In der aktuellen EMMA

Das Gestern dräut im Heute

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Der sympathische Nationaltrainer der deutschen Handballmannschaft meinte es gut. Ost/West-Probleme in seiner Truppe? I wo. „Im Großen und Ganzen ist es heute der einzige Unterschied, dass wir uns mit den Uhrzeiten schwertun“, antwortete er dem ZDF-Team, das den „zwei Seelen in einem Land“ auf der Spur war. „Die Leute, die aus dem Osten kommen, können viel mit dreiviertel Zehn und viertel Elf anfangen. Aber wir haben uns auf die normale Ansage verständigt: viertel vor Zehn oder viertel nach Zehn. Und damit kommen die Ossis auch klar. Die können beides.“

Wer ist „wir“ und was ist „normal“? Normal ist das, was die Wessis sagen. Wobei in dem Fall die Pointe ist, dass Trainer Christian Prokop in der DDR geboren ist und früher im Dessauer HV war. Ein Ossi, der inzwischen der bessere Wessi ist.

In dieser scheinbar harmlosen Bemerkung steckt alles. Wollen die Ossis mitspielen, müssen sie sich den Wessis beugen. Es gilt unser Gesetz, das der Westdeutschen. In der Regel haben die Ostdeutschen das widerspruchslos hingenommen. Bisher. Sie haben den Verlust von allem, was ihnen über 40 Jahre vertraut geworden ist, scheinbar akzeptiert: die Sprache, die Produkte (von den Filinchen bis den Hallorenkugeln), das Leben im Kollektiv, die gesellschaftlichen und politischen Strukturen.

Was blieb, war Beschämung. Im falschen System gelebt. An das Falsche geglaubt (oder eben auch nicht). Die falschen Träume gehabt. Ab sofort galt Go West: unsere Regeln, unsere Demokratie, unser Kapitalismus.

Nur: Für 16,4 Millionen Menschen war bis 1990 die DDR ihr Land, ihre Heimat. Egal, wie gut oder wie schlecht. Sie waren in Dresden geboren und nicht in München, in der Oberlausitz und nicht im Ruhrgebiet. Zufällig. Und nun kamen wir und sagten: Ihr wart im falschen Film. Der richtige, der Farbfilm, der läuft bei uns.

Wiedervereinigung. Treuhand. Übernahmen. Stilllegungen. Entlassungen. Vor allem die bis dahin zu 92 Prozent berufstätigen Frauen traf es mit Wucht. Jede Zweite verlor nun ihren Job. Der 45-jährigen hochqualifizierten Facharbeiterin oder Akademikerin sagte man: Das war’s. Sie packen den Anschluss nicht mehr.

Als Begleitmusik zur Beerdigung des Ostens tönten die West-Schlagzeilen: „Sie küssen die Freiheit!“ – „Die Erlösung“. – „Staunend blicken die Kinder auf die vielen Schokoladentafeln.“ Als wären die von Ost nach West kommenden Deutschen einem afrikanischen Hungergebiet entronnen oder hätten einen südamerikanischen Folterstaat ­überlebt. Und danach? Danach wurde die Stasikarte gezogen, mit der man sehr vielen die Füße ­weghauen konnte. Berechtigt oder unberechtigt.

In den 12 Monaten des Übergangs, zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, hatten sich viele Menschen, allen voran die Frauen, noch gewehrt. Sicher, die Genossinnen waren es gewohnt gewesen, ihre Anliegen der großen Sache unterzuordnen, Hauptwiderspruch Klassenkampf sticht Nebenwiderspruch Frau. Aber sie waren es gleichzeitig gewohnt, Rechte zu haben. Mehr als die West-Frauen. Das „Recht auf Arbeit“ stand in der Verfassung und die Gleichberechtigung der Geschlechter war Teil des sozialistischen ­Programms. Theoretisch, aber immerhin.

Die Genossinnen hatten zwar nicht die gläserne Decke durchstoßen, aber sie waren knapp drunter, auch die so genannten Männer­berufe standen ihnen offen. Und Vater Staat entlastete die Mütter mit Ganztagskrippen und -schulen sowie Kantinen. Allerdings, so brachte es die Trobadora Irmtraud Morgner – Schriftstelle­rin und Mutter, die immer ein Einkaufsnetz in der Tasche hatte – auf den Punkt: „Wir Frauen hatten die gleichen Rechte, aber doppelte Pflichten. Da kann man die gleichen Rechte nicht in Anspruch nehmen.“

Dennoch: Mitten im Einig-Volk-von-Brüdern-Gedudele erhoben nun auch Frauen die Stimme. Am 3. Dezember 1989 gingen sie in der Ostberliner Volksbühne an die Öffentlichkeit und stellten den „Unabhängigen Frauenverband“ vor. Motto: „Wir haben kein Vaterland zu verlieren, sondern eine Welt zu gewinnen.“

