BELLA ITALIA
Berlusconi & die Mafia
Der Prozess gegen den italienischen Präsidenten, Anklage Bestechung, steht an. Doch der könne „Italien an den Rand des Bürgerkrieges“ bringen, warnt der Angeklagte. Eine Drohung? Ein Kronzeuge der Cosa Nostra behauptet nun, Berlusconi habe von der Ermordung der Anti-Mafia-Richter Borsellino und Falcone 1992 gewusst. Jetzt tauchen noch schwerere Vorwürfe auf. - Valeska von Roques, die zehn Jahre lang Spiegel-Korrespondentin in Italien war, über den Machopräsidenten und seine Hintermänner.

- Silvio Berlusconi
(...) Inmitten eines Knäuels von aufgeregten Fotografen und Kameraleuten bewegte sich Berlusconi langsam in Richtung Podium voran, mehr geschoben denn mit eigenen Schritten, während seine Leibwächter ihn schützten vor den Püffen, den Zugriffen, den Schiebeversuchen der johlenden und aufgeregten Bildjournalisten. Berlusconi wiederum trug jenes zufriedene Grinsen in seinem künstlich gebräunten und bereits damals wahrscheinlich gelifteten Gesicht, das wir noch heute an ihm kennen – genau wie den dunklen, vor dem Bauch ein wenig zu engen Doppelreiher, der seine füllige Figur strecken soll.
Wir waren neugierig auf den „Cavaliere“. Auch dem künftigen Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten war eine gewisse Spannung anzumerken. Und das war verständlich. Es war sein erster Auftritt vor dem Verein der römischen Auslandspresse, und die gilt, zu Recht, als bedeutende Startrampe. Wer immer in Italien Großes vorhat – sei es, dass er Papst werden möchte, wie damals ein gewisser Kardinal Ratzinger, sei es, dass er Präsident werden möchte – kommt an der römischen „Stampa Estera“, der Auslandspresse-Konferenz, nicht vorbei.
Auf ihrem Podium zu sitzen und Fragen von Korrespondenten aus aller Welt zu beantworten, gibt einer Kandidatur die letzte Weihe. Vorausgesetzt allerdings, die Fragen tun dem Amtsanwärter nicht weh. Sie müssen ihm möglichst sogar ermöglichen, bella figura, eine gute Figur zu machen.
Doch genau das ging schief. Denn die erste Frage, gestellt auch noch von einem deutschen Journalisten, galt Berlusconis möglicher Absicht, sich mit dem "Movimiento Sociale Italiano" (MSI), also der Partei der Neofaschisten, unter ihrem Führer Gianfranco Fini zu verbünden - und das wirkte, so schien es, auf Berlusconi wie ein Tritt ins Gemächt. Er rastete aus.
Und als gar noch ein Kollege aus Frankreich nachhakte und fragte, ob er bei seiner Stellungnahme für den Neofaschisten auch die möglichen Reaktionen im Ausland bedacht hätte, rastete Italiens künftiger Regierungschef vollends aus. Sein Lächeln erlosch. Seine Stimme wurde laut. „Schämt euch“, schrie er, „mir Sympathie für die Faschisten zu unterstellen. Das ist Stalinismus, einen mit Lügen fertig zu machen. Unter euch sind einfach zu viele, die ihr Gehirn bei den Kommunisten abgegeben haben“.
Wir schrieben das Jahr 1993. Die Mauer war vor fast vier Jahren gefallen. Wir wussten wohl, dass es diesseits und jenseits von ihr noch Menschen gab, die ihre Sehnsucht nach einer egalitären, sozialistischen Gesellschaft nicht aufgegeben hatten. Aber dass solche Traumtänzer nun im Verein der Auslandspresse zu Rom zu vermuten wären, und wir selber allesamt zu ihnen zählen sollten, klang uns doch reichlich abwegig. „Das klingt nach dem Anfang einer großen Freundschaft“, flüsterte mir an jenem Novembertag im Jahr 1993 die blonde Birte von Dagens Nyheter zu.
„Glauben Sie mir“, intonierte derweil Berlusconi, den Blick feldherrenmäßig in die Kameras der Fernsehleute gerichtet, „noch hoffe ich, nicht eingreifen zu müssen. Aber wenn sich die Kräfte im politischen Mittelfeld weiterhin nicht entschließen können, die Linke effektiv zu bekämpfen, dann ist es meine Pflicht, dem Land meine Erfahrung als Unternehmer zur Verfügung zu stellen.“
Gewichtig sah er aus. Verantwortungsvoll. Ein Mann, der weiß, wo er hin will. Dem alles gelingt. Ein Milliardär. Bereits Herrscher über fast alle italienischen Medien und zugleich ein Mann des Volkes, der die fast messianische Hoffnung für Italiener präsentiert, aus dem Nichts in jene Höhen des Reichtums aufzusteigen, in der alle Wünsche erfüllbar zu werden scheinen, vom Haus am Meer bis hin zum Nerzmantel für die Gattin und einem Pulk Blondinen auf Bestellung.
Der Tycoon hatte nur wenige Monate zuvor in Mailand eine neue politische Bewegung gegründet, strikt geformt nach den Grundsätzen der Werbewirtschaft, und benannt nach dem Singsang italienischer Fußball-Fans bei Länderspielen: Forza Italia. (...)
Valeska von Roques, EMMA Winter 2010
Den ganzen Text lesen Sie im
aktuellen Print-Heft.
blättern. kaufen. lesen.

Die ganze EMMA zum Blättern
Von Seite 1 bis Seite 164 die aktuelle EMMA-Ausgabe zum Blättern im Internet.
In neuem Fenster öffnen
Wer es genau wissen will:
Das EMMA-Heft bekommen Sie am Kiosk, im Zeitschriften- und Bahnhofsbuchhandel.
Wo kann ich die EMMA kaufen?
EMMA direkt nach Hause
Bestellen Sie Ihr persönliches EMMA-Abonnement in unserem Online-Shop
Zur Abo-Bestellung
Das neue EMMA-Buch! Das Beste aus 280 EMMAs + EMMAs Geschichte, 426 S. Großformat (Heyne, 24.90 €)
Die Antwort. Aktueller Essay. Ein Frauenwort, statt Mädchengelaber.
(KiWi, 10 €)
Simone de Beauvoir DVD, ein Film von Schwarzer 1973, 45 Min., deutsche u. franz Version
(EMMA, 12.95 €)
Romy Schneider Mythos und Leben Aktualisierte Neuausgabe der Biografie
(KiWi, 8.95 €)
Marion Dönhoff - Ein widerständiges Leben. Aktualisierte Neuausgabe der Biografie. (KiWi, 8.95 €)
Hg. Alice Schwarzer:
"Die Gotteskrieger - und die falsche Toleranz". Über die Gefahr der Islamisierung.
(KiWi, 9.95 €)







