STRAUSS-KAHN Folge XI
Wurde die Gerechtigkeit der Macht geopfert?
Der ermittelnde Staatsanwalt Cyrus Vance hat keineswegs gesagt, er halte Dominique Strauss-Kahn für unschuldig. Er sagte lediglich, er sei „nicht sicher, eine Jury von der Schuld des Angeklagten überzeugen zu können“. Nur eines scheint sicher: Davon, ob der mächtige DSK, 62, sich vor Gericht der Anschuldigung stellen muss, er habe das Zimmermädchen Nafissatou Diallo, 33, oral vergewaltigt, davon hing die gesamte Karriere von Vance ab, die als vielversprechend gehandelt wird. Heute nun kam Richter Michael Obus der „Bitte“ von Vance nach, das Verfahren einzustellen. Vor dem Gebäude demonstrierten Frauen und Männer mit Schildern wie: „Nafissatou, wir glauben dir“ und „Shame on you, Cyrus Vance!“ Heather Cottin, eine Aktivistin für die Rechte von Immigranten, erklärte vor Journalisten: „Es ist eine Schande, wenn auch keine Überraschung.“

- Demo vor dem Gericht: „Nafissatou, wir glauben dir!“ & „Shame on you, Cyrus Vance!“ - Justin Lane/dpa
„Es ist einfach nur tragisch“, sagte Cottin über Strauss-Kahns Ehefrau Anne Sinclair, die in Nibelungentreue zu ihrem Mann gehalten und mit allen Mitteln seine Freilassung betrieben hat. „Leider machen das viele Frauen, deren Männer Schweine sind. Diese Idiotinnen!“
Staatsanwalt Vance argumentierte, die Klägerin habe „beharrlich und auf manchmal unerklärliche Weise die Unwahrheit gesagt“. Doch wo und wann hat das mutmaßliche Opfer die Unwahrheit gesagt? Nachvollziehbar ist diese Behauptung von Vance bisher einzig und allein in Bezug auf den Asylantrag von Diallo, in dem die einst mit 16 Zwangsverheiratete behauptet hatte, sie sei Opfer einer Massenvergewaltigung geworden. Dass es genügt hätte, einfach zu sagen, dass sie genitalverstümmelt ist, das hatte der Analphabetin niemand gesagt.
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Unstrittig ist, dass der „sexuelle Kontakt“ innerhalb einer Zeitspanne von neun Minuten stattfand, auf dem Fußboden. Was kaum für „einvernehmlichen Sex“ zwischen zwei sich bis dahin Unbekannten spricht. Unstrittig ist auch, dass die Gerichtsmediziner, die das mutmaßliche Opfer in den Stunden danach untersucht hatten – ohne zu wissen, wer der Täter war! – in ihrem Bericht lakonisch feststellten: Es handele sich nicht um „einvernehmlichen Sex“, sondern um „Aggression: Vergewaltigung“. Die oral penetrierte und brutal bedrängte Diallo hatte u.a. Verletzungen an der Vagina und einen Muskelfaserriss an der Schulter.
Was die angeblich voneinander abweichenden Aussagen Diallos über das Geschehen in der Suite angeht, so könnten sie durchaus auf Missverständnisse und Sprachprobleme der Guineanerin zurückzuführen sein. Und der mutmaßliche Täter? Der hat seine Version des Geschehens nie schildern müssen. Seine Behauptungen: „Ich habe die Frau noch nie gesehen“ (in einem ersten Stadium) und „Es war einvernehmlicher Sex“ (in einem zweiten Stadium) haben genügt.
Strauss-Kahns Verteidiger konnte auch nie nur den geringsten Beweis für die Unterstellung vorlegen, Nafissatou Diallo habe sich prostituiert – dafür wurde nicht der geringste Anlass bei dieser Frau mit dem „untadeligen Ruf“ gefunden, und Geld schon gar nicht. Das Geld, das zunächst auf Diallos Konto entdeckt wurde, war von einem Bekannten, der das Konto der Gutgläubigen ohne deren Wissen für Geldverschiebungen benutzt hatte.