Spätestens das war der Moment, in dem auch eine Feministin wie ich sich Hoffnungen machte: Die Stärken der West- und der Ostfrauen zusammen – das wäre gesamtdeutsch unschlagbar! Wir, die West-Feministinnen, waren zwar von weit her gekommen und hatten uns sogar das Recht auf Berufstätigkeit erkämpfen müssen, aber wir hatten Erfahrung im öffentlichen Widerstand. Im erfolgreichen Widerstand. Die Ostfrauen hatten zwar mehr Teilhabe, aber waren nicht gewohnt, gegen das „Frauenschicksal“, gegen die Doppelbelastung und Benachteiligung zu protestieren.

So hatten zum Beispiel die DDR-Frauen die Fristenlösung, aber die BRD-Frauen hatten sie nicht (und wir alle haben sie bis heute nicht). Da wäre eine gesamtdeutsche Fristenlösung bei der Wiedervereinigung natürlich ideal gewesen. Aber dafür hätten wir gemeinsam kämpfen müssen. Doch die DDR-Frauen erkannten die Gefahr zunächst nicht. Zu selbstverständlich waren für sie ihre Rechte. Und irgendwann war es dann zu spät.

Dass die DDR-Frauenrechtlerinnen die Warnung von Westfeministinnen unterschätzten, lag nicht nur am Schock über die Besserwessis, sondern auch daran, dass sie die von West wie Ost verbreiteten Klischees über Feministinnen im Kopf hatten („Männerhasserinnen“). Sie kannten den wahren West-Feminismus der 1970er-Jahre nicht: diesen Aufstand von unten, der an den Grundfesten des Patriarchats gerüttelt hat. Sie landeten direkt im Postfeminismus – und schüttelten verständlicherweise den Kopf über so manche postfeministische Haarspalterei.

Es mussten ein paar Jahrzehnte vergehen, bis die handfesten Frauen der DDR angekommen waren und nun gesamtdeutsch ihre Teilhabe an der Politik forderten.

Eine Vorbotin dieser Truppe war Angela Merkel. Natürlich ist es kein Zufall, dass die erste deutsche Kanzlerin eine Ostfrau ist. Eine Westfrau hätte das gar nicht durchgehalten. Der wäre die Ungeheuerlichkeit zu klar und die Haut vom langen Kampf um Respekt schon zu dünn gewesen, die Männermeute hätte sie leicht einschüchtern können. Hingegen die einstige Jungpionierin und Physikerin Merkel. Die war sich schlicht sicher, dass Frauen alles können, was Männer können. Und so wagte sie den Ritt über den Bodensee – und kam an. Das Eis, bzw. ihr Fell war dick genug.

Sind also jetzt alle angekommen? Gibt es „die Wessis“ und „die Ossis“ nicht mehr, sondern nur noch Deutsche? Können wir endlich gemeinsam nach vorne blicken, statt über Vergangenes zu lamentieren?

Es sieht nicht so aus. Denn nicht nur die in den Ost-Ländern bevorstehenden Wahlen sind alarmierend, auch eine aktuelle Allensbach-Umfrage ist es. Danach verstehen sich 47 Prozent aller Menschen in der ehemaligen DDR bis heute nicht in erster Linie als Deutsche, sondern als Ostdeutsche. Drei von vier Ostdeutschen sehen große Unterschiede in den Lebensbedingungen zwischen Ost und West. Und jedeR Zweite im Osten sieht schwarz für die Zukunft.

Das war schon mal besser. Die Stimmung hat sich verschlechtert. Die Kränkung der Ossis sitzt eben tief. Kein Wunder, 30 Jahre sind nicht viel Zeit für die Verarbeitung eines kollektiven Traumas. Bis hin zu den Kindern und Kindeskindern.

Hinzu kommt: Das Vergangene ist nicht verarbeitet, sondern im Schweigen versunken. Sowohl die Jahre 1945 bis 1989, als auch die Jahre 1933 bis 1945. Die Teilung von Deutschland in, aus DDR-Sicht, ein „gutes antifaschistisches Deutschland“ und ein „böses kapitalistisches Deutschland“ hat den Blick auf die Vergangenheit verstellt. Da gibt es viel nachzuholen. Auf allen Seiten. Denn das Gestern dräut im Heute.

Anfang der 1990er-Jahre war die erste Wende-Generation einfach platt und mundtot gemacht worden. Auch der zweiten Generation sitzt oft noch der Schrecken in den Knochen. Jetzt rückt die dritte Generation nach. Die will entweder überhaupt nichts mehr davon wissen – oder aber reagiert mit Stolz und ­fordert: Hört uns endlich zu!

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