Kölle Alaaf!
Die Karnevalspräsidentinnen
Sie sind eine Rarität: die Karnevalspräsidentinnen. Und dann auch noch drei auf einen Schlag und alle in Köln. Der rheinische Karneval hat zwar viel mit Humor zu tun, und den haben in diesen Gefilden Männer wie Frauen – aber auch mit Macht. Und die ist Männersache. Die Karnevalsgesellschaften sind nicht nur in Köln Männerbünde mit fest geschlossenen Reihen. Und gerade bekräftigte Markus Ritterbach, der erst 49-jährige Präsident des allmächtigen Festkomitees, stolzer Vater von drei Söhnen, dass es unter seiner Führung „kein weibliches Dreigestirn geben wird!“ Denn Prinz, Bauer und Jungfrau sind traditionell alle Männer (nur unter den homophoben Nazis war die Jungfrau eine Frau). Und so soll das, geht’s nach den jecken Jungs, auch bleiben. Aber die haben nicht mit den Seiteneinsteigerinnen gerechnet.

- Imi Paulus (Mitte) von der Schnittchensitzung. - Foto vvg-koeln
Wie seid ihr eigentlich zum Karneval gekommen?
Imi Paulus: Ich bin in Longerich groß geworden. Das ist ein nördlicher Stadtteil von Köln. Da hab ich den „kleinen“ Vororts-Karneval mit Sitzung im Pfarrsaal kennengelernt. Da war mein Vater Präsident.
Biggi Wanninger: Karneval im Pfarrsaal kenne ich! Ich war Funkenmariechen im Tanzkorps der katholischen Jugend. Ich bin schon mit acht zusammen mit meinem Freund Dieter als „Ahl Möhn“ (Alte Frau, Anm. d. Red.) gegangen. Oder wir gingen als Cowboys, Prinzessinnen oder Herzdamen mit Zylinder. Ich komme aus Balkhausen, das gehört heute zu Kerpen. Da gab es also auch Karnevalssitzungen in Pfarrsälen und da war mein Vater in einer Session die Jungfrau im Dreigestirn. Im Tanzkorps hatten wir blau-weiß-gestreifte Ringelhemdchen an, kurze blaue Röckchen und Stiefelchen. Und wir haben eine Choreografie zum Radetzky-Marsch gemacht: Rätätäää, rätätäää… Und ich habe dem Karneval nie abgeschworen, der war immer Teil meines Lebens.
Und wie war das bei dir, Katja?
Katja Wiesner: Ich bin ja in einer kölschen Familie groß geworden und mit den Bläck Fööss aufgewachsen. Mein karnevalistisches Erweckungserlebnis hatte ich im Kindergarten. Da bin ich als Zigeunerin gegangen. Ich hatte ein tolles Kostüm, meine Mutter hatte mir kleine Glöckchen an den Rock genäht. Das fand ich großartig. Nicht so schön war, dass sich die Kindergärtnerin als Negerin verkleidet hatte. Da bin ich schreiend weggelaufen, weil ich so eine Angst vor der hatte!
Alle: lachen
Katja: Ja, ich war echt traumatisiert! Ich kannte ja bis dato nur mein Spiegelbild und hatte mich darüber auch schon immer gewundert. Heute gehe ich selbst ab und zu als Negerin, mit Bastrock und so
Was ist denn bei euren Sitzungen anders als im traditionellen und männerbeherrschten Karneval?
Biggi: Die Stunksitzung ist ja aus dem Kölner „Spielezirkus“ entstanden. Das waren Post-Post-68er, StudentInnen der Fachhochschule für Sozialarbeit, die nach neuen Lebensformen und nicht entfremdeter Arbeit suchten. Deshalb sind sie im Sommer mit Zirkuswagen unterwegs gewesen und haben mit Kindern gearbeitet. Und dann stellte sich die Frage: Was machen wir im Winter? Die Antwort war: Wir machen Karneval! Also wurde der todlangweilige traditionelle Sitzungskarneval auf die Schippe genommen. Und auch als Linker durfte man auf der Stunksitzung Schunkeln. Es hat aber damals niemand damit gerechnet, wohin sich das entwickelt und wie groß diese Sitzung mal werden würde. Übrigens waren von Anfang an in unserer Truppe viele starke Frauen. Beim traditionellen Sitzungskarneval gibt es ja nach wie vor kaum Frauen auf der Bühne. Was unsere Themen anbelangt: Da sind wir nicht so festgelegt. Einer unserer „Gag-Lieferanten“ ist ja das Festkomitee und der Kölner Karneval – aber natürlich teilen wir in alle Richtungen aus.

