Dossier: 40 Jahre Frauenbewegung
Drei Frauengenerationen
Karla, 74, befreite sich aus der Abhängigkeit einer Hausfrauenexistenz mit Hilfe der Frauenbewegung. Angela, 48, geriet trotz starkem Vorbild mit Anfang 20 in die Frauenfalle. Elisa, 27, ist gewarnt: Sie will alles richtig machen. Die drei sind: Mutter, Tochter und Enkelin.

- Elisa, Angela, Karla: Für die Jüngste ist Emanzipation klar, die Mittlere hatte Illusionen und die Älteste hat's erkämpft. Fotos: Bettina Flitner

- Karla: "Die Frauenbefreiungsaktion fand ich passend für mich."
Karla, wie bist du eigentlich zur Frauenbewegung gekommen?
Karla: Mein Mann war bei der Bundeswehr und wir waren von 1966 bis 1969 in den USA. Da durfte ich nicht arbeiten, war also Hausfrau. Und in Texas auf diesem Militärstützpunkt habe ich auch nichts von der amerikanischen Frauenbewegung mitbekommen. Aber als wir Anfang der 70er zurückkamen, war sie hier in vollem Gange.
Und du?
Karla: Ich wollte irgendwas machen, raus aus dieser Enge! Mein Mann schleppte mir dann Prospekte an, von den CDU-Frauen und den Unternehmensberaterinnen und was weiß ich noch alles. Ich habe mich dann aber für die FBA entschieden – die Frauenbefreiungsaktion! Die fand ich passend für mich.
Alle: Lachen.
Und wie fand das dein Mann?
Karla: Mein Mann war außer sich. Der sagte: „Ausgerechnet da musst du hingehen, wo es doch so viele seriöse Gruppen gibt!“ Da kriselte es schon in meiner Ehe. Er war auch fremdgegangen, das Übliche eben.
Wo hast du denn von der Frauenbefreiungsaktion gehört?
Karla: Das muss an der Kölner Fachhochschule gewesen sein, wo ich 1973 angefangen hatte, Sozialarbeit zu studieren. Ich hatte mich in meiner Ehe wirklich freigestrampelt, auch mit Hilfe meiner Tochter Angela. Die war die Jüngste und die Rebellischste. Was ich mich nicht traute, meinem Mann zu sagen, hat sie gesagt. Ich war als Kind und Jugendliche auch immer rebellisch gewesen. Aber irgendwie bin ich mit der Rebellion steckengeblieben. Und dann hatte ich das Gefühl: Ich muss mit 36 wieder anfangen, wo ich mit 18 aufgehört habe. Also bin ich an die FH gegangen. Und da hörte ich von der FBA und ging zu diesen Versammlungen und Plenen von Frauen, wo wild durcheinander geredet wurde.
Worüber?
Karla: Zum Beispiel über Abtreibung. Ich hatte eine Abtreibung in den USA hinter mir, bei einer Mexikanerin, das war grausig. Darüber habe ich berichtet. Die Studentinnen waren ja alle jünger als ich. Die behandelten mich, als wäre ich ’ne Rarität. Ich war eine der wenigen Verheirateten mit Kindern. Aber trotzdem: Man wurde in diesen Frauenplenen einfach ernst genommen! Wenn man was zu sagen hatte, hörten die anderen zu und gingen darauf ein. Und dann haben wir uns in Selbsterfahrungsgruppen zusammengefunden. Da haben wir auch Selbstuntersuchungen gemacht.
So richtig Selbstuntersuchungen mit Spekulum?
Karla: Jaaaa, das war spannend! Und auch ein bisschen grenzüberschreitend … Ich hab’ dat Ding immer noch zu Hause. Aber meinen Töchtern hab ich das nie gezeigt. Oder doch?
Angela: Also, mir nicht.
Da warst du doch wahrscheinlich überhaupt mit vielen neuen Dingen konfrontiert.
Karla: Ja, da war zum Beispiel im Gloria das Lesbenfest. Und wie da die lesbischen Frauen so sehr zärtlich miteinander waren, das fand ich einerseits ein bisschen fremd, andererseits aber auch faszinierend.
Hast du dich denn auch mal in eine Frau verliebt?
Karla: Naja, in die Christine. Das war ’ne ganz Tolle! Aber die hat gesagt: Sie wüsste gar nicht, wie das geht, Frauen so untereinander. Und da hab ich gesagt: Dat is nicht anders als mit Männern! Aber die hat sich wohl etwas erschreckt. Also real passiert ist nix, aber in der Fantasie schon. Frauenbeziehungen wurden für uns Feministinnen ja zunehmend normal. Ich habe heute etliche Freundinnen, die miteinander leben.
Elisa: Du hast schon öfter gesagt: Ich wünschte, ich wäre lesbisch!
Karla: Ja, das wäre einfacher!
Angela: Weil die Frauen netter sind als die Männer?
Karla: Naja, die Männer in meiner Altersgruppe sind halt fast alle alt und hässlich, gucken aber nach jungen Frauen. Und so ’nen Mann, den will doch keine!
Du hast dich dann von deinem Mann getrennt. War daran etwa die Frauenbewegung schuld?
Karla: Ja, natürlich! An Silvester 1975 sind wir mit einer Jugendgruppe nach Paris gefahren. Und da hat mein Mann so Spielchen mit einer 24-Jährigen gespielt. Und dann bin ich in meine Frauengruppe gegangen, da haben wir Rollenspiele gemacht. Die anderen haben ihn gespielt, und ich habe ausprobiert, wie ich damit umgehen könnte. Ich bin dann zu einer Rechtsanwältin gegangen. Und als er zurückkam – er war nach diesem Silvester abgehauen, weil ich angeblich so verrückt gespielt hatte – da hab ich zu ihm gesagt: Ich trenne mich. Da war die Kacke am dampfen! Als wir uns 1980 beim Scheidungstermin getroffen haben, habe ich versöhnlich gesagt: „Wenn ich damals die Frauen nicht gehabt hätte …“ Und dann hat er gepoltert: „Hab ich’s doch gewusst! Die Frauen sind schuld!“ Und ich: „Du kapierst immer noch nix. Natürlich haben die Frauen mir den Rücken gestärkt. Aber es war mein Entschluss!“ ...

