MARGARETE MITSCHERLICH
Das Ende der Friedfertigkeit
Hat Frieden noch eine Zukunft, oder ist Deutschland wieder eine "normale", eine kriegsfähige Nation geworden? Beim Golfkrieg weigerte sich die Bonner Regierung noch, Soldaten zu schicken. Die Deutschen seien schlechte Verbündete, feige und wieder auf einen Sonderweg aus, hieß es damals. Beim Kosovo-Konflikt scheint alles einfacher geworden zu sein. Die Berliner Republik ist eine untadelige, kriegskompatible Verbündete – spottet Margarete Mitscherlich.

- Margarete Mitscherlich
Krieg ist männlich. Nach wie vor wird vom Mann verlangt bzw. verlangt er von sich, seine Gefühle zu unterdrücken, sich wenn nötig mit Härte gegen "Feinde" oder Rivalen durchzusetzen, Erfolg zu haben und möglichst "rational" zu denken und zu handeln – was heißt, sich die dahinter stehenden Affekte und Gefühle nicht bewusst zu machen. Und, last but not least, seine Überlegenheit, vor allem Frauen gegenüber, aufrechtzuerhalten. Von Frauen wurde dagegen über Jahrhunderte und bis heute Gefühls- und Einfühlungsfähigkeit verlangt. Es wurden Aufopferung und Hilfsbereitschaft erwartet, Mütterlichkeit und Liebe für die Schwachen dieser Welt. Außer natürlich für solche, die Minderheiten angehören, welche von Teilen der Männerwelt zu Sündenböcken gemacht oder zu "Feinden" erklärt werden.
Nachdem Europa in Trümmern lag – eine Situation, für die die sexistisch-rassistische Männlichkeitsideologie wesentlich verantwortlich war –, standen die "Ideale" harter Männer und sich ihnen hingebender Frauen auf der Skala der Werte zunächst nicht mehr hoch im Kurs. Erst der Frauenbewegung Anfang der siebziger Jahre ist es gelungen, Frauen wie Männern bewusst zu machen, wie falsch und hohl ihre bisherigen "Ideale" und "Werte" waren. Den "idealen" deutschen Mann von früher schien es nicht mehr zu geben. Plötzlich gab es bei uns Männer, die keine Söhne mehr haben wollten, sondern Töchter. Wie sie sich ihren Sohn wünschten, war den Vätern unklar, aber eben auf keinen Fall so, wie "der" Mann bisher gewesen war und wie man sie selber gemacht hatte.
Seit der Wiedervereinigung jedoch beherrscht viele Deutsche erneut das Verlangen nach einer "nationalen Identität", was immer darunter verstanden wird. Und Nationalismus und Machismus sind traditionell miteinander verbunden. Außerdem: mit wem oder was, mit welcher Periode der "verspäteten" deutschen Nation wäre es seit Auschwitz denn denkbar, sich identisch zu fühlen?
Welche skurrilen und vereinfachenden Fluchtwege immer neu gefunden werden, um den mühsamen Prozess des Nichtverdrängens, des Erinnerns und Verarbeitens zu umgehen, das zeigen so manche Äußerungen von Politikern und Prominenten, wenn es darum geht, Deutschlands Teilnahme an kriegerischen Aktionen zu begründen. So geriet die Parole "Nie wieder Krieg" zunehmend in den Hintergrund, seit die Protestler von einst an der Macht sind. "Neue Männer" braucht das Land!
Männer, die ehrenvoll kämpfen dürfen, an der Seite der Verbündeten, deren "Werte" sie teilen. Erstmalig nach 1945 nahmen im Kosovo deutsche Soldaten an Kriegshandlungen teil, um – wie wir hörten und lasen – gegen "Hitler" an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Devise: Nie wieder Auschwitz! Unter einer solchen Prämisse wird Krieg selbstverständlich zur moralischen Notwendigkeit.
