In der aktuellen EMMA

Cillie und Cristina auf dem Dorfe

Zwei Pionierinnen der Frauenbewegung: Cristina Perincioli und Cillie Rentmeister leben jetzt auf dem Land.
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Berlin sehen wir als Lichtschein am nächtlichen Horizont. Mit Milchziegen- und Forstbetrieb leben wir seit fast einem Vierteljahrhundert in einem Dorf südlich von Potsdam. 

Unser Dorf vereinte schon zu DDR-Zeiten eine vielfältige Bürgerschaft: alteingesessene Bauern neben Neusiedlern, die Brandenburger Symphonikerin neben dem Tischlermeister. Bei unserem Richtfest verkündete Cillie vom Baugerüst, dass wir zuvor dreißig Jahre lang als Frauenpaar in Berlin gelebt hatten. Die Reaktion war wohlwollend. 

Als Feministin würde sich hier vermutlich kaum eine bezeichnen. Viele Frauen verstehen sich jedoch ganz selbstverständlich als gleichberechtigt. Emanzipiertes weibliches Selbstbewusstsein begegnete uns von Anfang an. Es hat viele Gesichter: die Försterin, die unseren klimaangepassten Waldumbau berät; die Jägerin, die in einer Bluesband singt; die Bauingenieurin, die sich für Kleinkläranlagen einsetzt; die Pfarrerin, die uns zu Vorträgen über Blackout-Vorsorge einlädt; die Friseurmeisterin: Feuerwehrsportlerin und Vereinsvorsitzende; die Flugzeugmechanikerinnen auf dem nahen Flugplatz. 

Gleichberechtigung steht hier nicht nur auf dem Papier. Auch die Töchter der „dritten Generation Ost“ gehen selbstverständlich einer Erwerbstätigkeit nach, immer in Vollzeit. Wirtschaftliche Unabhängigkeit und Berufstätigkeit gelten hier weiterhin als erstrebenswert. Studien bestätigen, dass ostdeutsche Frauen aufgrund ihrer Sozialisation überdurchschnittlich häufig in Führungspositionen vertreten sind. 

Vor fünfzig Jahren hätten wir nicht gedacht, jemals selbst in der ehemaligen DDR zu leben. Wir hatten uns 1973 im neu gegründeten autonomen Frauenzentrum in West-Berlin gerade von dem sozialistischen Dogma emanzipiert, Frauenbefreiung lediglich als „Nebenwiderspruch“ des Klassenkampfs zu betrachten: Der grundlegende Gegensatz verläuft zwischen den Geschlechtern, weltweit, zu allen Zeiten. Frauen sind keine Minderheit, sondern die Hälfte der Menschheit. 

Unsere Gegenspielerinnen waren damals Vertreterinnen des Sozialistischen Frauenbundes Westberlin, die sich nur als „Durchlauferhitzer“ sahen. Sie wollten Frauen durchs Studium der marxistischen Klassiker für den Klassenkampf fit machen. Die autonome Frauenbewegung setzte dagegen auf Selbstbefreiung und Aktion: raus aus der Opferrolle, Frauen gemeinsam sind stark, wir sind nicht das schwache „zweite Geschlecht“. Nina Hagen brachte es auf den Punkt: „Und vor dem ersten Kinderschrei’n muss ich mich erstmal selbst befrei’n!“ 

Autonomie bedeutete vor allem: keine Staatsknete, alles selber machen, nicht abwarten, dass jemand unsere Projekte gut findet, das Geld für Miete und Telefon untereinander zusammenkratzen, sich am Notruftelefon abwechselnd die Nacht um die Ohren schlagen. Bald trugen auch die Einnahmen von großen Frauenfesten – oft kamen zwischen 1.000 und 2.000 Frauen – zur Finanzierung bei, und die Rockmusik der Flying Lesbians. Mit Cillie an den Keyboards. 

Es war ein Feminismus der Tat. Von Linken kamen massive Vorwürfe über unseren „theoriefernen Aktionismus“. Gerade deshalb entstand innerhalb weniger Jahre eine beeindruckende Dynamik. Aus dem Frauenzentrum gingen innerhalb von nur fünf Jahren über zwanzig Projekte hervor. Erst die Definition von Geschlecht als Hauptwiderspruch und die Erforschung der eigenen Erfahrungen machte den Blick frei auf die Realitäten: Abtreibung, Vergewaltigung, Gewalt in der Ehe, sexueller Missbrauch, frauenfeindliche Medizin. Alles wurde öffentlich gemacht und praktisch angegangen. Am Kampf gegen § 218 beteiligten sich auch die lesbischen Gruppen – mit dem Argument: „Wir schwulen Frauen sind in erster Linie Frauen!“ 

Der Slogan lautete: „Mein Körper gehört mir.“ Der Geist ebenso. Plötzlich schien alles neu erforschbar und neu denkbar. 

Ein Bravourstück der autonomen Frauenbewegung war die Erfindung der Berliner Sommeruniversitäten für Frauen durch die Dozentinnengruppe, der als Jüngste auch Cillie Rentmeister angehörte. Schon zur ersten Sommeruni 1976 strömten rund halb weniger Jahre eine beeindruckende Dynamik. Aus dem Frauenzentrum gingen innerhalb von nur fünf Jahren über zwanzig Projekte hervor. Erst die Definition von Geschlecht als Hauptwiderspruch und die Erforschung der eigenen Erfahrungen machte den Blick frei auf die Realitäten: Abtreibung, Vergewaltigung, Gewalt in der Ehe, sexueller Missbrauch, frauenfeindliche Medizin. Alles wurde öffentlich gemacht und praktisch angegangen. Am Kampf gegen § 218 beteiligten sich auch die lesbischen Gruppen – mit dem Argument: „Wir schwulen Frauen sind in erster Linie Frauen!“ 

Der Slogan lautete: „Mein Körper gehört mir.“ Der Geist ebenso. Plötzlich schien alles neu erforschbar und neu denkbar. 