- Fotos: Reuters
Diallo und DSK kamen von zwei unterschiedlichen Planeten. Die schwarze alleinerziehende Asylantin aus Guinea steht ganz einfach nicht nur am Rand, sondern außerhalb der Welt, in der Dominique Strauss-Kahn, der weiße Spitzenbanker und Beinahe-Präsidentschaftskandidat Frankreichs, einer der mächtigsten Männer der Welt, war und ist. Eine Welt, in der auch Staatsanwalt Vance eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Da sieht es ganz so aus, als wäre die Gerechtigkeit der Macht geopfert worden.
Bereits gestern hatte Diallos Anwalt Kenneth Thompson erklärt: „Der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan, Cyrus Vance, hat einer Frau das Recht verweigert, in einem Vergewaltigungsfall zu ihrem Recht zu kommen. Er hat damit nicht nur dieses Opfer im Stich gelassen, sondern auch alle forensischen, medizinischen und physischen Beweise in diesem Fall ignoriert.“
Und Diallos zweiter Verteidiger, Douglas Wigdor, erklärte: „Dass der Bezirksstaatsanwalt jetzt vor hat, die Klage abzuweisen, und das Opfer im Stich zu lassen wegen so genannter ‚Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit’, das ist eine Beleidigung nicht nur für Ms. Diallo, sondern für alle Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt sind und noch werden.“
Kehrt DSK dennoch nun im Triumph nach Paris zurück? Nicht unbedingt. In Frankreich wartet ein weiteres Verfahren auf ihn: Er soll versucht haben, die Patentochter seiner zweiten Frau – Sinclair ist die dritte – brutal zu vergewaltigen. Tristane Banon hat im Juni, Jahre nach dem Vorfall, Anzeige erstattet. Es heißt, die junge Frau sei „in kämpferischer Stimmung“ und lasse sich auch von dem sehr aktiven „System DSK“ nicht länger einschüchtern.
Auch wird viel getuschelt. Unter anderem, dass die Stewardessen von Air France sich seit Jahren weigern, Strauss-Kahn auf seinen Flügen zu bedienen. Wenn der IWF-Chef in der Maschine saß, sollen grundsätzlich nur Männer in der 1. Klasse bedient haben. Und unter Journalistinnen kursierte der Rat: Niemals mit DSK alleine in einem Zimmer aufhalten.
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Hinzu kommt: Der Zivilprozess steht in der USA noch aus. Diallo hatte bereits im Juli eine Zivilklage eingereicht. Das Urteil kann bis zu zwei Jahren dauern, und der Angeklagte muss nicht anwesend sein. Zur Erinnerung: O.J. Simpson, der offensichtlich aus Eifersucht seine Frau und deren (homosexuellen) Freund ermordet hatte, wurde zwar in dem Strafverfahren freigesprochen – in dem von den Eltern seiner toten Frau angestrengten Zivilprozess jedoch zu 33,5 Millionen Dollar Schmerzensgeld verurteilt. Die wären auch der schwarzen, alleinerziehenden Putzfrau zu gönnen!
Am letzten Donnerstag hatte Nafissatou Diallo, der die Staatsanwaltschaft ihre Entscheidung gestern in einem 30-Sekunden-Gespräch angekündigt hatte (siehe Strauss-Kahn Folge X), sich ein letztes Mal der Presse gestellt. Sie sagte unter anderem: „Was mir passiert ist, wünsche ich keiner Frau auf der Welt. Es ist einfach zu viel für mich. Zu viel für mich und meine Tochter.“
Es ist zu fürchten, dass es zu viel ist für alle Frauen und alle Töchter. Die müssen sich nun die sehr ernste Frage stellen: Kann eine vergewaltigte Frau es irgendwo auf der Welt überhaupt noch wagen, ihren Vergewaltiger anzuzeigen?
EMMAonline, 23.8.2011 - aktualisiert am 24.8.2011
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Thema: Sex, Macht, Gewalt
Thema: Der Fall Strauss-Kahn
Historisch, Gesetz, Urteile, Netzwerke, Vergewaltigung im Krieg, Vergewaltigung in der Ehe
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