OPERATION ZUCKER
„Dieser Film muss ein Weckruf sein!“
Gerade weil man so wenig sieht, ist es so grauenvoll. Denn wenn die Kamera den Raum verlässt, müssen sich die ZuschauerInnen vorstellen, was gleich passieren wird, wenn der massige Mann mit dem Handtuch um die Hüften sich dem kleinen Mädchen auf dem Bett nähert. Fee (Paraschiva Dragus) ist zehn, kommt aus Rumänien und wurde von ihrem Vater an einen Kinderhändlerring verkauft. Ihr versteinertes Gesicht gibt darüber Auskunft, welche Narben das Kinderbordell auf ihrer Seele hinterlässt. Vollends unerträglich wird es, wenn man weiß, dass die Geschichte einer Kommissarin (Nadja Uhl) und einer Staatsanwältin (Senta Berger), die bei ihren Ermittlungen „von ganz oben“ gestoppt werden, keineswegs erfunden ist. „In Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer als wir es darstellen“, sagt Produzentin Gabriela Sperl. „Die Ergebnisse meiner Recherchen waren teilweise so krass, dass man sie gar nicht umsetzen konnte. Die Informationen, wie viele ‚Täter’ es bis in die höchsten politischen Hierarchien gibt, sind niederschmetternd.“

- Fee (Paraschiva Dragus) ist zehn, kommt aus Rumänien und wurde von ihrem Vater an einen Kinderhändlerring verkauft.
Ursprünglich wollte Sperl einen Film über die Kinderprostitution in Katastrophengebieten wie Thailand oder Haiti machen, wo Menschenhändler nach Tsunami und Erdbeben verwaiste und verirrte Mädchen und Jungen zu Geld machen. Aber schon bald führte sie die Spur zurück nach Europa. Genauer: Nach Berlin, der „Drehscheibe für den Kinderhandel aus Osteuropa“.
So entstand ein Film, der, ähnlich wie die „Tatort“-Doppelfolge vor einigen Wochen, nicht nur das Grauen der Kinderprostitution zeigt, sondern auch die Netzwerke der Täter. Anders als die „Tatort“-AutorInnen haben sich Produzentin Sperl und Drehbuchautor Philip Koch gegen ein Happy End entschieden. „Es wäre unrealistisch, beschönigend“ hatte auch ARD-Programmdirektor Volker Herres im Presseheft erklärt.
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Nun aber ist es weg, das hoffnungslose Ende. Es überfordere „junge Zuschauer mit 12 oder 13 Jahren“, schrieb die ARD nun in einer Pressemitteilung. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) hatte „Operation Zucker“ nur eine Freigabe ab 16 Jahren erteilt. Daher hätte der Film erst nach 22 Uhr gezeigt werden dürfen. Weil er dann aber viele ZuschauerInnen verloren hätte, ließ sich das Filmteam notgedrungen auf einen Kompromiss ein: „Operation Zucker“ läuft nun mit gekapptem Ende heute um 20.15 Uhr und komplett ab 22 Uhr in der Mediathek und um 0.20 Uhr noch einmal in der ARD. Angesichts dessen, was es ansonsten um 20.15 Uhr an Verstörendem zu sehen gibt, ist das eine, gelinde gesagt, erstaunliche Entscheidung.
„Dieser Film muss ein Fanal, ein Weckruf sein!“ wünscht sich Produzentin Gabriela Sperl. Das wird „Operation Zucker“ sicher trotzdem gelingen.
EMMAonline, 16.1.2013

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