Forschung und Technik
Die Kämpferinnen für Klimaschutz
Sie forschen in der Arktis, sie pflanzen Bäume, sie schreiben Bücher. Sie entwickeln Windräder, Szenarien oder Gesetze. Sie sitzen in Delhi, Berkeley oder im Schwarzwald. Bei zwei von ihnen war es die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, die sie zu Umwelt-Aktivistinnen gemacht hat. Als 1986 der Super-GAU die schlimmsten Befürchtungen der Kernkraftgegnerinnen bestätigten, war für Ursula Sladek und Rosemarie Rübsamen klar: Es muss etwas passieren, und zwar ganz konkret.

- Claudia Kemfert
Claudia Kemfert – rechnet aus, was es kostet
Was würde passieren – volkswirtschaftlich gesehen – wenn wir alle mit Solarmobilen fahren? Würde der Strompreis steigen oder fallen, wenn 20 Prozent unseres Stroms aus Windenergie käme? Solche Fragen kann in Deutschland am besten eine beantworten: Claudia Kemfert. Die Computer-Szenarien, die die Professorin für Umweltökonomie an der Berliner Humboldt-Universität entwickelt, sind so begehrt, dass die 38-Jährige als deutsche Beraterin in sämtlichen Gremien sitzt, die in Sachen Klimaschutz Rang und Namen haben. Früher war sie die „verrückte Umwelt-Tante“, die junge blonde Frau, die gelangweilten älteren Herren aus Politik und Wirtschaft etwas über erneuerbare Energien als „Energieform der Zukunft“ erzählte. „Aber in letzter Zeit hat sich das komplett gedreht.“ Die Energie- und Klimaschutz-Expertin, die am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin die Abteilung ‚Energie, Verkehr, Umwelt‘ leitet, bekommt seit dem UN-Paukenschlag so viele Anfragen, dass ich „leider 80 Prozent davon ablehnen muss“. Auch EU-Kommissionspräsident Barroso hat Kemfert in seinen Beraterstab berufen, wo sie zwar wieder mal allein unter Männern sitzt, mann ihr inzwischen aber sehr aufmerksam zuhört. Im Mai erscheint der dritte Teil des UN-Klimaberichts – mit Forschungsergebnissen von Claudia Kemfert, die auch deutsche Gutachterin ist. In ihr Büro fährt die überzeugte Vegetarierin, die aus ihrer geliebten Altbauwohnung in einen wärmegedämmten Neubau gezogen ist, mit dem Fahrrad. Und entwirft dort neue Szenarien. Denn: „Die Menschheit steht vor einer riesigen Herausforderung. Da muss ich doch helfen, eine Lösung zu finden.“

- Ursula Sladek
Ursula Sladek – verkauft sauberen Strom
So sieht also eine echte Rebellin aus. Eine, die etwas geschafft hat, was es in Deutschland vor 1997 noch nie gegeben hatte: Eine 250-Seelen-Gemeinde hat ihr Stromnetz gekauft und vertreibt seither Ökostrom für sich selbst und 39.750 weitere Haushalte im ganzen Land. Aber der Reihe nach. Als im April 1986 der radioaktive Regen aus Tschernobyl auf Ursula Sladeks Garten in Schönau im Schwarzwald prasselte, in dem ihre fünf Kinder spielten, beschloss die Lehrerin und Hausfrau, etwas für den Atom-Ausstieg zu tun. Aber als ihre Initiative ‚Eltern für eine atomfreie Zukunft’ an die Tür des Energieversorgers KWR klopfte, um ihn davon zu überzeugen, keinen Strom mehr aus AKWs zu beziehen, schüttelte der desinteressiert den Kopf. Und da hatte Ursula Sladek eine visionäre Idee: „Wir machen uns unabhängig und kaufen das Stromnetz“. Es folgten: eine Bürgerinitiative, eine Kampagne, ein Bürgerentscheid, ein Wucherpreis der KWR, eine engagierte Ökobank, noch ein Bürgerentscheid und schließlich: der Gemeinderatsbeschluss zum Kauf. „Ich weiß heute gar nicht mehr, woher wir den Mut genommen haben, so eine verrückte Idee umzusetzen.“ Heute ist die furchtlose Ursula Sladek, 61, Geschäftsführerin der Elektrizitätswerke Schönau (EWS), die nicht nur sauberen Strom liefern, sondern mit einem „Sonnencent“ und dem Projekt „Watt ihr Volt“ auch den Bau von bisher 969 „Rebellenkraftwerken“ fördern: zum Beispiel Restaurants oder Schulen, die sich mit Solaranlagen oder Biogas versorgen. 17 von 22 EWS-MitarbeiterInnen sind Frauen. „Wichtig ist zu sehen, dass man zusammen etwas erreichen kann“, sagt Rebellin Sladek. „Wenn das in diesem Kaff hier geht, geht es überall!“