Oder ist es in Wahrheit ganz anders? Wollen Deutsche die Geschichte rückwärtig korrigieren, um die gegenwärtigen Taten zu rechtfertigen? Schon Saddam Hussein wurde zum "Hitler" erklärt, und im Kampf gegen Milosewic versuchten Deutsche, ein neues "Auschwitz" zu verhindern. Endlich konnten wir unsere verlorene Moral, unsere verlorene Ehre wieder herstellen, indem wir nachträglich mit unseren Verbündeten gegen "Hitler" in den Krieg zogen.
Und die Folgen? Die Tyrannen blieben letztlich ungeschoren. Das Volk im Irak, im Kosovo und in Serbien jedoch trägt schwer an den Folgen unseres "gerechten" Krieges. Täglich sind wir Zeugen neuen Elends, neuer Gewalt. Wie schnell kehrten wir zu den primitivsten psychischen Abwehrmechanismen der Projektion, der Spaltung und der Realitätsverleugnung zurück – es gibt nur Böse und Gute.
Schon Hitler war äußerst geschickt darin, sich die Ressentiments gekränkter deutscher Männer anzueignen, die nach der Kapitulation 1918, dem "Schandvertrag" von Versailles und dem Elend des ökonomischen Absinkens ihren Höhepunkt erreichten. Die gekränkten deutschen Männer sahen in Hitler den Retter des Vaterlandes. Sie kannten die Neigung des Führers zu extremen Entschlüssen und waren bemüht, ihm in der Durchsetzung seiner Wünsche so weit wie möglich zuzuarbeiten. Der Hass auf die Juden war das emotionale Movens, das Hitler antrieb.
Für Hitler und seinesgleichen waren auch die Frauenemanzipation und die sexuelle Liberalisierung eine "jüdische Erfindung", für andere Männer vor und nach ihm eine Vergewaltigung der Natur. Gottfried Feder (1932), der spätere Gründer der NSDAP, schreibt: "Durch die Kräfte der sexuellen Demokratie hat der Jude uns die Frau gestohlen. Unsere Jugend muss sich erheben, um den Drachen zu töten, damit wir von Neuem die heiligste Sache der Welt erlangen können, die Frau als Jungfrau und Dienerin."
Das Aufheizen deutscher Ressentiments, deren Pseudorechtfertigung durch grobe Projektionen, waren die Lunte, mit der das Feuer entfacht wurde. Der massenhafte Zulauf in nationalsozialistische Parteien und deren verschiedene Organisationen war offenbar nicht mehr aufzuhalten. Es fiel ihm und seinen Genossen auch nicht allzu schwer, manche Frauenbewegte dazu zu bringen, sich für die nationalsozialistischen Frauenbünde zu entscheiden. Auch viele der Frauen hingen am Munde Adolf Hitlers mit religiöser Hingabe.
Die radikalen Feministinnen, die solchen Versuchungen nicht erlagen – Frauen wie Anita Augspurg oder Lida Heymann –, und die Sozialistinnen wurden sofort nach der Machtergreifung Hitlers erbarmungslos verfolgt. Viele mussten emigrieren. Mit der Diffamierung des kämpferisch-pazifistischen Teiles der Frauenbewegung, der für Frieden und Gerechtigkeit eintrat, hatte Hitler bis weit über seinen Tod hinaus Erfolg.
Ein keiner Reflexion mehr zugänglicher Komplex von Männlichkeitswahn, Paranoia und Gewalt war die Grundlage der nationalsozialistischen Ideologie. "Humanitätsduselei" war ein schon von den Nazis häufig gebrauchtes Schlagwort, wenn Einspruch gegen ihr menschenverachtendes Verhalten erhoben wurde. Im Nu werden so aus Werten Unwerte und vice versa.
Auschwitz als Synonym für die Totalisierung technisierter Unmenschlichkeit war in den Augen der sich Härte, Rassenreinheit, vaterländische Treue und Heldentum als höchstes Gut abfordernden deutschen Männer des Dritten Reiches eine Art nationaler Selbsttherapie. War auch der Kosovo-Konflikt eine Art nationale Therapie für Deutschland? Zumindest wirkte er identitätsstiftend für "echte" Männer. Hinzu kommt die zwischen Männern – trotz aller Rivalitätskämpfe – starke erotische Bindung, die Frauen erst noch lernen müssen. Macht macht erotisch, weiß der Volksmund.
