Darf man eine Blinde mit „Auf Wiedersehen“ verabschieden? Ist das Wort „Krüppel“, ehemals Powermotto der Behindertenbewegung, auch für Gesunde erlaubt? Nichtbehinderte haben viele Fragen. Aber sie stellen sie nicht.
Was sieht eigentlich jemand, wenn er oder sie nichts mehr sieht? Was bleibt dann von einem geliebten Gesicht? Die wenigsten Zeitgenossen trauen sich, mir solche Fragen zu stellen. Dafür sieht sich oft genug meine jeweilige Begleitung, etwa meine Mutter, den Fragen nach meiner Kleidergröße oder meinem Geschmack ausgesetzt. „Mag sie Zucker in ihrem Kaffee? Ist ihr diese Bluse nicht ein bisschen zu eng?“ – Ich stehe daneben, als ginge es um eine dritte Person, als sei mit meinem Sehvermögen auch meine Urteilskraft verloren gegangen.
Anderen Menschen mit anderen Behinderungen geht es ähnlich. Unsere Rollstühle, Prothesen und Blindenstäbe sind zwar öffentlich geworden, aber schlagen auch eine Schneise ins Gewühl und vergrößern die Distanz zu der anderen, der langsamen und mühsamen Seite des Lebens.
Es ist die Angst, etwas Falsches zu fragen und womöglich in ein Fettnäpfchen zu treten, die die Kommunikation abblockt. Diese Scheu hat, mit Verlaub, egoistische Hintergründe. Meiner Erfahrung nach ist keineswegs die Rücksicht auf unsere Verletzlichkeit bestimmend für die Vorsicht der unbehinderten Menschen. Diese Verletzlichkeiten bleiben ihnen ja unbekannt, wenn sie uns nicht danach fragen! Was einer blinden Frau wirklich peinlich ist, könnte nur ich oder eine andere blinde Frau erklären. Die meisten – gut gemeinten – Rücksichten sind aber Projektionen. Die eigenen Empfindlichkeiten der unbehinderten Nächstenliebenden und sozial Denkenden sind es, die sie lieber nicht antasten wollen. Wer kann schon mit Gedankenlosigkeiten oder Sprachschlampereien glänzen? Vorsicht Sprachregelungen! Achtung, political correctness! Darf man Krüppel heute wirklich noch Krüppel nennen? Darf man mich, eine Blinde, mit „Auf Wiedersehen“ verabschieden?
Aber gewiss doch, das könnte die Kommunikation erleichtern. Aber wer einer Gesellschaft als „Thema“ und „Jahresmotto“ aufgezwungen wird, hat es nicht leicht, deren Legenden zu entlarven und Vorurteile zu durchbrechen. Urängste vor so etwas wie Ansteckung stehen dahinter. Der oder die hat etwas hinter sich, was mir „gesundem“ Exemplar womöglich bevorsteht – und das will ich lieber nicht so genau wissen. Dass die alternative Existenzweise Chancen birgt, ist für die meisten Menschen ohne Behinderung ein abwegiger Gedanke – oder sie tun es als Sublimierung ab. Oder als einen lächerlichen Kompensationsversuch einer Verliererin! Schade.
Susanne Krahe, EMMA 2/2004
Die Autorin ist Theologin und Journalistin. Sie erblindete 1989 als Folge von Diabetes.
Der Text erschien zuerst in Publik-Forum.
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