POLITISCH KORREKT
Die Scham ist vorbei
Schamrasur ist in. Doch woher kommt sie? Aus der westlichen Pornokultur und den islamischen Sitten.

Nach ihrem letzten Dampfbad-Besuch in einer exklusiven Gym Londons, rief mich meine befreundete britische Rechtsexpertin ziemlich atemlos an. "Ist Dir auch aufgefallen, wieviele Frauen mittlerweile mit Kindermösen herumlaufen?" Was ich bisher nur aus Pornofilmen und depperten Jungkolumnistinnen-Kommentaren als "Brazilian Wax" und als ziemlich bescheuertes Phänomen wahrgenommen hatte, ist mittlerweile ein ernstgemeintes Körperstyling. Auf der Suche nach Antworten, weshalb sich erwachsene Frauen ihren Pelz nicht einfach stutzen, schmücken, verzieren, sondern tatsächlich kindlich-glatt wegrasieren, bin ich auf die unterschiedlichsten feministischen, kulturwissenschaftlichen und philosophischen Antworten gestoßen.
Die junge amerikanische Journalistin Ariel Levy führt in ihrem brillant recherchierten Buch "Female Chauvinist Pigs" eindrücklich vor, wie weit sich die Pornoindustrie im amerikanischen Mainstream nicht nur etabliert, sondern sich regelrecht zur Kulturinstanz gewandelt hat: Das Playboyhäschen erobert heutzutage ebenso selbstverständlich den roten Teppich wie der hochbezahlte Hollywoodstar.
Da nennt sich die sehr erfolgreiche, mit diversen Preisen überschüttete amerikanische HBO-Produzentin Sheila Nevins "Feministin", produziert aber gleichzeitig die für Frauen peinlichsten G-String-Diva-Shows, die den Lebensstil von Stripperinnen und Prostituierten als für alle Frauen nachahmenswert propagieren. Das amerikanische Fashion- und Modestyling hofiert den Nuttenlook, was Folgen für das Körperbild der Frauen hat. Um es mit Nevins, 57, zu sagen: "Ich liebe all diesen Sex-Stuff! Die Körper der jungen Mädchen sind ihre Instrumente! Hätte ich so einen Körper, ich würde ihn wie eine Stradivari spielen!"
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Zum echten weiblichen Pornostar gehören nun bekanntlich nicht nur überdimensionierte Brüste, ein rausgestreckter Arsch sowie Plusterlippen, sondern eben auch eine glatt rasierte Scham. Der pornografische Blick will schließlich in Besitz nehmen, jenseits des Geheimnisses von Erotik oder der Anstrengung der Kommunikation. Da sind nach individueller Weiblichkeit geformte Haare nur störend.
Dass bis vor wenigen Jahren Genitalrasuren im nördlichen Westen noch völlig unbekannt waren, fällt im Kontext der gesellschaftlich weit akzeptierten Pornologik anscheinend kaum mehr auf.
Im alten Griechenland, in Rom und Ägypten und den heutigen arabisch-muslimischen Ländern waren und sind Intimrasuren durchaus üblich, doch die meisten Frauen hierzulande hätten noch vor ein paar wenigen Jahren erstaunt und mitleidig geguckt beim Anblick der entblößten Scham. Zumal Schamrasuren gerade für Frauen alles andere als angenehm sind. Denn Rasuren schmerzen immer – und erst bei der weichen und verletzlichen Haut des Venushügels in den Tagen danach folgt dann das stechende Jucken und Kratzen. Selbstverständlich ist es nicht billig und muss ebenso selbstverständlich ziemlich häufig wiederholt werden.
Es ist anzunehmen, dass – schauen wir auf bisherige Erfolge US-amerikanischer Fashion- und Lifestyletrends – Schamrasuren auch hierzulande bald so selbstverständlich werden, wie dies Beinrasuren schon seit Jahrzehnten sind. Und ebenso wie bei Beinrasuren werden die Körperpraktiken bald nicht nur imitiert, sondern früher oder später auch als völlig "natürlich", "schön" und "typisch weiblich" gefeiert werden. Es gibt eben nichts Unwirklicheres als die Wirklichkeit. Denn diese Kindermösen erwachsener Frauen sind nur ein weiterer Schritt dessen, was in der Postmoderne – philosophisch gesehen – im Prozess von der "Entzauberung der Welt" hin zu einer "Wiederverzauberung des Privaten" angesagt ist.
Wie dies vor sich geht, lässt sich wiederum am besten im Trendsetterland USA beobachten. Amerika ist Vorreiter des Prozesses der Privatisierung aller menschlichen und gesellschaftlichen Bereiche. Das heißt, es gibt kaum mehr öffentliche Räume, wo sich Menschen treffen können. Fehlen nun diese Räume, werden auch öffentliche Probleme mehr und mehr als privat definiert.
