25 JAHRE ZARTBITTER
"Institutionen sind Mistbeete für Täter!"
Am Anfang waren sie eine Handvoll Frauen, die nach mehreren Missbrauchs-Fällen an einer Münsteraner Schule fanden, dass etwas getan werden muss. Heute ist „Zartbitter“ eine der bekanntesten Organisationen im Kampf gegen den sexuellen Missbrauch, die nicht nur Opfer und deren Eltern berät, sondern auch Aufklärungs- und Präventionsarbeit leistet. Das Buch „Zart war ich, bitter war’s“, das 1990 von „Zartbitter“-Gründerin Ursula Enders herausgegeben wurde, ist heute ein Klassiker. Mit Bilderbüchern und Theaterstücken schult die Organisation mit Sitz in Köln den Blick von Kindern und Jugendlichen für sexuelle Übergriffe. Lange bevor die Missbrauchs-Skandale am Canisius-Kolleg oder der Odenwald-Schule aufbrachen, warnte „Zartbitter“. „Institutionen sind Mistbeete für Täter!“ erklärt Ursula Enders im EMMA-Interview. Heute feiert „Zartbitter“ ein Vierteljahrhundert Kampf gegen sexuellen Missbrauch mit einer Fachtagung. Die Eröffnungsrede hält Christine Bergmann, ehemalige Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung.

- Ursula Enders: "Das Recht auf Hilfe für die heute betroffenen Kinder muss gesetzlich verankert werden!"
EMMA: Wie kam es damals zur Gründung von Zartbitter?
Ursula Enders: Im Jahr 1977 war ich als Lehrerin in Münster zum ersten Mal mit Missbrauch konfrontiert: Ein Schüler wurde von seiner Mutter missbraucht. In den folgenden Jahren nahm ich wiederholt Missbrauch wahr. Ich habe mich daraufhin Anfang der 80er Jahre mit anderen Frauen zusammengetan, und wir haben nach intensiver Vorbereitung 1986 dann Zartbitter Münster gegründet. Ich zog kurze Zeit später nach Köln, wo ich ein Handbuch über sexuellen Missbrauch schreiben wollte. Einige Monate später waren wir schon eine feste Gruppe von Fachfrauen und einem Lehrer, die einen Fachaustausch pflegen und ein Fortbildungsangebot aufbauen wollten. 1987 gab es dann eine Anhörung des „Komitees für Menschenrechte“ in der Stadthalle Mülheim zum Thema Missbrauch, und wir haben dort Plakate aufgehängt und auf unser Angebot hingewiesen. Aber als wir zu unserem nächsten Treff im Frauengesundheitszentrum kamen, saßen dort 19 betroffene Frauen. Da war klar: Wir können nicht nur Fortbildungen für Multiplikatoren, sondern wir müssen ebenso Unterstützung für Betroffene anbieten. Deswegen sagen wir immer: Wir sind ein Projekt, das von den Betroffenen mit den Füßen gefordert wurde. 1990 erschien dann das Buch „Zart war ich, bitter war’s“.
Zartbitter hat schon sehr früh den Missbrauch in Institutionen, also in Schulen, Sportvereinen oder der Kirche angeprangert.
Wir hatten gleich zu Anfang zwei große Fälle. Ein guter Freund berichtete mir, dass in einem Kölner Kinderladen mehrere Kinder aus seinem Bekanntenkreis von einem Erzieher missbraucht würden. Diesen Fall haben wir begleitet. Parallel dazu riefen die Kolleginnen aus Münster an und baten um Unterstützung. Die sagten: „Du kennst den Täter.“ Das war ein alter Kollege vom Kinderschutzbund, der mit mir gemeinsam ein Beratungsangebot für betroffene Kinder und Jugendliche aufgebaut hatte. Der Täter wurde später zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Ich habe mich gefragt, warum ich den Kollegen nicht als Täter erkannt habe. Daraufhin habe ich mich verstärkt mit Täterstrategien beschäftigt. Zu dieser Zeit gerieten wir auch in den Fokus der Bewegung 'Missbrauch mit dem Missbrauch'.
Das war sicher nicht die einzige Richtung, aus der der Gegenwind blies.