- Katja Wiesner von der Immi-Sitzung. - Foto: J. Göllmann
Katja, darf man bei eurer Immisitzung nur mitmachen, wenn man nicht in Köln geboren ist?
Katja: Ich bin ja in Köln geboren. Ich sehe nur nicht so aus, das ist der Trick (lacht). Aber der Rest des Ensembles besteht, bis auf einen Puppenspieler, komplett aus Imis oder aus Immis, also entweder zugezogenen Deutschen oder Leuten, die aus dem Ausland nach Köln gekommen sind. Es ging uns einfach darum, dass wir unsere Themen auf der Bühne haben wollten. Und ich persönlich wollte auf der Bühne auch einfach mal Kölsch sprechen.
Und die lesbischen „Schnittchen“ haben ja auf den Rosa Karneval reagiert, der stark schwul dominiert ist.
Imi: Ja. Das haben allerdings schon unsere Vorgängerinnen gemacht, die „Jecken Lesben“. So gab es 1998 die erste lesbische Karnevalssitzung. Dass die Lesben da ihr eigenes Ding machten, war eine Revolution! In unserem Ensemble sind nur Lesben. In der Band, die eine reine Frauenband ist, sind allerdings ein paar Heteromädels dabei, und wir haben auch einen männlichen Tontechniker. Wir gehen davon aus, dass wir als homosexuelle Frauen besondere Themen haben, die wir gern auf die Bühne bringen möchten. Ich hab es so bedauert, dass in der Lesbenszene der Karneval so verpönt war: als patriarchal und frauenfeindlich. Die Wende kam dann mit dem Golfkrieg. Da fiel der Rosenmontagszug aus und der Geisterzug wurde ins Leben gerufen. Da war Hella von Sinnen ganz vorne mit dabei. Ich lief da mit ein paar eigentlich antikarnevalistischen Mädels mit und plötzlich sagten die: „Och, ist ja doch ganz schön!“ Und entdeckten plötzlich, dass ein paar Liedtexte ganz gut zu uns passten: (singt) „Denn mir sin kölsche Mädscher, han Spitzböötzcher an/Mir losse uns nit dran fummele, mir losse keine dran“. Und dann ging es langsam los mit der Annäherung. Was war ich glücklich, dass ich endlich mit meinen Freundinnen feiern konnte!
Nun wird der alternative Karneval also von drei Frauen repräsentiert. Ist das Zufall?
Imi: Naja, bei mir liegt es ja in der Natur der Sache.
Alle: lachen
Katja: Bei mir liegt es an der Hautfarbe. Unsere damalige Regisseurin Selda Akhan hat gesagt: „Du bist Kölnerin, du sprichst Kölsch, du bist schwarz – du wirst Präsidentin!“ Ich wollte das eigentlich gar nicht, aber es erschien mir dann doch irgendwie logisch.
Biggi: Ich wollte gern Präsidentin werden! Als mein Vorgänger Reiner Rübhausen aufhörte, dachte ich: Was Neues ausprobieren hält fit. Es gab Zustimmung im Ensemble – und dann war et joot. Ich fand es dann allerdings ziemlich dämlich, dass ich immer gefragt wurde: „Frau Wanninger, wird denn jetzt mit einer Frau als Präsident bei der Stunksitzung alles anders?“ Oder: „Gab es Probleme, eine Frau als Präsidenten durchzusetzen?“ Darauf habe ich geantwortet: „Wenn es welche gegeben hätte, wäre ich sofort unter Protest aus dem Laden ausgetreten!“

- Biggi Wanninger von der Stunksitzung. - Foto: André Bartscher
Was macht ihr denn, wenn ihr von einem Autor mal einen sexistischen Text geschrieben kriegt?Biggi: Der wird gevierteilt und entlassen! Nein, im Ernst: Ich finde, die Autoren dürfen erstmal keine Schere im Kopf haben. Aber man spricht ja über die Texte. Und es gibt natürlich Dinge, die würde ich nicht sagen – die würden unsere Autoren aber auch nicht schreiben.
