In der aktuellen EMMA

Komponistinnen: „Es war ein Schock!“

Hier dirigiert Ethel Smyth 1930 in London die Polizeikapelle bei der Einweihung eines Denkmals für Emmeline Pankhurst.
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Wenn Raphaela Gromes über ihre Lieblingssonate spricht, die Cello-Sonate in D-Dur, Opus 17, dann legt sich vor lauter Begeisterung ein kleines Vibrato in ihre Stimme. „Kein einziger Takt mit Längen, dieser Farbenreichtum, diese Komplexität, diese Virtuosität und Leidenschaftlichkeit. Ein großer Wurf!“ Die Cellosonate, von der sie spricht, ist nicht von Beethoven, Brahms oder Mendelssohn, sondern von Luise Adolpha Le Beau, einer deutschen Komponistin des 20. Jahrhunderts. Ziemlich genau 100 Jahre nach ihrem Tod bringt Gromes sie wieder zurück auf die Bühne. 

„Le Beau hat ‚zwingend‘ komponiert. Nicht beliebig, sondern genauso, wie es anders gar nicht sein kann. Das ist ein Zeichen von Genialität, ihrer Genialität, die vergessen wurde und die es zu würdigen gilt“, sagt die Musikerin. Warum man „geniale“ Musik von Frauen überhaupt wiederentdecken muss, warum Musik von Frauen wie Le Beau selbst im Jahr 2026 in deutschen Konzertsälen immer noch ein eher randständiges Phänomen ist – das sind die Fragen, die die Cellistin Raphaela Gromes umtreiben. Auch deshalb findet sich die Cello-Sonate in D-Dur auf ihrem jüngsten Album und Le Beau in ihrem gleichnamigen Buch „Fortissima!“, das sie zusammen mit der Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka herausgebracht hat.

Die Cellistin und die Wissenschaftlerin haben die (fast) vergessenen Lebensgeschichten von rund drei Dutzend Komponistinnen erforscht und geben ihrem Schaffen und ihren Werken Raum. Bei Luise Adolpha Le Beau, 1850 in Rastatt geboren, kümmerten sich die Eltern früh um die musikalische Ausbildung ihrer einzigen Tochter. Luise erhielt Klavierunterricht bei Clara Schumann, hielt es dort aber nur einen Sommer lang aus. Schumann sei launisch gewesen, ständig habe sie Luises Handhaltung kritisiert, schreibt Gromes und zitiert Luise aus ihren „Lebenserinnerungen“: „Musste ich da nicht denken, Frau Schumann wollte mich schikanieren?“ Danach wandte sich Luise Adolpha Le Beau dem Komponieren zu und wurde dem Kompositionsprofessor Josef Rheinberger in München empfohlen. Dieser nahm aus Prinzip keine Frauen auf und verwies Luise an seinen Assistenten. Doch Luises Talent konnte Rheinberger nicht auf Dauer negieren, ihre Violinsonate lobte er als „männlich“ und „nicht wie von einer Dame komponiert“. Ab 1876 durfte Luise endlich bei Rheinberger Komposition studieren, er nannte sie „Herr Kollege“ und meinte das als größtmögliche Hochachtung vor ihrer Begabung. Wenn Raphaela Gromes Anekdoten wie diese aus ihrem Buch erzählt, weiß sie nicht so recht, ob sie lachen oder wütend sein soll. „Immerhin: ‚Herr Kollege‘ hat zu mir noch niemand gesagt“, spottet Gromes.

Eine andere Komponistin, die es Raphaela Gromes angetan hat, ist Henriëtte Bosmans aus den Niederlanden. 1895 in Amsterdam geboren, war ihr die Musik in die Wiege gelegt: Ihr Vater Henri Solocellist des berühmten Concertgebouw-Orchesters, ihre Mutter Sara, Pianistin, eine der „berühmtesten Persönlichkeiten des niederländischen Musiklebens“. Tochter Henriëtte startete ihre Karriere mit 17 als Konzertpianistin, nach ersten Verrissen verlegt sie sich nach dem Ersten Weltkrieg aufs Schreiben von Musik. Ihr erster Kompositionsauftrag war die Cello-Sonate in A-Moll, in die sich Gromes beim ersten Hören sofort verliebte. Anders als die Sonate von Le Beau ist Bosmans Werk eher „düster und hochdramatisch“, der renommierte Henle-Verlag hat das Werk, anlässlich der Einspielung durch Gromes, als neue Notenedition in sein Programm aufgenommen. 

1921 trat die Dirigentin Frieda Belinfante in Henriëttes Leben, die erste Frau, die ein professionelles Kammerorchester leitete. Sieben Jahre waren die beiden ein Paar. Ab 1941 tauchte die Halbjüdin Bosmans in den Untergrund ab und trat nicht mehr öffentlich auf. Sie überlebte den Krieg, komponierte danach Befreiungslieder und unterhielt illustre Freundschaften, etwa mit dem britischen Komponisten Benjamin Britten. Ihre Werke werden bis heute kaum aufgeführt, schreibt Gromes, „was ich für einen großen Fehler halte“.

Auf die Idee zu dem Buch brachte Raphaela Gromes ausgerechnet ein Artikel aus der EMMA aus dem Jahr 1977. Die Dirigentin Elke Mascha Blankenburg hatte unter dem Titel „Vergessene Komponistinnen“ einige Frauen aus der Musikgeschichte vorgestellt, deren Schaffen keine Rolle mehr zu spielen schien. In Windeseile meldeten sich Hunderte Frauen bei Blankenburg, die entweder selbst komponierten oder von Komponistinnen wussten. Daraus entstand das heutige Archiv „Frau und Musik“, mit dem Gromes seit ihrem ersten großen Plattenvertrag von 2016 immer wieder zusammenarbeitet, um neue Cellowerke für sich zu entdecken. 

