Essstörungen

Er war ein Schock: der EMMA-Sonderband ‚Durch dick und dünn’ 1984 (später als Taschenbuch bei Fischer). Und seine Titelzeilen sagten alles: Mit Twiggy fing’s an/Diätwahn: Wann ist frau fett?/Fresssucht: Ein Leben zum Kotzen/Brigitte: Der alltägliche Diätterror. Bis dahin war das Problem total tabu gewesen.
EMMA hatte im Juni 1980 erstmals mit dem Diätwahn getitelt, nachdem sich bei einer Leserinnen-Analyse herausgestellt hatte, dass jede zweite EMMA-Leserin sich „zu dick“ fand. Doch zum Politikum wurden die Essstörungen der Frauen in Deutschland erst durch diesen Sonderband. Jenseits aller psychologisch-individuellen Probleme analysierte Alice Schwarzer die Hunger- und Kotzsucht als Reaktion auf die raumgreifende Emanzipation: „Während Männer Raum einnehmen, machen Frauen sich dünne!“ Ausgelöst von der EMMA-Kampagne bildeten sich Mitte der 80er Jahre erste Beratungszentren. Heute gibt es die im ganzen Land, Kliniken melden inzwischen neunjährige Patientinnen. Jedes dritte junge Mädchen kämpft mit Essstörungen und jede fünfte bis zehnte pathologisch daran Erkrankte stirbt.
Die im satten Westen erfundenen Essstörungen verbreiten sich seit Ende der 60er Jahre epidemisch über die ganze Welt. Auf den Fidschi-Inseln wurden die bis dahin fröhlich runden Frauen prompt ein, zwei Jahre nach Einführung des Fernsehens magersüchtig... Heute sind Essstörungen die Frauensucht Nr. 1, noch vor Tabletten und Alkohol.
EMMA blieb kontinuierlich am Thema und berichtete ab 2001 über die Maßnahmen, die andere Länder, wie Spanien oder England, ergreifen: Runde Tische mit Medien, Mode und MinisterInnen; Auftrittsverbote für Models unter Kleidergröße 40 etc. Immer wieder forderte EMMA solche Aktivitäten auch in Deutschland. Nachdem die ersten Models regelrecht verhungert vom Laufsteg fielen, wurde die Politik endlich hellhörig.
Im Dezember 2007 initiierte EMMA zusammen mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) den Gipfel „Leben hat Gewicht“. Spitzenfrauen aus Werbung, Mode, Medien und Medizin kamen nach Berlin, um ein Zeichen gegen die tödliche Frauensucht zu setzen und Maßnahmen zu beraten. Darunter die in London praktizierende Therapeutin amerikanische Therapeutin Susie Orbach, die 1978 das erste Buch über Essstörungen schrieb („Das Anti-Diät-Buch“, Nachdruck in EMMA 1979) Ein erster Schritt, der aus dem Gipfel folgte: Am 11. Juli 2008 unterzeichneten die die deutschen Mode-Dachverbände einen „Kodex gegen den Schlankheitswahn“: Sie verpflichteten sich, das „gesundheitsschädigende Körperbild“, das Magermodels vermitteln zu „korrigieren“. Auf deutschen Laufstegen sollen nur noch Models mit einem Body-Mass-Index von mindestens 18,5 erlaubt sein. Die Models der internationalen Print- und Plakatwerbung sind allerdings immer noch gespenstisch dürr. Frankreich plant gerade eine Kennzeichnungspflicht für via Computer verdünnte Magermodels. Eine Inspiration für den Gesundheitsminister?
Zum Weiterlesen:
Dicker Schöner Stärker (6/2009)
Modebranche verpflichtet sich auf Kodex (4/2008)
Dossier: Gegen Diätwahn (2/2008)
Erste Maßnahmen gegen die Frauensucht Nr. 1 (1/2008)
Auf dem Laufsteg tot zusammengebrochen (6/2006)
Einfach satt essen (6/2006)
Schlachtfeld Frauenkörper (5/2006)
Hungern für Hollywood (5/2006)
Meine Freundin Ana (4/06)
Eine Frauen-Epidemie grassiert (1/2001)
Der Körper wird zum Schlachtfeld (1/2001)
Dünne machen! (Sonderband 1984)
Kampagne: „Essstörungen”
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