Kachelmann-Prozess
Die ZEIT disqualifiziert Traumatologie

- Opferanwalt Thomas Franz, Sabine Rückert und Sabine W.
In der aktuellen Ausgabe der Zeit stellt Gerichtsreporterin Sabine Rückert in ihrer Berichterstattung über den Fall Kachelmann mit ein paar Sätzen mal eben die gesamte Traumaforschung in Frage. Denn deren Erkenntnisse passen offenbar so gar nicht zu Rückerts Sicht der Dinge.
Hintergrund: Der international renommierte Heidelberger Psychotraumatologe Prof. Günter Seidler - der auch der Therapeut des mutmaßlichen Opfers von Kachelmann ist - hatte dem Gericht in einer Expertise bestätigt, dass die Frau unter einer „schweren posttraumatischen Belastungsstörung“ leide und zweifelsfrei „Todesangst“ gehabt habe. Wenn sie sich nur bruchstückhaft an die Tat erinnern könne, könnte das eine Folge dieses Traumas sein. Auch die Gutacherin Luise Greuel hatte bereits erklärt, es sei typisch, dass Vergewaltigungsopfer „in eine Art Schockstarre verfallen“.
Die Traumatologie, die Wissenschaft vom Opfer, und das Phänomen der posttraumatischen Störung (PTSD) sind seit 1984 international wissenschaftlich anerkannt. Die Opfer werden definiert als „Menschen, die mit Lebensgefahr und Todesangst in Berührung gekommen sind“ (American Psychiatric Association). Wie wir wissen, ist die Vergewaltigung quasi immer mit Todesdrohungen verbunden. Vergewaltigte Frauen (oder Männer) sind also klassische Traumatisierte.
„Viele forensische Sachverständige halten allerdings wenig von der Traumatologie“, schreibt nun Sabine Rückert. Als Kronzeugen für diese Aussage beruft sie ausgerechnet den seit Jahren hochumstrittenen Berliner Aussagepsychologen Prof. Max Steller, der mit seinen Gutachten im „Fall Pascal“ oder den Wormser Missbrauchs-Prozessen entscheidend zum Freispruch der Angeklagten beigetragen hatte. Dieser Gutachter, der seit Jahren die „Zeitgeist“-Manie geißelt, „überall sexuellen Missbrauch finden zu wollen“, negiert die Bedeutung einer international etablierten Disziplin, die Phänomene wie Abspaltung und Dissoziation seit Jahrzehnten an Holocaust-Überlebenden und Vietnam-Veteranen sowie später dann auch an Opfern sexueller Gewalt nachgewiesen hat.
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Wir erinnern: Die Zeit-Reporterin hatte bereits das eigentlich noch unter Verschluss liegende Gutachten der Aussagepsychologin Luise Greuel über das mutmaßliche Kachelmann-Opfer so selektiv zitiert und interpretiert, dass die Gutachterin empört protestierte. Außerdem hatte die Süddeutsche Zeitung öffentlich gemacht, dass die Journalistin dem Kachelmann-Anwalt noch vor Beginn des Prozesses ein „Zusammenkommen“ angeboten hatte, allerdings nur unter der Bedingung, dass Kachelmanns Verteidigung „professionalisiert“ werde.
Rückert disqualifizierte sich mit dieser Parteinahme in der Zeit allerdings offensichtlich keinesfalls für die weitere Kachelmann-Berichterstattung, sondern durfte nun mit ihrer absurden Attacke auf die Traumaforschung noch einmal nachlegen.
Das geschieht eine Woche, nachdem in Berlin auf Einladung des Bundesverbandes der Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen (bff) rund 200 ExpertInnen aus Beratung, Justiz und Traumatologie zur Fachtagung „Streitfall Sexualdelikte“ zusammenkamen, um die Disziplinen besser zu vernetzen. Denn häufig kommt es zu Fehlurteilen, weil RichterInnen aufgrund mangelnder Kenntnisse der Traumaforschung die Glaubwürdigkeit der Frauen in Frage stellen.
„Das Dilemma ist: Jede ihrer Reaktionen kann gegen sie verwendet werden“, erklärte Dr. Julia Schellong, Oberärztin für Psychotraumatologie an der Uniklinik Dresden. Um das zu ändern, forderten Juristen wie Dr. Klaus Haller „verpflichtende Fortbildungen für Richter und Staatsanwälte“. Der Vorsitzende Richter am Bonner Landgericht und Berater des NRW-Innenministeriums in Sachen Opferschutz bedauert: „Wir sind eine Laienspielschar.“
Und nach dem Willen von Sabine Rückert soll sich daran offenbar auch nichts ändern.
EMMAonline, 13.9.2010
Weiterlesen
Alice Schwarzer über den Fall Kachelmann
Gerichtsreporterin Schwarzer
Dossier: Opfer als Täter (2/09)
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