Slutwalk
Die Berliner Bloggerinnen-Szene steht Kopf
In Berlin hatten Frauen zwischen 20 und 40 den „jungen lebensfrohen Feminismus“ ausgerufen. Es sollte gebloggt, demonstriert und getanzt werden. Doch es kam anders. Beim Slutwalk gibt es mehr Intrigen als Vergnügen. Und bei dem Bloggerinnenkollektiv Mädchenmannschaft fand ein Exodus der Gründerinnen statt. Der Horror geht um. Statt gegen Missstände zu kämpfen, beschuldigen die Frauen sich gegenseitig. Auslöser ist eine Aktion von Melanie Schmitz (Foto re.). Die 27-Jährige studiert Jura in Köln, hat Femen Deutschland gegründet und auf dem Slutwalk gegen den Krieg gegen die Frauen protestiert. Dass ihr Protest auch Krieg unter Frauen auslösen würde, konnte sie nicht ahnen.

- Femen Deutschland auf dem Slutwalk 2012: Protest gegen den Krieg gegen Frauen. - Foto: Corbis
Eigentlich war doch alles ganz gut gelaufen. Die Mädchenmannschaft, ein feministisches Bloggerinnen-Kollektiv in Berlin, entstanden aus den so genannten „Alphamädchen“, kündigte eine Party zum Feiern ihres fünften Geburtstages an. Und sogar die österreichische Online-Zeitschrift dieStandard gratulierte: Die Internet-Seite habe sich „von einem Freundinnen-Projekt zu einer zentralen Anlaufstelle für deutschsprachigen Netzfeminismus“ gewandelt. Sie stehe heute „für kritische Medienbeobachtung, gesellschaftskritischen Journalismus, feministische Vernetzung, aufgeklärte Polemik und ‚gepflegte Chauvinismusfeindlichkeit‘!“
Am 22. September sollte die Party steigen, die Mädchenmannschaft kündigte an: „Wir möchten einen Tag gestalten, an dem sich Menschen unterschiedlichster feministischer Zugänge treffen und austauschen können.“ – Doch es kam alles ganz anders.
Vier Tage nach der Geburtstagsfete war Kryptisches auf der Seite der Mädchenmannschaft zu lesen – und auch Mehrfachlesen brachte keine Erkenntnis, worum es hier eigentlich ging.
Die Einleitung zu dem Text begann mit den Worten: „Dieses Statement ist aus der Perspektive der weiß positionierten Autorinnen der Mädchenmannschaft geschrieben, da diese die Verantwortung für die Ermöglichung rassistischer Reproduktionen während der Jubiläumsfeier der Mädchenmannschaft tragen.“ Und weiter ging es: „Am vergangenen Samstag kam es auf der Geburtstagsfeier der Mädchenmannschaft zu wiederholten rassistischen Handlungen. Wir bitten um Entschuldigung für die Duldung dieser Vorfälle, unsere unangemessene Reaktion darauf, und unsere Unfähigkeit, einen safer space für People of Colour herzustellen. Das war vollkommen inakzeptabel und ein Zeugnis mangelnder awareness.“
Wie bitte, Rassismus in der Mädchenmannschaft? Anscheinend. Ja, es schien sich sogar um besonders schwere Vorfälle von Rassismus zu handeln. Denn in dem Text hieß es weiter unter dem Punkt „Selbstkritik“: „Auf der Veranstaltung wurden Rassismen produziert, weiße Dominanzstrategien konnten ausgeübt werden und wurden von Seite der weiß positionierten MM-Orgas bis zum Abbruch der Veranstaltung nicht unterbunden.“ Und in den „Schlussfolgerungen“ wurde verkündet: „Dieses Statement verstehen wir nicht als Beschluss, sondern als Beginn weiterer Auseinandersetzungen mit weißen Dominanzstrategien, Privilegien und Machtverhältnissen, auch innerhalb der mädchenmannschafts-internen Strukturen. (…) Wir sind uns darüber im Klaren, dass diese Erkenntnisprozesse auf dem Rücken von People of Colour und anderen von Rassismus betroffenen Personen angestoßen wurden und möchten deswegen nochmals um Entschuldigung bitten.“ Gezeichnet war dieser für alle Uneingeweihten höchst mysteriöse Text von „Anne, Anne-Sarah, Charlott, Helga, Magda, Nadine und Viruletta“.
Zur Aufklärung für alle LeserInnen, die nicht gerade Gender Studies in Berlin studieren: Die Whiteness (Weißsein)-Debatte kommt aus Amerika und wird seit einigen Jahren auch in Deutschland geführt, hier allerdings ausschließlich in rein akademischen Kreisen. Die Theorie geht, kurz gesagt, davon aus, dass alle Weißen, ob sie wollen oder nicht, Privilegien haben in Relation und auf Kosten Farbiger, und dass sie nicht länger in deren Namen sprechen sollen.
So weit, so gut. Doch in welcher Form hatte die Mädchenmannschaft dagegen verstoßen? Erst dank akribischer Recherchen und dem Zufall, dass die Kölner Jura-Studentin Melanie Schmitz einen Brief an EMMA schrieb, kamen wir langsam dahinter. Und es wurde immer klarer, dass das, was da passiert war, keineswegs nur das Problem kleiner sektiererischer links/feministisch-akademischer Zirkel ist, sondern uns alle angeht. Denn da versucht eine Handvoll Frauen Feministinnen den Mund zu verbieten, im Namen einer übergeordneten Sache. (Vorgeblicher) Rassismus sticht Feminismus. (...)
Der vollständige Artikel steht in EMMA Januar/Februar 2013. Dieses Thema im Forum oder auf Facebook diskutieren. Geht auch: @EMMA schreiben.
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