PRO & CONTRA
64-Jährige älteste Mutter Deutschlands
Im Dezember 2007 bekam eine 64-jährige Deutsch-Türkin in Aschaffenburg ein Kind. Sie hatte sich im Ausland die mit Spermien ihres Mannes befruchtete Eizelle einer gebärfähigen Frau einsetzen lassen. Das ist in Deutschland verboten. Zahlreiche Reproduktionsmediziner fordern deshalb eine Gesetzesänderung. Der Vorsitzende der Zunft, Dr. Ulrich Hilland, sprach sich allerdings für eine Grenze von 45 Jahren aus bei dem Einsatz von befruchteten Eizellen. Richtig oder falsch? Zwei Mütter zweier Generationen debattieren darüber - und kommen zu ganz unterschiedlichen Schlüssen.

- Tanja Dückers
Pro alte Mutter
TANJA DÜCKERS, 39
Wenn Männer im fortgeschrittenen Alter noch Väter werden - wie Picasso oder Sky Dumont -, stört sich niemand daran. Im Gegenteil, oft klingt Bewunderung für die virilen Alten in den Kommentaren an. Dabei könnten die Argumente, die gegen Mütter im Großmutteralter bemüht werden, mit gleicher Berechtigung auf alte Väter angewandt werden. Auch ihnen verbleibt weniger Lebenszeit - und vermutlich sterben sie noch vor den alten Müttern.
Natürlich kann man sagen: Eine alte Mutter will ich nicht. Aber Kinder wünschen sich auch keinen alten Vater, keinen Workaholic, keine Jetset-Mama, keine depressive Mutter, keine geschiedenen, keine lieblosen Eltern - man wünscht sich viele Dinge nicht. Sollte man deshalb gleich Gesetze erlassen, und den Eltern vorzuschreiben, wie (alt) sie bei Geburt ihres Kindes zu sein haben?
Hinter der rigorosen Ablehnung von später Mutterschaft steckt die biedermeierliche Sehnsucht nach der vermeintlich perfekten Familie. Das "richtige" Alter wird zum Statussymbol, zu einem Gut. Doch dass die klassische Familie mit Eltern zwischen 20 und 30 Jahren bei Geburt der lieben Kleinen wirklich die beste aller möglichen Konstellationen auf Erden ist, muss erst einmal eine(r) beweisen. Historisch betrachtet gab es bisher pragmatische Gründe für diese Familienordnung, aber die Zeiten haben sich geändert. Wir werden immer älter - im Durchschnitt erreicht eine Frau in Deutschland in zwanzig Jahren ein Alter von 85 Jahren. Und eine Frau, die heute mit 64 noch ein gesundes Kind gebären kann, wird vermutlich nicht zum statistischen Durchschnitt gehören, sondern eine besonders muntere Alte werden.
Es ist selbstverständlich, dass mit dem Älterwerden der Menschen in der westlichen Welt auch die Lebensentwürfe mitwachsen und Konventionen der Vergangenheit neu überdacht werden müssen.
Wie man aus der Sozialpsychologie weiß, ist die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern oft besser als die zwischen Kindern und Eltern. Der Altersabstand muss kein Hindernis für eine gute Beziehung sein, er könnte sie sogar befördern.
Jeansmamis, die die gleichen Hobbies haben wie sie selbst, sind nicht immer das, was Kinder sich wünschen. Ältere Menschen, die sich schon selbst verwirklichen konnten, sind oft eher bereit zurückzustecken, einem Kind ungeteilte Aufmerksamkeit zu widmen. In der "Rushhour des Lebens", wie Sozialpsychologen die Spanne zwischen dem 25. und dem 40. Lebensjahr nennen, sind viele eher mit sich und ihrer Karriere beschäftigt. Für Kinder bleibt trotz aller guten Absichten, eine Supermami oder Supernanny zu sein, da oft nicht viel Zeit. Und wer einmal erlebt hat, wie konkurrenzhaft junge Mütter mit ihren Töchtern umgehen, wird zustimmen, dass doppelte Jugend kein Garant für eine vertrauens- und liebevolle Mutter-Tochter-Beziehung ist.
