Oslo II
Norwegen - Land ohne Probleme?
Sie leben im besten Land der Welt. Wer Norwegen kennt weiß, dass die meisten seiner 4,8 Millionen EinwohnerInnen ihr Land unerschütterlich für das beste halten. Das mag, was die unvergleichliche norwegische Landschaft betrifft, für den „Utlendiger“, den Ausländer, noch nachvollziehbar sein. Doch die lange Dunkelheit und das nasskalte Wetter lassen Zweifel aufkommen. Dann schaut man auf die hohen Preise und Steuern im Land, die keineswegs, wie oft behauptet, durch hohe Einkünfte kompensiert werden. Dann gibt es noch die auf Fastfood ausgerichtete Lebensmittelgroßindustrie, die die Versorgung im ganzen Land standardisiert hat. Da fragt man sich dann doch: Was lässt die Nordmänner und Frauen so an sich und ihr Land glauben? Es muss die norwegische Gesellschaft sein - oder wie sie hier heißt, das „Samfunnet“ (wörtlich von der Herkunft des Wortes her: das Zusammenfinden) - das sie so überzeugt. Der König weinte in diesen Tagen und mit ihm das ganze Volk. Dabei sind die NorwegerInnen nicht unbedingt für offenherzige Emotionalität bekannt. Und doch reagieren die Menschen hier seit dem Unfassbaren ohne Scham und auch ohne Show erschüttert, hilflos, traurig.

- Die langjährige Staatsministerin von Norwegen: Gro Harlem Brundtland. - Foto: GAD
Man hat sich in mehr als einem halben Jahrhundert fast durchgängiger sozialdemokratischer Regierung eine fast perfekte Gesellschaft zwischen Oslo und Kerkenes kurz vor dem Nordpol gebastelt. Eine Gesellschaft in der fast alle gleich sind, und wer ein wenig gleicher und reicher war als andere, zeigte es nicht. Das ist in Norwegen so. Man lebt in einer weitgehend homogenen Gesellschaft, die selbst die 11 Prozent NorwegerInnen mit Migrationshintergrund fast problemlos integrierte.
Frauen und Männer sind Teil einer Gesellschaft, in der beide weitgehend gleichberechtigt miteinander leben und arbeiten können. Wo die Gleichstellung der Frauen nicht bei Vorstandsvorsitzenden börsennotierter Firmen oder Universitätsprofessoren aufhört und seit etlichen Jahren mit sichtbarem Erfolg im Gesetz verankert ist. Durch norwegische Städte schieben viele Männer Kinderwagen. Und wer hier abends ausgeht, kann die großen Runden lustiger Damen, die vergnügt zusammen essen und trinken, nicht übersehen. Sie sind weit gekommen, die Norwegerinnen. Und ihre langjährige Staatsministerin Gro Harlem Brundtland hat sicher ihren Beitrag zum Selbstbewusstsein ihrer weiblichen Landsleute beigetragen.
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Norwegen macht alles richtig, fand man hier. Es beteiligt sich seit Jahren mit seinem Wohlstand und Verantwortungsbewusstsein an internationalen Projekten, die die Menschenrechte fördern und stabilisieren. Man braucht nicht lange zu suchen, um bei den meisten in Afrika und Asien operierenden internationalen Organisationen norwegisches Geld und Engagement zu entdecken. Das Wort Frieden hat hier eine noch größere Bedeutung als die Verleihung des gleichnamigen Preises in der Hauptstadt jeden Dezember. Ruhe und Frieden sind nationale Eigenschaften, die man hier abonniert zu haben schien. Selbst Fußballspiele laufen in Norwegen ruhig und geordnet ab. Böse Zungen skandinavischer Nachbarn behaupteten, Norwegen sei ein langweiliges Land, weil nie etwas passiert.
Und dann der 22. Juli 2011. Niemand hier in Norwegen war darauf vorbereitet. Niemand kann auf so etwas vorbereitet sein, nirgendwo. Norwegen ist doch nicht Afghanistan und Oslo ist nicht Bagdad. In einem Land, in dem man, ohne Security überwinden zu müssen, den Mitgliedern des Königshauses die Hand reichen kann, kennt man keine Sicherheitsprobleme.
Dennoch: Die rechtspopulistische Partei, die Fremskrittsparti, hat in Norwegen fast 20 Prozent der Wähler hinter sich. Erst kürzlich rief ein Mitglied der Parteileitung, die sich bis zum 22. Juli durchaus Chancen auf die nächste Regierungsbeteiligung machen durfte, zu einem Kreuzzug Norwegens gegen die Bedrohung durch den Islam auf. Als der Chef der Osloer Polizei in einer Live-Pressekonferenz nach der Verhaftung des Attentäters dessen Nationalität preisgab, hielt er vorher kurz und prägnant den Atem an - und mit ihm ganz Norwegen. Und als er dann „norsk“, norwegisch, sagte, schien der Schock total. Einen solchen Jahrhundert-Verbrecher aus der Mitte dieses perfekten Landes. Wie ist das möglich?
Der Täter hatte nicht nur vorgehabt, jeden und jede Einzelnen der 600 TeilnehmerInnen des sozialdemokratischen Jugendlagers hinzurichten, sondern auch möglichst viele der Menschen zu töten, die sich im verhassten Regierungsgebäude und -viertel aufhielten. Die Zerstörungswucht der Bombe, die er zündete, war so groß wie sein Hass auf das Land, das in seinen Augen durch zuviel Demokratie, Toleranz und Gleichberechtigung bereits zerstört worden war. Und das er retten wollte.
Dass er ursprünglich die Anstifterin dieses norwegischen Wegs, Gro Harlem Brundtland als Hauptziel seines Massakers auf der Insel Utöya auserkoren hatte, mag nur konsequent erscheinen. Sie hatte an dem Nachmittag zu den Jugendlichen auf der Insel gesprochen. Er war durch einen höchst unnorwegischen Verkehrsstau aufgehalten worden, zeitgleich mit ihr auf der Insel zu sein. Security Probleme, so ist anzunehmen, hätte es wahrscheinlich keine gegeben.
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Norwegen hat seine Unschuld verloren. Nichts ist hier wie früher. Seit dem grauenhaften Anschlag vergeht kaum ein Tag, an dem nicht ein Bahnhof gesperrt und evakuiert wird, ein Blogger ein neues Massaker ankündigt oder in den Medien über ein verbessertes Sicherheitssystem bei der Polizei und anderer öffentlicher Instanzen diskutiert wird. Was darüber hinaus auffällt, ist die völlige Abwesenheit parteipolitischer Äußerungen. Niemand aus Regierung wie Opposition versucht ein eigenes Süppchen aus den dramatischen Ereignissen zu kochen. Niemand klagt andere an, die vermeintlich versagt oder Vorschub geleistet haben mögen. Man mag sich die Frage stellen, ob das in Deutschland ähnlich gewesen wäre.
Aber es wird in diesen Tagen auch ein anderes Wort oft in den Mund genommen, eins, das man in Deutschland nicht oft hört. Von alt und jung, von Frauen und Männern. Das Wort heißt „sjel“, Seele. Die haben die Norweger nicht verloren. Das wissen sie.
Hannelore Hippe, EMMAonline, 3.8.2011
Die Journalistin ist seit über 15 Jahren regelmäßig in Norwegen.
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