Türkei und allerorten
Fatmagül oder Güldünya?
Die durch eine endlose Vergewaltigungsszene berühmt gewordene TV-Serie „Was hat Fatmagül verbrochen?“ läuft weiter mit großem Erfolg. Was sind die wahren Gründe der Faszination?

Die 16-jährige Funda starrt gebannt auf den Fernseher. Die schöne junge Frau in der Serie weint bitterlich und kreischt plötzlich hysterisch: „Warum sind die Menschen nur so schlecht?“ Fundas Mutter Havva schüttelt missbilligend und zustimmend zugleich den Kopf über ihrer Häkelarbeit. Wie Millionen andere ZuschauerInnen in der Türkei. „Was hat Fatmagül verbrochen?“ ist die zurzeit erfolgreichste TV-Serie am Bosporus. Am 16. September wurde in der Serie die längst legendäre Vergewaltigungsszene gezeigt. Seitdem ist der türkische Privatsender Kanal D donnerstagabends von 20 bis 23.15 Uhr mit einem Marktanteil von 14 Prozent der meistgesehene Fernsehsender der Türkei.
Erzählt wird die Geschichte von Fatmagül, einer einfachen, jungen Frau aus einem Fischerdorf in der Nähe der Hafenstadt Izmir, deren Leben nach einer Gruppenvergewaltigung in Trümmern liegt. Gerade hat Fatmagül, die Heldin der Serie, erfahren, dass ihr Ex-Verlobter, der Fischer Mustafa, von ihren Vergewaltigern mit Geld bestochen wurde. Er soll seine Rachegedanken gegen drei reiche Istanbuler Familien begraben, deren Söhne seine Braut am Strand ihres Heimatdorfes vergewaltigten. Fatmagül war kurzerhand mit Kerim, einem Handwerker aus dem Dorf, verheiratet worden, um die Schande für die Familie in Grenzen zu halten.
Die Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Der türkische Schriftsteller Vedat Türkali verarbeitete sie Anfang der 1980er Jahre in einem Roman, der 1986 mit dem beliebten Filmstar Hülya Avsar in der Hauptrolle verfilmt wurde. Roman wie Film kritisierten, dass die türkische Gesellschaft bei Vergewaltigungen in der Regel die Schuld beim Opfer sieht. Auch machten sie auf ein Gesetz aufmerksam, das erst 2004 geändert wurde. Die Rechtsprechung sah Straffreiheit für den Täter vor, wenn dieser einwilligte, sein Opfer zu heiraten. Das war für viele Männer der Weg, nach einer Abweisung die Widerstrebende durch eine Vergewaltigung gefügig zu machen.
Aus ihrem eigenen Dorf kennt Havva einige Fälle solcher Zwangsverheiratungen nach Vergewaltigungen. Ihr kleines, blitzsauberes Wohnzimmer ähnelt vielen anderen in der Türkei. Vor einer Sitzgruppe mit bequemen, billigen Polstermöbeln steht ein großer Fernseher auf einer Kommode, als Unterlage und Schrammschutz dient ein Dantelle-Deckchen aus weißem Garn. Ein Foto an der Wand zeigt das Bergdorf in Mittelanatolien, das Havva mit achtzehn Jahren für Istanbul verließ. Damals war Tochter Funda schon zwei, ihr Mann Mustafa Özkul, auch gerade erst 19 geworden, arbeitete seit ein paar Monaten in einer Textilfabrik im aufstrebenden Industrie-Viertel Zeytinburnu. Doch die Wirtschaftskrise 2001 kostete ihn diesen zwar schlecht bezahlten, aber stabilen Job. Jetzt ist das Geld bei den Özkuls immer knapp. Mustafa arbeitet als Gelegenheitshandwerker und Havva als Putzfrau. Der Fernseher ist ein unverzichtbarer Freund langer Abende. Und der Donnerstagabend gehört „Was hat Fatmagül verbrochen?“.
Es sind vor allem Migrantenfamilien wie die Özkuls, die die Serie lieben. 70 Prozent aller BürgerInnen wohnen mittlerweile nicht mehr auf dem Lande, sondern in Großstädten. Vor zwanzig Jahren war es genau umgekehrt. Doch die Wertvorstellungen ändern sich nicht so schnell wie der Wohnort. Die Medienforscherin Hülya Tanriöver stellt fest, dass die Serie um Fatmagül die patriarchalischen Werte im Bewusstsein ihrer Zuschauer geschickt benutzt. Auch wenn die Inhalte Bestürzung und auch Wut auslösen, so bestätigen sie doch die Rollenerwartungen dieser Zuschauergruppe.