Wer biologistisch argumentiert und gegen späte Mutterschaft ist, weil sie medizinische Eingriffe mit einschließt, darf sich auch kein künstliches Hüftgelenk und keinen Herzschrittmacher einsetzen lassen. Und mit dem Flugzeug fliegen und im Netz herumsurfen dürften die Verteidiger der Zurück-in-die-Höhle-Ideologie auch nicht. Und überhaupt: Wer legt fest, wo die Grenzen sind? Was heißt überhaupt "natürlich" und "authentisch"? Wer meint hier, das Meinungsmonopol zu besitzen über Leben und Tod? Die absurdesten Schönheits-OPs sind erlaubt - ein Kind jenseits des mustergültigen Alters zu gebären nicht?
Der die Geburt assistierende Arzt der 64-Jährigen aus Aschaffenburg, die sich im Ausland eine Eizelle hatte einpflanzen lassen, wunderte sich: "Bei uns gibt es ein Paradox: Warum soll das Spenden von Samen erlaubt sein, das von Eizellen aber nicht?"
Außerdem: Eine sehr späte Mutterschaft ist in den meisten Fällen sicher eine Folge von vorangegangenem Leid: ungewollte Kinderlosigkeit, eine gescheiterte Beziehung etc. Aber sollte man einer Betroffenen nun Steine in den Weg legen und per Gesetz und Ethikkommission verbieten, ein Kind zur Welt zu bringen? Und wenn, wie sollte solch ein Gesetz aussehen? Bis 50 ist es erlaubt, zu gebären. Ab 50 verbietet Vater Staat den Frauen, ein Kind zur Welt zu bringen? Welche Strafe steht darauf? Gefängnis? Und was passiert mit den Kindern der "verbotenen" Mütter? Werden sie den Müttern weggenommen und in ein Heim gesteckt? Je konkreter wir uns solch ein Verbot ausmalen, desto deutlicher wird seine Inhumanität und Absurdität.
Tanja Dückers, EMMA 2/2008 (Die Autorin ist Schriftstellerin und veröffentlichte zuletzt "Der längste Tag des Jahres", Aufbau Verlag)

- Ursula Lebert
Contra Alte Mutter
URSULA LEBERT, 76
Liebe Frau Unbekannt,
denn Ihren Namen habe ich im Internet nicht gefunden, nur den Namen und das Foto Ihres Mannes. Sie sind trotzdem weltberühmt als "die älteste Mutter Deutschlands", weil Sie im vergangenen November mit sage und schreibe 64 Jahren in einer Aschaffenburger Frauenklinik ein Kind zur Welt gebracht haben. Eine medizinische Sensation.
Ich gratuliere Ihnen dazu nicht. Ich frage mich, wer oder was Sie bewogen hat, in Ihrem Alter noch ein Kind zu wollen. Der sehnsüchtige Wunsch? Der Triumph, zu beweisen, dass auch alte Frauen können, was alte Männer vollbringen: ein Kind zu kriegen?
Zugegeben, es ist eine biologische Ungerechtigkeit, dass die Fortpflanzungsfähigkeit bei der Frau so viel früher erlischt als beim Mann. Wissenschaftliche Experimente wie das Ihre werden das in Zukunft wohl ändern.
Ich kenne allerdings nur Frauen, mich selbst eingeschlossen, die ihren Monatszyklus erleichtert an den Nagel gehängt haben. Hat ja lange genug gedauert, die unbequeme, oft auch schmerzhafte Belästigung. "Unwohlsein" nannte man das früher. ("Meine Tochter ist unwohl und kann deshalb am Turnunterricht nicht teilnehmen" - Entschuldigungsbrief der Mutter.)
