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Die EMMA-Filmkritik
Selbstironische Action-Rentner, untergewichtige Agentinnen und mutige Forscherinnen: Ein Mal im Monat wirft die EMMA-Redaktion einen feministischen Blick auf aktuelle Kinofilme. Diesmal mit der Dokumenation "Jane's Journey", dem Action-Film "The Expendables", dem Thriller "Salt" und dem Nachkriegsdrama "Zwischen uns das Paradies".

Jane's Journey: Die Lebensreise der Jane Goodall
Dokumentation, Deutschland 2010, Regie und Drehbuch: Lorenz Knauer, Filmstart: bereits angelaufen
Die Geschichte: 300 Tage im Jahr ist die Affenforscherin und Naturschützerin Jane Goodall, 76, auf Reisen, um die „Notlage unseres geschundenen Planeten“ anzuprangern. Goodall hatte in den 60er Jahren die Primatenforschung revolutioniert. Nicht nur, weil sie bei ihren Beobachtungen feststellte, dass Affen Werkzeuge benutzten und sogar herstellten. Sie gab „ihren“ Schimpansen Namen statt Nummern, was ihre durchweg männlichen Kollegen entsetzte, und dokumentierte, dass Affen nicht nur logisch denken, sondern auch Gefühle haben können. „Diese Erkenntnisse zwingen uns, unsere Beziehung zum Rest des Tierreichs, besonders aber den Großen Menschenaffen, neu zu bewerten.“ Ende der 80er Jahre beendete Goodall ihre Forschungen und wurde zur Botschafterin für den Umweltschutz. Die Dokumentation begleitet die „berühmteste Primatologin aller Zeiten“ (nature) auf ihren Stationen von Kenia bis Grönland.
Warum sollten Frauen diesen Film sehen? Weil Jane Goodall eine der bedeutendsten und beeindruckendsten Pionierinnen der Naturwissenschaften ist.
Warum sollten Männer diesen Film sehen? Weil sie in Sachen Respekt vor ihren Mitgeschöpfen (Frauen und Tieren) noch ziemlich viel zu lernen haben.
Was ist daran feministisch? Jane Goodall (die übrigens ursprünglich Sekretärin war) hat die Regeln der Männerwelt, die die Primatenforschung in den 60ern noch war, gebrochen, indem sie die Schimpansen nicht als bloße Forschungsobjekte, sondern als Individuen betrachtete. Nicht zufällig sind die großen Affenforscherinnen sämtlich Frauen: Jane Goodall (Schimpansen), Dian Fossey (Gorillas) und Biruté Galdikas (Orang Utans). Goodall hat die Vorstellung vom Menschen als „Krone der Schöpfung“ torpediert. Die Idee, Tiere als andere, also minderwertige Geschöpfe zu betrachten, kennen wir ja schon von den Frauen. Mehr zum Thema

The Expendables: Reinhaun auf Männerart
Action-Film, USA 2010, Regie: Sylvester Stallone, Drehbuch: David Gallaham und Sylvester Stallone, Filmstart: bereits angelaufen
Die Geschichte: Zack. Bumm. Bäng. Knatter. Radusch. Rums. Puff. Peng. Wroaaar. Eine Gruppe in die Jahre gekommener Söldner ist auf einer Mission gegen einen Diktator in Mittelamerika, nur spielt ihr Auftraggeber ein doppeltes Spiel. Zack. Bumm. Radusch. Knatter. Peng....
Warum sollten Männer diesen Film sehen? Um wenigstens noch einmal in den Genuss zu kommen, bei diesem Veteranen-Treffen des Action-Films nicht nur einen, sondern alle Vertreter einer aussterbende Art vereint zusehen: Die muskelbepackten, kurzsilbigen, unverwüstlichen, gut-gegen-böse Typen Sylvester Stallone („Rocky“ und „Rambo“), Bruce Willis („Stirb langsam“), Arnold Schwarzenegger („Terminator“), Dolph Lundgren (auch „Rocky“). Plus dieses junge Gemüse Jason Statham („The Transporter“) und Ex-Schönling Micky Rourke („Neuneinhalb Wochen“, ähhh, „The Wrestler“)
Warum sollten Frauen diesen Film sehen? Um sich diebisch zu freuen, dass solche auf Dauer öden Streifen, in denen Frauen immer nur gut aussehen und gerettet werden wollen, nach einem letzten kurzen und durchaus selbstironischen Aufleben eines Kults aus dem vergangenen Jahrtausend ganz bald und im wahrsten Sinne des Wortes von der Bildfläche verschwunden sind - und die Protagonisten in Rente.
Und was ist daran feministisch? Gar nichts. Aber es ist sehr erfreulich, dass Muskelmänner wie Stallone zu ihrer Vergreisung stehen.

