ANONYMA im TV
Interview mit Regisseur Färberböck

- Nina Hoss in "Anonyma".
Wenn am 10. und 12. Mai im ZDF der Kinofilm „Anonyma“ läuft, der die Vergewaltigung von Frauen in den Trümmern von 1945 zum Thema hat, wird bei so mancher alten Frau die Erinnerung hochkriechen. Viele von ihnen leiden bis heute unter dem Trauma, über das die meisten aus Scham noch nie gesprochen haben. Das „Lebenstagebuch“ ist eins der viel zu wenigen Therapie-Projekte für die kriegsvergewaltigten Frauen. Aber die rund zwei Millionen Frauen, die bei und nach Kriegsende von den Siegern vergewaltigt wurden, sind nicht die einzigen Betroffenen. Jetzt melden sich ihre Töchter und Enkel zu Wort, die das verschwiegene Trauma der Mütter an Leib und Seele zu spüren bekommen. - EMMA sprach mit "Anonyma"-Regisseur Max Färberböck.

- "Anonyma"-Regisseur Max Färberböck
EMMA Sie haben sich über die Kritiken zu Ihrem Film „Anonyma“ geärgert. Worüber genau?
Max Färberböck Das war kein Ärger, sondern pure Fassungslosigkeit. Manche Leute waren über so viel Häme und Hass ebenso fassungslos wie das Publikum und auch ich. Hans Magnus Enzensberger zum Beispiel schrieb mir einen sehr harten, eigentlich zur Veröffentlichung bestimmten Brief, in dem er seinem Ärger Luft machte. Der Regisseur Dominik Graf sprach im Zusammenhang mit der Rezeption von einem „Verwischen aller Kriterien“. Internationale Kritiker riefen mich an, weil sie einen völlig anderen Film erwarteten. In meiner Umgebung tauchten im Hinblick auf die Kritiken immer wieder Worte wie „absichtsvolle Entstellung“ und „an den Haaren herbeigezogene Argumente“ auf. Das, was da passierte, hinterlässt einfach einen schlechten Geschmack. Zumal, und das ist das eigentlich Interessante, über 80 Prozent der deutschen Kritiken gut waren. Das heißt, dass einige Leitmedien alles, was ansonsten gedruckt und geschrieben wurde, verdrängen können. In der Gesamtwahrnehmung galt „Anonyma“ dann als verrissen, obwohl das nicht der Wahrheit entspricht.
Könnte das am Thema des Films gelegen haben?
Wenn man einen Film über ein historisch so tabuisiertes Thema macht, dann weiß man natürlich, dass man polarisiert. Aber in diesen Verrissen wurde weder inhaltlich, politisch oder zeitgeschichtlich diskutiert. Stattdessen hat man sich darauf spezialisiert, dem Film eine „Fernseh-Ästhetik“ unterzuschieben. Ein Nicht-Argument, das nirgendwo in der internationalen Presse das geringste Echo fand. Sowohl die New York Times oder der Guardian haben sich trotz dieser deutschen Kriegserklärung vor den Film gestellt. Sie haben sich eben weniger mit erfundener Fernseh-Ästhetik, sondern mit dem totalen Ausgeliefertsein der Frauen, dem verständlichen Hass der Russen, den diffizilen Annäherungen, schlicht der ungeheuren Ambivalenz dieser Zeit beschäftigt. Und ihn in sehr einfachen Worten begeistert beschrieben. Einige deutsche Kritiker haben sich dagegen auf die sogenannte Amphibien-Diskussion gestürzt; also die Frage, ob Constantin den Film als Kino- und Fernsehfilm produzieren wollte. Darüber hat man tunlichst vermieden, sich mit dem Inhalt des Films zu beschäftigen. Die politische und inhaltliche Brisanz des Films wurde verdeckt mit der Frage: Ist das Fernseh-Ästhetik oder nicht? Diese Frage hat im Ausland, wie gesagt, keinen Menschen interessiert.
Die erste Verriss in Deutschland erschien in der Süddeutschen, nachdem „Anonyma“ auf dem Filmfestival in Toronto Premiere gehabt hatte. Die Rezensentin befasste sich ausschließlich mit den Kulissen.
Dabei war der Film anderthalb Stunden nach seiner ersten Vorführung für alle weiteren Vorstellungen ausverkauft. Es wäre schön gewesen, wenn diese Kritikerin dabei gewesen wäre, als Hunderte von Leuten, auch Kritiker, nach Filmende sitzen blieben und über den Film diskutierten. Davon stand leider nichts in der Presse.
Der Guardian dagegen schrieb: „Endlich werden die alten Frauen jetzt mit ihren Familien darüber sprechen können.“
Genau das ist auch passiert. Wir haben immer wieder Rückmeldung von Frauen bekommen, die schrieben, dass das Thema in ihrer Familie jetzt auf dem Tisch ist. Auch bei Kirchengemeinden haben sich Frauen gemeldet, vor allem in der ehemaligen DDR. Dennoch sind nicht genügend Menschen in den Film gegangen, denn die Barriere, sich im Kino einen Film über Vergewaltigungen anzuschauen, ist einfach zu hoch. Die Zuschauer waren ganz überwiegend Frauen. Die Männer, die ihn sich angeschaut haben, sind von ihren Frauen unter großen Mühen hineingeschleppt worden.
Wie war die Begegnung zwischen den russischen und den deutschen SchauspielerInnen am Set?
Sie haben - mit Hilfe der zwei Dolmetscherinnen - in den Drehpausen und in der Maske natürlich auch über das Thema gesprochen. Die Russen waren zunächst dem Projekt gegenüber sehr skeptisch. Während des Castings in Moskau und St. Petersburg hatte es dramatische Szenen gegeben. Da habe ich Riesenkerlen gegenüber gesessen, die geweint haben, weil sie im Krieg ihre Großeltern oder andere Familienmitglieder verloren haben. Das war nach den ersten Diskussionen über das Drehbuch ausgestanden. Allerdings ist der Film bis heute noch nicht nach Russland verkauft worden. Er wird offenbar als Kritik am Großen Vaterländischen Krieg angesehen.
Dabei sind in „Anonyma“ auch die Verbrechen der deutschen Wehrmacht in Russland Thema.
Ja. Und das Auseinanderbrechen der deutschen Ehen, weil es extrem schwer ist, mit Vergewaltigung umzugehen.
Haben nach Ihrer Kenntnis die Medien in Deutschland die Gelegenheit genutzt, mit alten Frauen über das Erlebte zu sprechen.
Das haben sie leider nicht getan. Das Thema wurde gewissermaßen erneut tabuisiert. Aber das Leben ist glücklicherweise durch Filmkritiken nicht aufzuhalten: Es sind nach dem Film viele Frauen an Orte gegangen, an denen sie reden können. Das jedenfalls hat der Film erreicht.
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