Also, Sie wollten das wieder. Sie haben sich dafür monatelangen, nicht ungefährlichen Hormonkuren unterzogen, um Ihre Geschlechtsorgane wieder aus dem Winterschlaf zu wecken. Da Ihre eigenen Eierstöcke die Produktion endgültig eingestellt hatten, haben Sie eine junge anonyme Frau gesucht und gefunden, die Ihnen Eizellen gespendet hat. Sie sind dann im Reagenzglas mit dem Samen Ihres ebenfalls 64-jährigen Mannes befruchtet und in Ihre Gebärmutter eingepflanzt worden. Tatsächlich hat sich ein Embryo in der Schleimhaut eingenistet. Beim wievielten Versuch, ist unbekannt. Auch der Ort, an dem der Versuch gemacht wurde.
In Deutschland ist die Fremdspende, die Sie zur "Leihmutter" gemacht hat, verboten. Die Prozedur ist also im Ausland vorgenommen worden, vielleicht in Spanien, Belgien oder der Türkei, wo sie erlaubt ist. Egal. Spielt in diesem Zusammenhang auch keine Rolle, was ein solcher Versuch kostet - schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Euro.
Es war ein sensationeller Erfolg. In der Aschaffenburger Klinik sind Sie während Ihrer Schwangerschaft erschienen und haben um Hilfe gebeten. "Die haben wir selbstverständlich geleistet", sagt der Arzt. "Alles rechtlich einwandfrei", sagt der zuständige Aschaffenburger Chefankläger, "da in Deutschland keine Haupttat vorliegt. Das Kind ist hier nur zur Welt gekommen." Es war bei der Entbindung durch Kaiserschnitt 2.100 Gramm schwer und 46 Zentimeter groß. Ein Mädchen. Ihr Name ging ins Internet: Karya. Ein schöner Name.
Ich bin 76 Jahre alt. Ich stelle mir vor, ich wäre Karya. Ich hätte eine so viel ältere Mutter als die anderen Kinder, mit denen ich in die Schule komme. Wenn ich zwölf bin, ist sie, naja, 76. Uralt, oder vielleicht nicht?
Bittesehr, widerspricht mir jetzt jemand, es gibt Kinder, die wachsen bei den Großeltern auf, weil die Eltern verunglückt oder gestorben oder erziehungsuntauglich sind. Schon, aber das sind Notfälle, Schicksalsschläge, keine Wunscherfüllungen. Man kann anführen, dass in Mecklenburg eine drogensüchtige Mutter ihr Kind aus dem Fenster geworfen hat, was die Großmutter wohl nicht getan hätte. Schluss mit solchen Extrem-Vergleichen. Bleiben wir im realen Leben.
Ich habe selbst Kinder großgezogen und erinnere mich sehr gut an die Themen, die mich oft bis an die Grenzen überfordert haben. Als der 15-jährige Sohn mit der 14-jährigen Freundin zum Nordkap trampen wollte. Als er mit 17 die Schule schmeißen wollte und Haschisch rauchte. Als, als als ... Kinder sind keineswegs auf Dauer Objekte mütterlicher (und väterlicher) Wunscherfüllung.
Wenn Karya fünfzehn ist, sind Sie, die älteste Mutter Deutschlands, 79. Wenn Karya 18 ist, sind Sie 82. Ihr Mann übrigens auch. Als ich so alt war wie Sie jetzt sind - ich möchte nicht dauernd diese Zahlen vorrechnen - habe ich gelegentlich ein Enkelkind gehütet. Einmal sagte ich mittags: "Benni, jetzt legen wir uns ein bisschen hin." Der Dreijährige strahlte mich an: "Ach, Oma, das bringt doch nix." Also stand ich auf dem Spielplatz am Klettergerüst mit schmerzenden Beinen, die ich gerne hochgelegt hätte. "Oma, komm doch auch rauf!", und ich kletterte bis zur fünften Sprosse. Morgen, dachte ich, bist du wieder bei der Mama.
Doch die kleine Karya bleibt. Wird groß und bleibt. Muss bleiben. Nein, ich gratuliere nicht. Weil ich nämlich nicht in einem Altersheim aufwachsen wollte, wenn ich Karya wäre.
Ursula Lebert, EMMA 2/2008 (Die Autorin schreibt in der Regel für Brigitte)
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