Nein, Zartbitter war Anfang der 90er mit Fällen konfrontiert, in denen Formen ritualisierten Missbrauchs, zum Beispiel im Rahmen satanischer Kulte gefilmt und von Pornoproduzenten vermarktet wurden, die uns massiv unter Druck setzten. Dazu kamen Auseinandersetzungen mit einigen Väterrechtlern. Auch machten wir uns mit unserer Recherche zu pädosexuellen-freundlichen Netzwerken in Wissenschaftskreisen wahrlich keine Freunde. Wir wurden in zivilrechtliche Auseinandersetzungen verwickelt, die mehrere Jahre andauerten. Wir haben alle gewonnen.
Was hat sich im Vergleich zu vor 25 Jahren verändert?
Kinder hören heute schon in der Kita, dass es sexuellen Missbrauch gibt. Seit dem Aufbrechen der Skandale 2010 haben wir jetzt noch mal ein größeres Bewusstsein bei Eltern, und es wurden die Fachkräfte und ehrenamtliche Mitarbeiter in Schulen, Vereinen, Einrichtungen der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens gestärkt, die sich schon immer für den Schutz von Mädchen und Jungen engagiert haben. Gleichzeitig hat sich jedoch beim Beratungs- und Präventionangebot so gut wie nichts verbessert. Während die Wissenschaft durch den Runden Tisch horrende Summen bekommen hat, ist noch kein Pfennig in der Praxis angekommen. Im Gegenteil: Wir hatten 2010 ein finanzielles Loch, weil aufgrund der großen Öffentlichkeit des Themas alle dachten, wir seien jetzt finanziell abgesichert.
Zartbitter hat jetzt ein neues Buch herausgegeben: „Grenzen achten – Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen“.
Genau. Während in Berlin am Runden Tisch viel geredet wurde, haben wir in Auswertung unserer Praxiserfahrungen ein Handbuch zusammengestellt, das grundlegende Informationen über Missbrauch in Institutionen und Möglichkeiten der Prävention vermittelt. Viele Institutionen sind aufgrund der Uninformiertheit der Erwachsenen Mistbeete für Täter. Dabei macht unser Beratungsalltag deutlich, dass Missbrauch verhindert werden kann, wenn Mütter, Väter und andere Erwachsene erste Grenzüberschreitungen als solche erkennen und die Kinder aktiv schützen. Das Buch beschreibt Strategien der Täter und gibt Hilfestellungen, einen vermuteten Übergriff realistisch einzuschätzen. Es gibt auch praktische Tipps, wie Institutionen das Risiko eines Missbrauchs reduzieren können. Zum Beispiel wissen wir, dass viele sexuelle Übergriffe in Ferienlagern passieren. Unser Handbuch zeigt auf, dass man Kinder und Jugendliche altersgerecht und ohne Angstmache informieren und nach dem Lager mit einem Fragebogen abfragen kann, ob ihre persönlichen Grenzen geachtet wurden.
Sie sitzen im Beirat des neuen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, der Nachfolger von Christine Bergmann wurde. Was werden Sie ihm raten?
Der Blick muss sich mehr auf die Situation der Mädchen und Jungen, jungen Frauen und Männer heute richten. Politik, Verbände und die Kirchen sollten endlich das Leid der betroffenen Erwachsenen umfassend anerkennen und sich auch ihrer Verantwortung für aktuelle Fälle stellen. Wir brauchen flächendeckende Präventionsangebote, um weiteren Missbrauch zu stoppen. Auch muss endlich das Recht auf Hilfe der heute betroffenen Kinder gesetzlich verankert werden und nicht weiterhin als eine freiwillige Leistung des Staates bewertet werden. Die meisten Opfer bleiben auch heute noch ohne Unterstützung, da es aufgrund des völlig unzureichenden Angebotes in vielen Regionen noch ein Glücksfall ist, wenn ein Kind eine kompetente Hilfe bekommt. Das kann sich zwar nach dem Runden Tisch und der breiten öffentlichen Diskussion kaum jemand vorstellen, aber so ist es.
CL, EMMAonline 6.2.2012
Weiterlesen
Sexueller Missbrauch: Runder Tisch bei EMMA
EMMA-Kampagne Missbrauch
Ursula Enders (Hg.): "Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen" Ein Handbuch für die Praxis. (KiWi Paperback, 14.99 €)

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