Barbara Sukowa
Klug, gefühlvoll, verletzt
Es ist Margarethe von Trottas 25. Film – und vielleicht ihr bester. Mit „Hannah Arendt“, der am 10. Januar anläuft, hat die Autorenfilmerin sich nicht nur an eine der großen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts gewagt, sondern auch an ein im 21. Jahrhundert weiterhin aktuelles Problem: das des kollektiven Opportunismus und der Verantwortung und Moral des Individuums.

- Die Schauspielerin Barbara Sukowa verkörpert in Trottas Film die Philosophin Hannah Arendt auf frappante Weise. Und die Fragen, mit denen sie ringt, sind aktuelller denn je zuvor.
"Ohne sie hätte ich den Film nicht gemacht“, sagt Margarethe von Trotta über ihre Hauptdarstellerin Barbara Sukowa. Und wer den Film gesehen hat, muss der Regisseurin recht geben. Mit ihrer geballten Intellektualität, beherrschten Emotionalität und durchdringenden Leidenschaft ist Sukowa die ideale Besetzung für Hannah Arendt.
Arendt hat sich dagegen verwehrt, eine „Philosophin“ genannt zu werden und sich selbst als eine „Politische Denkerin“ bezeichnet. Sukowa schafft es, dass wir ihr beim Denken zusehen können. Und sie zeigt uns, wie empfindsam und verletzt diese so starke und kompromisslose Frau gleichzeitig ist.
Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ ist vor einem halben Jahrhundert erschienen. Ihre zentrale These von der „Banalität des Bösen“ wurde damals heftig und quasi unisono kritisiert, ja angefeindet. Dass Eichmann eben kein Monster, sondern einer von Millionen Menschen sei, die nicht zuende gedacht und gefühlt hatten und nicht Millionen Nummern oder „Untermenschen“ ins Verderben treiben, sondern Menschen – diese damals abgelehnte These hat sich inzwischen als die Richtige durchgesetzt.
Arendts Kritik an der Rolle der so genannten „Judenräte“, denen die Prozessbeobachterin vorwarf, sie hätten den Nazis das Morden erleichtert statt erschwert, bleibt dagegen umstritten. Es wird interessant sein, zu sehen, wie jüdische Organisationen heute auf den Film reagieren. Der ist übrigens eine israelische Koproduktion und zum Teil im Land gedreht.
Trottas „Hannah Arendt“ zeigt vier Jahre im Leben dieser unangepassten, kompromisslosen Denkerin. Es sind die Jahre vor, während und nach dem Eichmann-Prozess. Eichmann selber sehen wir in den alten schwarz-weißen Originalaufnahmen und begreifen, geschult von Arendts Analyse, mit Entsetzen die Mittelmäßigkeit – also Austauschbarkeit – dieses Verbrechers, der der Protokollant der Wannsee-Konferenz zur „Endlösung der Judenfrage“ war und vom Schreibtisch aus den Transport von Millionen Menschen in die KZs organisiert hat.
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Nach Veröffentlichung ihres Eichmann-Textes wird die bis dahin geachtete Hannah Arendt von fast allen verstoßen. Selbst Freunde und Weggefährten aus Jugendjahren wenden sich von ihr ab. Aber wie hoch der Preis auch sein mag: Sie bleibt bei ihrer Wahrheit. Und sie erfährt nun am eigenen Leibe den Effekt dieses opportunistischen, kollektiven „Wir“, das sie apropos Nazi-Deutschland analysiert hatte: Wie sich einer nach dem anderen der Mehrheitsmeinung anschließt. Hannah Arendt wird zum Opfer einer eigentlich kaum zu überlebenden Menschenjagd. Doch sie bleibt sich treu.
An ihrer Seite ihr Ehemann Heinrich Blücher, den sie unerschütterlich liebt, auch wenn er ihr eine ménage à trois mit einer Analytikerin plus zahlreiche Flirts zumutet. Ebenfalls an ihrer Seite die treue Freundin Mary McCarthy, Erfolgsautorin („Die Clique“) und Frauenrechtlerin – ganz im Gegensatz zu Hannah, die ihr Leben lang eine Männer-Frau war und keineswegs zögerte, sich herablassend vom Feminismus zu distanzieren. Was die Entdeckung dieser so mutigen Frau, die unser Denken geprägt hat, auch für Feministinnen erschwerte. Jetzt aber gibt dieser Film Hannah Arendt den Platz, der ihr zusteht.
Alice Schwarzer, EMMA Januar/Februar 2013
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Besuch bei Trotta in Paris (1/2013)
Alice Schwarzer im Gespräch mit Trotta: Das bisschen Leben, das ich brauche (1/1982)
Alle Bücher von Arendt sind bei Piper erschienen. Ebenso: "Das Buch zum Film" von Trotta. - Die Biografie "Hannah Arendt" von Elisabeth Young-Bruehl erschien 2004 bei Fischer.

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