STREIK
Jetzt ist es einfach mal gut!
Nach den Lokführern gehen jetzt die Verkäuferinnen auf die Barrikaden. Die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Margret Mönig-Raane erklärt, warum.

- Margret Mönig-Raane
Frau Mönig-Raane, was verdient eine Verkäuferin, zum Beispiel bei Karstadt?
Wenn sie Vollzeit arbeitet, liegt das Tarifgehalt bei 2.000 Euro brutto.
Was kommt dabei netto heraus?
Das kommt auf die Steuerklasse an. Bei Steuerklasse I, also ledig und kinderlos, sind es 1.300 Euro. Bei Steuerklasse V, die ja leider viele verheiratete Frauen haben, sind es 998 Euro. Aber 85 Prozent der Verkäuferinnen arbeiten Teilzeit, und das nicht unbedingt freiwillig.
Sie werfen den Arbeitgebern vor, die Verkäuferinnen in "Zwangsteilzeit" zu halten. Was heißt das?
Viele der Frauen würden gern mehr Stunden arbeiten. Das wird von einer ganzen Reihe Arbeitgeber abgelehnt, weil sie die Frauen in Teilzeit hochflexibel einsetzen können. Das Ergebnis ist, dass die Frauen sich einen Zweitjob suchen müssen. Aber auch das geht oft nicht, weil die Einsatzzeiten dermaßen kurzfristig geplant sind, dass sich ein zweiter Arbeitgeber darauf nicht einlassen kann.
Von wie vielen Frauen sprechen wir hier?
Wir vertreten 2,4 Millionen Beschäftigte, davon sind gut 70 Prozent Frauen. Also sprechen wir von rund 1,7 Millionen Betroffenen.
Was fordern Sie?
Unsere Forderung ist eine Lohnerhöhung zwischen 4,5 und 6,5 Prozent. Die 4,5 Prozent werden dort gefordert, wo statt stärkerer Lohnerhöhung Sicherheitsmaßnahmen wie Notrufgeräte oder Mindestbesetzungen vereinbart werden sollen. Zum Beispiel bei Schlecker. Dort sind Verkäuferinnen überfallen worden, weil sie häufig ganz allein in der Filiale sind. Die Arbeitgeber haben uns bisher nur 1,7 Prozent mehr Geld angeboten. Gleichzeitig wollen sie die 20-prozentigen Zuschläge streichen, die in der Woche ab 18.30 Uhr und samstags ab 14.30 Uhr gezahlt werden. Damit sollen, wie sie sagen, die längeren Ladenöffnungszeiten rentabel gemacht werden. Diese Zuschläge werden meistens in Freizeit ausgezahlt. Die Arbeitgeber wollen den Einstieg in den Ausstieg aus den Zuschlägen. Es ist aber eine erstaunliche Logik, die Menschen länger arbeiten zu lassen und ihnen dafür weniger zu zahlen. Wir sagen also: Hände weg von den Zuschlägen!
Beim Wort "Streik" stellt man sich immer einen Arbeitskampf von Männern vor: Stahlarbeiter, Bergarbeiter und jetzt natürlich die Lokführer. Streikende Frauen sind in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsent.
Im Einzelhandel wird angesichts des niedrigen Lohnniveaus und der ungünstigen Arbeitsbedingungen fast jede Tarifrunde von Streiks begleitet. Das ist aber nicht so spektakulär als wenn Arbeiter ganze Werke stilllegen oder die Züge nicht fahren. Denn es ist für die Arbeitgeber leichter, beispielsweise Kassiererinnen durch Streikbrecher – sprich Aushilfen – zu ersetzen und die Streiks damit zu unterlaufen, so dass die Geschäfte in der Regel geöffnet bleiben.
Sie planen nun aber zum ersten Mal Streiks während des bis dato sakrosankten Weihnachtsgeschäfts.
Ja, das ist eine Premiere.
Hat der Streik der Lokführer Sie dazu ermutigt?
Die Lokführer drücken ein Gefühl aus, das weite Bevölkerungskreise haben. Nämlich: Wir haben die Schnauze voll! Lohnabsenkungen ohne Ende, Reallohnverluste ohne Ende – jetzt ist es damit einfach mal gut. Deshalb sind die Lokführer-Streiks auch von einer großen Sympathiewelle begleitet.
Glauben Sie, dass auch die Verkäuferinnen auf Sympathie stoßen?
Wir wollen bei den nächsten Streiks die Kunden darüber informieren, warum wir streiken und wo wir streiken, und setzen auf das Verständnis der Verbraucher.
Wann sollten wir also keine Weihnachtseinkäufe planen?
Das kann ich nicht verraten. Das Ganze lebt von der Überraschung.
Herr Pellengahr vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels behauptet, ver.di und die Verkäuferinnen hätten nicht die Mittel, das Weihnachtsgeschäft lahm zu legen. Er sagt, den "Weihnachtsmann könne man nicht bestreiken".
Das werden wir ja sehen.
EMMA 1/2008
Gewerkschaftlerinnen
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