So löste die Ausstrahlung der Vergewaltigungsszene zwar landesweit Empörung aus. Vier Minuten lang war das weinende Gesicht von Fatmagül zu sehen, der Mund und Nase zugehalten werden, um ihre Schreie zu ersticken, nur unterbrochen von dem grinsenden Gesicht eines der Vergewaltiger. Über 2000 ZuschauerInnen beschwerten sich prompt bei der Fernsehaufsichtsbehörde über die sensationsheischende Darstellung von Gewalt an Frauen. Seit kurzem wird die Vergewaltigungsszene, die lange in der Serie immer wieder als Rückblick wiederholt wurde, nicht mehr ausgestrahlt. Hunderttausendfach ist sie allerdings jetzt im Internet verlinkt.
Auch ein Fatmagül-Computerspiel erfreut sich großer Beliebtheit: „Lauf Fatmagül, lauf“. Der Spieler kann einen Fatmagül-Avatar mit dem Cursor über das Spielfeld bewegen. Drei Verfolger tauchen auf, die den Vergewaltigern der Serie wie aus den Gesichtern geschnitten sind. Sobald Fatmagül gefangen wird, weint sie wie die Schauspielerin Beren Saat alias Fatmagül.
Übrigens: Auch eine Online-Recherche im deutschen Netz ist aufschlussreich. Da vergewaltigt Super-Mario als Zeichentrick-Figur die Prinzessin, ein Autor, der sich Ben Bischoff nennt, beschreibt auf www.eunuch.org genüsslich die Vergewaltigung einer geilen Schlampe und auf www.brutal-fucking.com wird gleich per Video gedemütigt und vollgespritzt. Obwohl die Videos nur mit einem Benutzerkonto zugängig sind, ist die anale Vergewaltigung einer Frau als Lockvideo direkt auf der Startseite der Homepage zu sehen.
In der Türkei werden Porno-Seiten mittlerweile grundsätzlich gesperrt, aber der findige User behilft sich mit Proxyservern. Gleichzeitig ist eine gesellschaftliche Debatte entbrannt, die sich im Februar zuspitzte als der Theologie-Professor Orhan Çeker aus Konya verkündete, dekolletierte Frauen seien selbst schuld, wenn sie vergewaltigt würden. Später ließ er durch seinen Anwalt eine Richtigstellung abgegeben: Eine Vergewaltigung sei immer nur die Schuld des Vergewaltigers, aber bei bloßer Belästigung sei das etwas anderes: „Wenn eine Frau ihr Dekolleté zur Schau stellt und sich anzüglich verhält, dann liegt die Schuld bei beiden.“ Ein Sturm des Protestes brach aus, die Staatsanwaltschaft von Konya ermittelte gegen Çeker.
Die Serie „Was hat Fatmagül verbrochen“ wird auch in der Türkei heftig diskutiert und kritisiert. An der Galatasaray-Universität beschäftigt sich Hülya Tanriöver mit dem Frauenbild in türkischen Serien. Sie stellt fest, dass traditionelle Frauenrollen in diesen Serien bestätigt und Frauen überproportional oft in der Opferrolle gezeigt werden. Serien mit anderen Inhalten halten sich meist nicht lange.
Thema im Forum diskutieren
Sahibe Kara, Leiterin eines Istanbuler Frauenhauses, wacht über die Sicherheit von zehn Frauen. Gewalt und sexueller Missbrauch in den Familien sind die beiden Hauptgründe, die Frauen Hilfe suchen lassen. Eine Studie des Familienministeriums ergab, dass 41 Prozent aller Frauen in der Türkei Gewalt in der Familie erleben. Dabei steigt auch die Zahl der Todesopfer alarmierend. 2002 wurden 66 Morde an Frauen in der Familie aktenkundig, 2009 waren es 953. Sahibe Kara schaut mit ihren Schützlingen auf DVD manchmal die TV-Serie „Güldünya“. Güldünya Tören war eine Frau, die 2003 von ihren Brüdern nach der Geburt eines unehelichen Kindes ermordet wurde. Der Fall löste landesweit Entsetzen und Empörung aus. Es wurden Frauennotrufe bei der Polizei eingerichtet.
Die Serie „Güldünya“ stellt ein Einsatzkommando der Polizei in den Mittelpunkt, das Frauen mit Hilfe des Notrufes aus ihrer Situation befreit. In vielen Szenen rufen auch Nachbarn oder Familienmitglieder den Notruf, um der bedrohten Frau zu helfen. „Die Serie leistete wichtige Aufklärungsarbeit. Die meisten Frauen wissen nicht, wo sie hin sollen“, weiß Sahibe Kara. Die TV-Serie wurde wegen zu niedriger Quote nach zehn Folgen 2009 wieder abgesetzt. Die Mehrheit scheint sich eher mit den Tätern als mit den Opfern zu identifizieren.
Sabine Küper-Büsch, EMMAonline 25.3.11
Die Autorin lebt in der Türkei. Sie ist freischaffende Journalistin und Filmemacherin.
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