine Demokratie, sondern ein Kirchenstaat.
Das Sauberste und Sicherste wäre, die Politik – also alle Parteien links von CDU/CSU, die wir in der Frage wohl vergessen können, Kanzlerin hin, Kanzlerin her – würde es wagen, diese halbherzige Abtreibung auf Beratungsschein zu kippen und endlich eine klare Fristenlösung einzuführen: also das uneingeschränkte Recht der Frauen auf Abtreibung in den ersten drei Monaten! So wie es in fast ganz Europa Recht ist.
Alice Schwarzer, EMMA 4/2009
Der Text ist ein Auszug aus "Die Antwort" (2007), jetzt als Taschenbuch bei Heyne.
Das Recht auf Abtreibung ist in Gefahr (3/09)
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