"Anstatt die Frauenfrage zu lösen, hat die männliche Gesellschaft ihr eigenes Prinzip so ausgedehnt, dass die Opfer die Frage gar nicht mehr zu fragen vermögen", schrieb Adorno schon 1951. Die Gefahr, dass es auch jetzt wieder rückwärts geht, besteht, wenn wir Frauen nicht endlich lernen, weibliche Friedfertigkeit rechtzeitig aufzukündigen – und Machtmissbrauch und männliche Gewalt zu bekämpfen.
Der Nahe Osten ist ein trauriges Beispiel dafür, wie schnell wir Frauen den Männern wieder ausgeliefert sein können. Und in den nach muslimischem Recht regierten Ländern wurden Frauen so gut wie alle Rechte genommen. Wer zu lange Opfer ist oder die Rolle des Opfers übernimmt, wie das für Frauen über Jahrhunderte selbstverständlich war, neigt zu dem Glauben, dass es für ihn etwas anderes als Machtlosigkeit nicht geben kann. Hatte Adorno also Recht?
Es ist bekannt, dass Frauen, die zu einer Verinnerlichung ihrer Aggressionen erzogen werden, durch die ihnen traditionell unterstellten Schuldgefühle besonders gut manipulierbar sind. Ihnen fehlt die Distanz zu solchen Vorwürfen. Sie können oft angemessene von unangemessenen Schuldgefühlen nur schwer unterscheiden. Sich von solcher Resignation und falschen Vorstellungen von Weiblichkeit zu befreien, Machtlosigkeit nicht mit Schuldlosigkeit zu verwechseln, das ist eine wieder zunehmend notwendige Aufklärungsarbeit für Frauen wie für Männer.
Es gibt Emotionen, die den Verstand vernebeln, und solche, die ihn erhellen. Ein Verstand ohne Wissen über seine Gefühle ist der Flachheit und den Begrenzungen des Denkens ausgeliefert. Mittlerweile ist es Forschern auf unterschiedlichen Gebieten klar, dass die Qualität des Verstandes von der Lebendigkeit der Gefühle abhängt, bzw. der Fähigkeit, diese differenziert wahrzunehmen. Dazu bringen Frauen traditionell die besseren Vorbedingungen mit.
Die den Frauen durch ihre Erziehung nahe gelegten Werte der "Weiblichkeit" haben also auch ihre Vorzüge, denn Frauen lernen durch deren Verinnerlichung, differenzierter mit ihren Gefühlen umzugehen, der Kontakt zu ihrer Gefühlswelt ist gewöhnlich ungestörter als beim Mann. Leichter als er kann sie sich deswegen in andere Menschen einfühlen und den anderen als anderen wahrnehmen, was die Entwicklung der emotionalen Intelligenz fördert.
Wenn sich solche Fähigkeiten mit Wahrheitsliebe und Durchsetzungsvermögen verbinden, könnten Frauen lernen, mit Macht menschenfreundlicher umzugehen, als es der Männerwelt bisher gelungen ist. Für eine unkriegerische, menschliche Zukunft müssten die Frauen kämpferischer und Männer friedlicher werden, Frauen rationaler und Männer emotionaler, Frauen kritischer und Männer endlich mitfühlender.
Margarete Mitscherlich-Nielsen, EMMA 2/2001
Die Autorin ist, neben ihrem verstorbenen Mann Alexander Mitscherlich, die führende Psychoanalytikerin im Nachkriegsdeutschland und seit Anfang der 70er Jahre bekennende Feministin. Sie veröffentlichte u.a., zusammen mit ihrem Mann, "Die Unfähigkeit zu trauern", dessen titelgebender Essay von ihr ist und zum Schlagwort für die mentale Verfassung einer ganzen Nation wurde. Von ihr erschien zuletzt "Trauer ist der halbe Trost".
In EMMA von Mitscherlich-Nielsen zahlreiche Artikel seit 1977, über sie u.a. ein Gespräch mit Alice Schwarzer (Emma 7/85).
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