- Rosemarie Rübsamen
Rosemarie Rübsamen – macht viel Wind
Es muss ja nicht gleich Kyrill sein. Aber wenn der Wind so richtig kernig über das norddeutsche Flachland bläst, dann findet Rosemarie Rübsamen, 60, das prinzipiell super. Ihre erste Windmühle, pardon: Windkraftanlage, stand auf einem Acker in Großwisch bei Wewelsfleth und ging am 1. November 1989 ans Netz. Schon lange vor der Katastrophe in Tschernobyl hatte die Physikerin mit den ‚Naturwissenschaftlern gegen Atomenergie‘ gegen Brokdorf & Co. gekämpft, und mit dem Super-GAU war klar: Die Energiewende muss her, und zwar schnell. Rübsamen gründete den Verein ‚Umschalten e.V.‘, der Geld für die ersten drei 300.000-Mark-Windräder sammelte. Bald darauf gründete die Feministin, die heute als deutsche Windenergie-Pionierin gilt, ihr ‚Planungsbüro für Windenergie’ in Halstenbek. Dort heckte Rübsamen ein Projekt aus, wiederum ein deutsches Novum, das drei Fliegen mit einer Klappe schlug: Umwelt & Frauen & Geld. Die AN BONUS 450kW erzeugt seit 1995 in Dithmarschen nicht nur sauberen Strom, sondern fungiert, da dieser Strom an den örtlichen Netzbetreiber verkauft wird, gleichzeitig als ökologische Geldanlage für 150 Anteilseignerinnen der „FrauenEnergieGemeinschaft Windfang e.G.“. Heute plant und betreut die ‚Rübsamen Windenergie GmbH’ mit sieben MitarbeiterInnen Windkraftanlagen in Deutschland und beginnt das Ausland zu missionieren: Gerade hat Rübsamen in Frankreich drei Windmühlen ans Netz geschickt und zeigt damit auch dem Atomland Frankreich, dass der Wind Richtung erneuerbare Energien weht.
www.ruebsamen-windenergie.de - Jan Oelker: Windgesichter. Aufbruch der Windenergie in Deutschland (Sonnenbuch-Verlag)

- Jasmin Nitschke
Jasmin Nitschke – ist eine Strohmerin
Wenn Jasmin Nitschke in einer Berliner Hauptschulklasse mal wieder übers Stromsparen und vom Klimakollaps redet, dann kriegt sie zuerst immer die gleiche Antwort: „Ooch, das erleben wir doch sowieso nicht mehr.“ Aber die 23-Jährige weiß, wie man 13-Jährige überzeugt: „Dass die Gletscher schmelzen, ist ihnen egal, weil das zu weit von ihnen weg ist. Aber wenn ich sage: ‚Stellt euch mal vor, es gäbe keinen Strom mehr für eure Handys und MP3-Player...’ – dann begreifen sie: Wir haben ein Problem.“ Jasmin war früher selbst nicht allzu umweltbewusst. Das änderte sich schlagartig, als sie ihre Ausbildung zur ‚Elektroinstallateurin mit ökotechnischer Zusatzqualifikation’ machte. Und das bei einem ganz besonderen Projekt: ‚LIFE – Frauen entwickeln Ökotechnik’. Seit 1988 bildet das Projekt mit Sitz in einer alten (in Eigenregie ökologisch umgebauten) Fabrik Mädchen in Handwerksberufen aus. Jasmin ist eine der „StrOHMerinnen“. Seit sie ihre Ausbildung zusammen mit 14 Kolleginnen absolvierte, kann sie als „Solarteurin“ ein Haus mit Solarzellen ausstatten. Um noch viele andere Mädchen dazu zu bewegen, es ihr gleichzutun, blieb sie bei LIFE und tingelt seither durch die Klassen. Sie baut mit ihnen Verlängerungsschnüre oder solare Drehscheiben und berechnet, wie viel Geld es einsparen würde, wenn ihre Eltern zu Hause die Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzten. „Ich schlage ihnen dann vor, dass sie ihre Eltern beraten und dafür die Hälfte des eingesparten Geldes behalten dürfen. Das machen die dann auch.“ Jasmin Nitschke weiß, wie man 13-Jährige überzeugt.
EMMA, 3/2007
Weiterlesen
Dossier: Nach uns die Sintflut (3/07)
blättern. kaufen. lesen.

Die ganze EMMA zum Blättern
Von Seite 1 bis Seite 164 die aktuelle EMMA-Ausgabe zum Blättern im Internet.
In neuem Fenster öffnen
Wer es genau wissen will:
Das EMMA-Heft bekommen Sie am Kiosk, im Zeitschriften- und Bahnhofsbuchhandel.
Wo kann ich die EMMA kaufen?
EMMA direkt nach Hause
Bestellen Sie Ihr persönliches EMMA-Abonnement in unserem Online-Shop
Zur Abo-Bestellung
"Lebenslauf", Vom ersten Tag Alice bis zum ersten Tag EMMA. Wer das Buch jetzt bestellt, erhält gratis die aktuelle EMMA dazu. Lebenslauf" plus EMMA. Nur 22.99 €. Frei Haus.
Das neue EMMA-Buch! Das Beste aus 280 EMMAs + EMMAs Geschichte, 426 S. Großformat (Heyne, 24.90 €)
Hg. Alice Schwarzer:
"Die große Verschleierung" Für Integration, gegen Islamismus.
(KiWi, 9.95 €)
Simone de Beauvoir DVD, ein Film von Schwarzer 1973, 45 Min., deutsche u. franz Version
(EMMA, 10 €)
Die Antwort. Aktueller Essay. Ein Frauenwort, statt Mädchengelaber.
(KiWi, 10 €)
Romy Schneider Mythos und Leben Aktualisierte Neuausgabe der Biografie
(KiWi, 8.95 €)
Marion Dönhoff - Ein widerständiges Leben. Aktualisierte Neuausgabe der Biografie. (KiWi, 8.95 €)