Ein Bravourstück der autonomen Frauenbewegung war die Erfindung der Berliner Sommeruniversitäten für Frauen durch die Dozentinnengruppe, der als Jüngste auch Cillie Rentmeister angehörte. Schon zur ersten Sommeruni 1976 strömten rund 6.000 Frauen. Wissenschaftlerinnen, Studentinnen und Berufstätige diskutierten, forschten und feierten gemeinsam. Die Flying Lesbians sorgten für den Soundtrack dieser Aufbruchszeit. 

Die sieben Sommeruniversitäten spiegelten die stürmische Entwicklung der neuen Frauenbewegung. Sie begleiteten den Weg von der Autonomie in die Institutionen, bis zur letzten Sommeruni 1983, unter dem erschöpften Motto: „Wollen wir immer noch alles? Frauenpolitik zwischen Traum zu Trauma.“ 

Mit dem Erfolg der Frauenbewegung veränderte sich auch ihr Charakter. Viele ihrer Ideen wurden professionalisiert, in Institutionen übernommen und schließlich im Gender Mainstreaming zur Richtlinie. Von Kritikerinnen betitelt als „Staatsfeminismus“. 

Die wichtigste Botschaft der sieben Sommerunis, gerade aus heutiger Erfahrung, unter dem Druck von Cancel Culture, Politischer Correctness und Selbstzensur: 

Es gab keinerlei Zensur, auch steilste Thesen konnten von jederfrau präsentiert werden, eine ungeheure Befreiung. Das Themenspektrum war atemberaubend, Kontroversen wurden ausgetragen, gleichzeitig alles mit großer Solidarität aufgenommen. 

Neugierig waren wir auch auf die Gleichberechtigung in der DDR. Die geteilte Frontstadt bot die Chance eigener Einblicke. Bereits 1974 saßen wir in Ost-Berlin Maria Rentmeister gegenüber, einer hochrangigen Frauen- und Kulturpolitikerin der DDR. Sie erläuterte uns die Maßnahmen und Erfolge der DDR-Frauenpolitik, während sie sich ihrerseits für die neue Frauenbewegung im Westen interessierte und uns vor „Zersplitterung“ warnte. 

Auch in der DDR waren Frauenrechte nicht vom Himmel gefallen. Erst spätere Forschungen machten uns bewusst, mit welchem Eigensinn und welcher Beharrlichkeit Sozialistinnen wie Maria Rentmeister die rechtliche und praktische Gleichberechtigung durchsetzen mussten, und dass auch sie nach 1945 einen machtvollen Aufbruch von Frauen erlebten: zunächst in den überparteilichen Frauenausschüssen, die sich dann 1947 im DFD, dem demokratischen Frauenbund Deutschlands organisierten. 500.000 Frauen schlossen sich hier zusammen, mit überparteilichem und basisdemokratischem Anspruch, sprachen von „Schwesterlichkeit“ und „Fraueninteressen“ auf sämtlichen Gebieten, wollten sie sogar in den Betrieben durchsetzen, ausgerechnet dem zentralen Territorium der Arbeiterpartei. Auch sie erfuhren einen massiven Rückschlag – der allzu selbstbewusste DFD wurde entmachtet und in die Nationale Front der Massenorganisationen eingegliedert. 

Unser Dorf ist von den Debatten der Großstadt nicht abgekoppelt. Bemerkungen zu Gendern oder Gendersternchen fallen auf Gartenpartys, Dorffesten oder bei Handwerkerarbeiten – meist ironisch belästert, manchmal verärgert über Bevormundung. Cillie Rentmeister wird öfters nach ihrem Lehrgebiet gefragt. „Geschlechterverhältnisse im internationalen Vergleich“ – eine Gelegenheit klarzustellen, dass sie von einer biologischen Zweigeschlechtlichkeit ausgeht und nur die unterschiedlichen sozialen Ausprägungen und ihre Folgen betrachtet. 

So kommt es zu offenen Gesprächen. Auch darüber, was viele bewegt: Das neue Recht auf „geschlechtliche Selbstbestimmung“ – dass also das biologische Geschlecht fluide sein soll, beliebig wählbar, und man den Geschlechtseintrag sogar alljährlich zwischen weiblich und männlich wechseln kann. Auch Minderjährige dürfen danach bereits ab einem Alter von 14 Jahren ihr Geschlecht wählen – unabhängig vom biologischen Geschlecht. Über die Jugendlichen hat das Thema hier Einzug gehalten und macht die Eltern auf dem Dorf ratlos. 

Anders als in vielen städtischen Milieus gibt es weiterhin die weltanschauungsübergreifende Zusammenarbeit. Das ist gut und nötig, weil eine Dorfgemeinschaft auf praktische Kooperation angewiesen ist. Man kennt die politischen Ansichten der anderen, versucht aber, unterschiedliche Auffassungen und Grenzen zu respektieren. So steht der Gartenzaun sinnbildlich für die Stärken des Dorflebens. Er schützt, trennt und verbindet, ist Ort spontaner Begegnungen und manchmal überraschend tiefer Diskussionen – auch über Feminismus, Geschlechterrollen und die bedrohte Zukunft der Frauenrechte. 

Gartenzäune statt Brandmauern.

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