- Angela: "Sich über Geld sorgen zu machen war spießig."
Angela, wie hat sich die frauenbewegte Mutter auf dein Leben ausgewirkt?
Angela: Die ganze Atmosphäre hat mich geprägt. Aber das war nicht nur die Frauenbewegung, sondern dieses Linke, dieses Progressiv-Sein. Dass ich eine emanzipierte Mutter hatte, die selbstbewusst ihren Weg geht, das hab ich nebenbei mitgenommen. Ich hatte auch keine Lust, mich Männern unterzuordnen. Aber das war nicht mein Hauptthema. Ich hatte zwar den Frauenkalender, las fleißig die EMMA bei meiner Mutter mit und überlegte, ob ich Schwämmchen statt Tampons benutzen sollte. Aber ich hatte den Eindruck, ich muss nicht mehr kämpfen.
Warst du denn im Leben dann auf der Höhe deines Bewusstseins?
Angela: Nee, überhaupt nicht (lacht). Nach dem Abi war ich erstmal orientierungslos und wusste nicht, was ich machen wollte. Ich bin dann ein Jahr nach Frankreich gegangen und habe da meinen ersten Ehemann kennengelernt. Der war ein Freak und das hat mir sehr gut gefallen, es konnte gar nicht freakig genug sein. Ausbildung oder Job, das war erstmal nicht so wichtig. Und dann bin ich mit 20 mit Elisa schwanger geworden.
Karla: Zu meinem Entsetzen.
Elisa: Zu meinem Glück.
Angela: Ohne Job, ohne Ausbildung. Der Typ: auch ohne Job und ohne Ausbildung. Ein Kiffer vor dem Herrn. Aber ich war so verliebt. Wir haben zusammen von einem Landkommunen-Leben geträumt. Und da passte ein Kind gut rein. Sich über Geld Sorgen zu machen, das war spießig. Ja, und dann hab ich das Kind bekommen – und auf einmal hing ich zu Hause rum. ...

- Elisa: "Ich glaube an die Frauensolidarität."
Und du, Elisa?
Elisa: Ich habe ja eine starke Oma und eine starke Mutter und bin damit aufgewachsen, dass Frauen gleichberechtigt sind. Das war also für mich nicht das Hauptthema. Das war einfach klar. Ich weiß: Ich kann alles, mir steht jeder Weg offen. Ich hab ein sehr starkes Frauenbild, aber dadurch leider auch ein etwas schwächeres Männerbild.
Was heißt das?
Elisa: Ich glaube an die Frauensolidarität! Ich glaube, dass Frauen zusammenhalten müssen. Aber diese Solidarität mit Frauen erwarte ich so nicht von Männern. Also, ich traue Männern nicht so richtig.
Angela: Das ist in der dritten Generation vererbt. Nein, in der vierten: Die Oma war auch schon so. Und die Urgroßmutter meiner Mutter hat sich schon 1870 von ihrem Mann getrennt.
Karla: Das war meine Großmutter. Deine Urgroßmutter.
Angela: Nein. Das war die Mutter von der Mutter von der Omma Luzie.
Elisa: Ist doch egal. Für mich ist jedenfalls klar: Ich werde immer arbeiten. Ich möchte auch gern Kinder bekommen, aber auch dann weiter selber für meinen Unterhalt sorgen und mein eigenes Geld haben. Ich bin mit dem Satz groß geworden: „Eine Ehe ist kein Versorgungsunternehmen!"...
Das vollständige EMMA-Gespräch steht in EMMA Winter 2012. Dieses Thema im Forum diskutieren. Geht auch: @EMMA schreiben.

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