Diese sterile, stumme, starre Welt kommt – wie dies die Philosophin Hannah Arendt so schön zeigt – einer Auflösung all dessen gleich, was Menschen ausmacht: Kommunikation statt Biologie. Übersetzen wir diese Zusammenhänge, dann erkennen wir, dass Frauen auf den weitgehenden Verlust öffentlicher Räume mit privaten Gefallsstrategien reagieren.
Menschen sind soziale Wesen. Sie sind auf das gegenseitige Wahrnehmen angewiesen. In anonymisierten Massengesellschaften, die zudem Get-Togethers nur noch gegen Bezahlung ermöglicht, braucht es nun also ausgeklügelte Strategien, um in der Masse nicht unterzugehen.
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Deshalb passieren so paradoxe Dinge. Da sind die Amerikanerinnen einerseits unglaublich selbstsicher, klug und dominant, doch in punkto Heirat, Kinder, Treue und Mann andererseits so konservativ wie unsere europäischen Großmütter nicht waren. Auf der ewigen Suche nach einem Mann verwandeln sich die in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft so emanzipierten Amerikanerinnen in erbarmenswert um Aufmerksamkeit bettelnde, nie erwachsen werdende Mädchen.
In ihrer schon fast psychopathologischen Suche nach Wahrnehmung und Anerkennung als Frau gehen sie sehr weit. Sie strippen, lapdancen und begleiten ihre Freunde, Kollegen oder Ehemänner in einschlägige Clubs, gröhlen lauter als alle anwesenden Jungs und schleppen mit Vorliebe auch Freundinnen mit. In der amerikanischen Look-at-me-Culture ist den Frauen offenbar jedes Mittel recht, ihre Sexualität und damit sich selber anzubieten.
Jetzt also der Kindermösen-Look. Ganz "normale" weiße Mittelschichtsfrauen besuchen jetzt Stripkurse, um "ihre Weiblichkeit zu entdecken". Sie kaufen millionenfach Sexbücher wie "How to make love like a Porn star". Sie kopieren zu Tausenden Fernsehkurse, die vorführen, wie Stripper in Thongs und einem Lapdance den männlichen Orgasmus "herbeizaubern".
Selbst Oprah Winfrey, erst kürzlich vom Times Magazin zur einflussreichsten Medienfrau weltweit gekürt, lobt ihre weibliche "Selbstbefreiung dank Stripperwalk". Mütter, die sich selber feministisch nennen, besorgen ihren vierjährigen Mädchen T-Shirts, Malstifte und Unterwäsche mit dem Playboyhäschenlogo. Auf die Absurdität angesprochen, dass die Mütter gleichzeitig jeden Kindervergewaltiger am liebsten kastrieren möchten, aber ihre kleinen Mädchen als Mini-Playboyhäschen herrichten, reagieren viele nur mit großen, unverständigen Blicken.
Dass die Frauen damit herrschende Macht-Geschlechterlogiken wiederherstellen, repetieren und kopieren, statt gelebte weibliche Subjektivität zu wagen, ist nur Wenigen bewusst. Sex wird in den USA zwar nie gezeigt, dafür umso häufiger, primitiver und entmenschlichter simuliert, angedeutet und verbal popularisiert. Die Schamrasuren passen nun perfekt in all diese für eine fortgeschrittene Konsumgesellschaft typischen Entwicklungen. Die äußern sich in der Avantgarde als Body Sculpture (Körperformung) und im Mainstream in der Imitation von den in den Medien verfügbaren Images.
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Im Zeitalter der Bio-Politiken rückt der nackte Körper ins Zentrum. Immer mehr Menschen entledigen sich ihrer Scham(haare). Der eigene Körper ist das einzige noch verbliebene Kommunikationsmittel. Denn die Vernunft, die Sprache, die Kommunikation, die Erotik, der Ausdruck, das Individuelle gehören in den herrschenden Mediengesellschaften und in den Biowissenschaften eh zur eher lästigen, altbackenen Humanität.
Kindermösen an erwachsenen Frauen sind also nicht einfach chic, hip, Mode, bequem, geil, lockeres Schönheitshandeln, sondern sie sind die am eigenen Körper vollzogene herrschende politische Philosophie. Die Schamrasur wird Teil dessen, was Frauen in einer entmenschlichten Warengegenwart unhinterfragt kopieren, nur um zu gefallen. Die entblößenden Kindermösen erwachsener Frauen sind unreflektierte Kopien globalisierter und anatomisierter, enterotisierter und entweiblichter (Waren)Körperhandlungen.
Damit schwindet – einmal mehr – die Vielfalt vor allem weiblicher Erscheinungsformen, seien sie nun körperlicher oder psychischer Natur. Alles wird glatt.
Regula Stämpfli, EMMA Januar/Februar 2008
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