Salt: Reinhaun auf Frauenart
Agententhriller, USA 2010, Regie: Phillip Noyce, Drehbuch: Kurt Wimmer, Filmstart: bereits angelaufen
Die Geschichte: Ein russischer KGB-Überläufer beschuldigt die eigentlich als loyal geltende CIA-Agentin und Sprengstoffexpertin Evelyn Salt während eines Verhörs, eine russische Schläferin zu sein – mit dem Auftrag, den amerikanischen Präsidenten zu ermorden. In diesem Moment beginnt Salts atemlose Flucht vor den ehemaligen Kollegen – und ihre eigene Jagd auf die fiesen Schurken, die einen Atomkrieg auslösen wollen (was sonst?). Samt Prügeleien, Rumballern und der bohrenden Frage: Ist sie eine Schläferin oder ist sie’s nicht?
Warum sollten Männer diesen Film sehen? Weil Angelina Jolie alias Evelyn Salt die Überwachungskamera mit ihrem Slip zuhängt? Nein. Eher, weil hier mit dem Klischee aufgeräumt wird, dass smarte Agenten immer frauenabschleppende Schönlinge sein müssen.
Warum sollten Frauen diesen Film sehen? Erstens: Um zu verstehen, dass die Sache mit der Dauerdiät langfristig doch nichts bringt - frau hat doch erhebliche Probleme, dieser dürren Person die ganze Action abzunehmen. Angelina Jolie, die Superheldin mit Untergewicht? Zweitens: Um sich von Jolies Durchsetzungsfähigkeit eine Scheibe abzuschneiden. Evelyn hieß nämlich im Drehbuch erst Edwyn und sollte von einem Mann, angeblich Tom Cruise, gespielt werden. Dann kam Jolie und überzeugte als die bessere Krawall-Agentin.
Und was ist daran feministisch? Untergewicht hin oder her – hier rettet eine Frau die Welt und ist dabei weder peinlich noch anbiedernd. Evelyn Salt ist Karrierefrau und liebende Freundin. Sie ist eiskalt und berechnend, ihre beste Waffe ist der Verstand und trotzdem treibt sie ein Gefühl: Die Rache am Mörder ihres Mannes. Und eine Killermaschine ist sie natürlich auch. Außerdem baut sie aus Putzmitteln eine Bombe. Damit hat sie das Zeug zur ersten Kultagentin.

Zwischen uns das Paradies: Luna & Amar
Spielfilm, Bosnien 2010, Regie und Drehbuch: Jasmila Zbanic, Filmstart: bereits angelaufen
Die Geschichte: Luna und Amar sind ein modernes Paar in Sarajevo. Als Amar seinen Job als Fluglotse verliert, weil in seiner Thermoskanne Schnaps entdeckt wird, droht er abzustürzen. Dann trifft der Ex-Kämpfer im Bosnien-Krieg seinen alten Kampfgefährten Bahjira. Der trägt inzwischen den langen Bart der Wahabiten. Auch Amar sucht sein Heil zusehends in der fundamentalistischen Gemeinde. Luna ist entsetzt – und beginnt, um die Beziehung zu kämpfen.
Warum sollten Frauen und Männer diesen Film sehen? Weil er eindrucksvoll die Anfälligkeit kriegstraumatisierter Männer für fundamentalistische Heilsversprechen zeigt.
Was ist daran feministisch? Die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic hatte sich schon in „Esmas Geheimnis“, der 2006 den Goldenen Bären gewann, mit den Spätfolgen von Kriegen befasst: Damals waren es die Kriegsvergewaltigungen, deren traumatische Folgen über mehrere Generationen Zbanic anhand eines Mutter-Tochter-Konflikts erzählte. Jetzt wirft die Regisseurin einen klugen Blick auf die Kriegsfolgen für die traumatisierten Männer. Und warnt als eine der wenigen Stimmen vor der fundamentalistischen Gefahr im auch heute noch kriegserschütterten und bitterarmen Bosnien.
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EMMAonline, 3.9.2010
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