Sexueller Missbrauch

Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist ein Skandal? Keineswegs. Bis in die 1970er Jahre hinein war Kindesmissbrauch ein Kavaliersdelikt, über das niemand sprach. Schon gar nicht die Opfer, denn die hatten sich zu schämen. Erst EMMA hat Missbrauch und Inzest in Deutschland zum Thema gemacht. Heute wissen wir: Jedes dritte bis vierte Mädchen (und jeder zehnte Junge) wird missbraucht.
Seit wenigen Jahren nun ist der Missbrauch eine große gesellschaftliche Debatte. Gesetze wurden verschärft; Verjährungsfristen verlängert (allerdings noch immer zu knapp); Menschen, die mit Kindern zu tun haben, zur Aufmerksamkeit und Anzeige angehalten.
Die erste Veröffentlichung in EMMA über „Das Verbrechen, über das niemand spricht“, war in der April-Ausgabe 1978. Erstmals redete ein Opfer: Petra, 14, die Zuflucht im ersten Frauenhaus in Berlin gefunden hatte. Damals schrieb EMMA: „Mädchen, wie ihr euch wehren könnt!“ – und appellierte, sich bei uns zu melden. Resultat: Schweigen. Nicht ein Anruf, nicht ein Brief von Opfern. Dabei mussten Tausende unter den EMMA-Leserinnen betroffen sein. Das Thema war einfach komplett tabu.
Doch in der Folge der EMMA-Berichterstattung bildeten sich die ersten 'Wildwasser'-Gruppen: Beratungsstellen, die betroffenen Mädchen und Frauen helfen. Und bis heute melden sich Frauen bei EMMA, die sagen: Damals, als ihr das geschrieben habt, habe ich zum ersten Mal gedacht: Ich bin nicht allein.
Das Thema ließ uns und die Frauenbewegung nicht mehr los. Allmählich wurde klar: Nicht nur die Gesellschaft, auch so manche Mutter guckt weg, aus Angst oder Hilflosigkeit.
Im Jahr 1980 wollte die SPD-Regierung im Zuge der Sexualrechtsreform den Pädophilen-Paragraphen ganz streichen. Sexualität mit Kindern unter 14 wäre dann legal gewesen. Damals, in den Nachwehen der „sexuellen Revolution“, war EMMA die einzige Stimme, die sich dagegen stemmte – und in der Tat verhinderte, dass der § 176 gestrichen wurde.
Eine große Debatte war in den 90er Jahren der so genannte „Missbrauch des Missbrauchs“. Vor allem Linke warfen Feministinnen vor, den Missbrauchs-Vorwurf zu funktionalisieren. Anfang der 90er wurde der Fall Woody Allen zum internationalen Lehrstück: Der amerikanische Regisseur hatte nicht nur mit der minderjährigen Adoptivtochter seiner Lebensgefährtin Mia Farrow Pornos aufgenommen (und sie später geheiratet), er war auch von Ärzten angezeigt worden wegen der Verstörtheit seiner fünfjährigen Adoptivtochter Dylan, die alle Anzeichen von Missbrauch aufwies. Die Richter entzogen Woody Allen das Sorgerecht für alle Kinder, auch für seinen leiblichen Sohn. Was Allens Karriere nicht geschadet hat.
Hohe Wellen schlug international 2009/2010 auch erneut der Fall Polanski. Der berühmte Regisseur hatte 1977 eine 13-Jährige in Hollywood unter Drogen gesetzt und vergewaltigt. Dem drohenden Prozess entzog der Pole mit der französischen Staatsangehörigkeit sich durch Flucht aus Amerika. Er wurde erst 32 Jahre später in der Schweiz verhaftet. Die Filmwelt in aller Welt und in Deutschland fand spontan viele Entschuldigungen für den geschätzten Polanski (Ist schon so lange her… Hat sie es nicht auch selber gewollt… etc.), doch die Stimmung drehte sich bald. Anfang 2010 wurde eine Welle von Missbrauchsfällen in katholischen Jungenschulen durch Priester bekannt. Die Männerinstitution Kirche scheint die letzte Bastion.
Alice Schwarzer aktuell zum Thema:
Warum Pola Kinski so lange geschwiegen hat (Blog, 13.1.2013)
Die Leugnung der Machtverhältnisse (3/10)
Was Polanski und Röhl gemeinsam haben (5/09)
Wie es geschehen kann (2/10)
Emanzipiert Pädophilie? (4/80)
Missbrauch - die frühe Brechung (Der große Unterschied, 2000)
Zum Weiterlesen:
Man macht es mit sich allein aus (4/10)
Bergmann startet Kampagne (EMMAonline-News)
Runder Tisch bei EMMA: Frauen an der Beratungsfront (3/10)
Die Narben der Gewalt (1/04)
Daniel Cohn-Bendit (3/01)
Mit Freud find es an (5/93)
Das vernichtende Urteil (5/93)
Falsche Kinderfreunde (5/93)
Das Lehrstück Woody Allen: Was ist ein Vater? (10/1992)
Das Lehrstück Woody Allen: Adieu, Woody Allen (10/1992)
Sieh mich an! (11/1991)
Alice Schwarzer: Emanzipiert Pädophilie? (4/1980)
Günter Amendt im Gespräch mit Alice Schwarzer: Wie frei macht Pädophilie? (4/80)
Das Verbrechen, über das niemand spricht(4/1978)
Ich klage an!(4/1978)
Und die Mutter schweigt...(4/1978)
Notwehr mit dem Messer (4/1978)
Kampagne: „Missbrauch”
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Die Antwort. Aktueller Essay. Ein Frauenwort, statt Mädchengelaber.
(KiWi, 10 €)
Romy Schneider Mythos und Leben Aktualisierte Neuausgabe der Biografie
(KiWi, 8.95 €)