Katja: Ich schreibe meine Texte sowieso selbst.
Imi: Unsere Autorinnen sind so nah an uns dran, dass das nicht passiert.
Was macht eigentlich den Kölner Humor aus?
Imi: Sich selbst zu veräppeln. Die Dinge, die einen in eine missliche Lage bringen können, zu benennen und sich darüber schiefzulachen.
Katja: Das Herzliche.
Biggi: Es gibt ja viel in dieser Stadt, wat man nur mit Humor ertragen kann. Guck dir die U-Bahn an. Guck die die Baustellen an. Guck dir die Architektur an. Ohne Humor würde man sich fragen: Warum hab ich diese Stadt nicht schon längst verlassen?
Katja: Weil man hier so schön lachen kann! (lacht)
Vielleicht ist der Kölner Mentalitätsvorteil ja gleichzeitig ein Nachteil? Die Zeit hat das mal „fahrlässigen Optimismus“ genannt.
Biggi: Es gibt aber auch ein anderes Köln. Zum Beispiel die Leute von „Köln kann auch anders“, die sich nach dem Einsturz des Stadtarchivs zusammen getan haben. Motto: Jetzt ist Schluss mit lustig! Jeden Montag um halb sechs gibt es vorm Rathaus ein Treffen, bei dem es um ein aktuelles Thema der Kölner Politik geht. Und am Jahrestag des Archiveinsturzes, der im letzten Jahr auf Weiberfastnacht fiel, gab es an der Einsturzstelle eine Kundgebung. Viele waren befremdet, dass wir das an Karneval gemacht haben. Aber Karneval heißt ja nicht nur tumb feiern, sondern auch politisch Stellung beziehen. Und deshalb finde ich, dass so eine Aktion dazu gehört.
Außerhalb des Rheinlandes ist ja vor allem der Sitzungskarneval bekannt, dabei ist das Herz ja eigentlich der Straßenkarneval. Aber hat der durch die Kommerzialisierung nicht sein Herz verloren? Die Innenstadt ist doch inzwischen voll mit gröhlenden Jungmänner-Horden, die meinen, je besoffener sie sind, umso mehr ist Karneval.
Katja: Ja, die Entwicklung ist dramatisch. In bestimmten Ecken sieht man keinen einzigen Kölner mehr.
Biggi: Das stimmt. Manchmal lauf ich an Karneval durch die Südstadt und denke: Um Himmels Willen, was ist hier los?
Wenn ihr am traditionellen Sitzungskarneval was ändern könntet, was wäre das?
Imi: Den Elferrat auflösen!
Katja: Also, ich wäre gern im Dreigestirn! Am liebsten der Bauer, den fand ich immer am schönsten. Oder vielleicht doch die Jungfrau?
Biggi: Daraus wird nichts. Der Präsident des Festkomitees hat Anfang des Jahres verkündet, dass es unter seiner Führung kein weibliches Dreigestirn geben wird. Es ist eben ein Männerbund.
Wie würdet ihr denn euren eigenen Humor beschreiben?
Biggi: Ich bin eine Frohnatur und selten schlecht gelaunt. Ich bin aber nicht permanent lustig und hab auch nicht ständig Witze auf Lager. Das finde ich zu anstrengend (lacht).
Imi: Frohnatur? Ja, da würde ich mich anschließen. Lust zu lachen: Immer gerne! Aber es gibt natürlich immer wieder ernste Momente, und die finde ich auch wichtig. Wenn dat ganze Leben ne Witzparade wäre, dann würde wat nit stimmen.
Katja: Ich bin nicht witzig. Ich lache einfach gern. Punkt.
Der Kölner Karneval hat ja auch eine stark melancholische Note.
Katja: Gott sei Dank!
Biggi: Ja, klar.
Imi: Herrlich!

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