Raphaela Gromes macht keinen Hehl daraus, dass die Recherche für das Buch sie zur „Feministin“ gemacht habe. Sie selbst komme aus einem „klassisch-konservativen Elternhaus“, erzählt sie, beide Eltern Musiker, und völlig gleichberechtigt. Gromes fragt sich: „Wie konnte es sein, dass es so viele Komponistinnen gibt, von denen ich im Studium nie gehört hatte? War ich so naiv? Und dann spricht man auch nicht darüber, weil man sich für ungebildet hält. Aber als ich dann doch angefangen habe, Fragen zu stellen, wusste niemand etwas über diese Frauen!“ 

Das Buch von Gromes und Wosnitzka ist ein wahrer Anekdotenschatz an berührenden Geschichten von Frauen, die ihrer Zeit weit voraus waren. Von der byzantinischen Äbtissin Kassia (um 810), die heute als erste Liedkomponistin des Abendlandes gilt, bis zu Hildegard von Bingen, die nicht nur eine mittelalterliche Mystikerin war, sondern auch die Komponistin von Singspielen; von der polnischen Komponistin Maria Szymanowska, einer Wegbereiterin Chopins, die Johann Wolfgang von Goethe nach einem Konzert von ihr in der Sommerfrische von Marienbad als „weiblichen Vulcan“ beschrieb, über Germaine Tailleferre, der einzigen Frau der „Groupe de Six“ um den Komponisten Francis Poulenc. 

Tailleferre floh während des Ersten Weltkriegs nach Spanien und begegnete am mondänen Badeort Biarritz zufällig dem Maler Picasso. Der ermahnte sie, sich nicht mit den „bisherigen Rezepten“ zufriedenzugeben und jeden Tag über sich hinaus zu wachsen, schreibt Gromes über die Begegnung. Tailleferre nannte Picassos Ratschlag in ihren Memoiren später „die beste Kompositionsstunde“, die sie je erhalten habe. Weit weniger erfolgreich war ihr Zusammentreffen drei Jahre später mit Charlie Chaplin, der mit ihr einen Film machen wollte, doch Germaines erster Ehemann verbot das Projekt offenbar aus Eifersucht. 

Und wieder völlig anders die Geschichte von Florence Price, die sich als schwarze Frau Anfang des 20. Jahrhunderts gleich doppelt gegen Patriarchat und Rassismus in den USA zur Wehr und durchzusetzen hatte. Der österreichische Pianist und Professor für Liedinterpretation, Sascha El Mouissi, hat gerade eine Gesamteinspielung der Lieder von Florence Price herausgebracht. 

Oder Ethel Smyth, die britische Opernpionierin und wohl größte Feministin unter den Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. Gegen den Willen des Vaters setzte Ethel mit einem Hungerstreik ihren Traum von einem Musikstudium in Leipzig durch. Im Haus ihres Kompositionslehrers Heinrich von Herzogenberg begegnete Smyth Tschaikowski, Edvard Grieg und ihrem Idol Clara Schumann. 1893 wurde Smyths „Messe in D“ in der vollbesetzten Royal Albert Hall mit 1.000 Mitwirkenden uraufgeführt – sie selbst, damals die erfolgreichste Komponistin Englands, saß in der Loge direkt neben Queen Victoria. 

1903 feierte „Der Wald“ eine umjubelte Premiere an der MET in New York, das Werk gilt als erste von einer Frau geschriebene Oper. Längst zählten auch berühmte Intellektuelle wie der Philosoph und Pazifist Bertrand Russell oder der Dramatiker George Bernhard Shaw zu ihren Verehrern. Gromes zitiert in ihrem Buch einen persönlichen Brief Shaws, nachdem dieser Smyths „Messe in D“ gehört hatte: „Es war ihre Musik, die mich für immer von dem alten Irrglauben geheilt hat, dass Frauen keine Männerarbeit in der Kunst und in allen anderen Dingen leisten könnten. Ihre Messe wird in der größten Gesellschaft bestehen! Großartig“. 

Als Ethel Smyth 1910 die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst von der Women’s Social and Political Union (WSPU) kennenlernt, „legte sie ihre bis dahin konservative, ablehnende Einstellung gegenüber der Frauenbewegung ab und schloss sich den Suffragetten an“, schreiben Gromes und Wosnitzka. Von jetzt an beteiligte sich Smyth selbst an Demonstrationen und Guerilla-Aktionen. Als man sie dabei erwischte, wie sie eine Fensterscheibe einschmiss, wurde sie verhaftet und eingesperrt. Legendär die Geschichte, dass Smyth im Londoner Holloway-Gefängnis einen Chor ihrer Mitstreiterinnen mit einer Zahnbürste dirigiert haben soll – aus Protest gegen die brutale Zwangsernährung der Gefängnisleitung während eines Hungerstreiks schlug Smyth die Zahnbürste im Takt ihres Liedes „The March of the Women“ gegen das Zellengitter. 

Eine große Verehrerin von Ethel Smyth war auch Virginia Woolf, die über ihre Freundin Ethel schrieb: „Sie ist vorausgegangen und hat Bäume gefällt und Felsen gesprengt und Brücken gebaut und so den Weg für jene bereitet, die nach ihr kommen.“ 

Doch nach ihrem Tod 1944 verschwand Ethel Smyths Musik in der Versenkung, beklagt Raphaela Gromes. „Von ihren zahlreichen Opern hat derzeit ‚The Wreckers‘ in der deutschsprachigen Theaterlandschaft starken Aufwind. Allerdings muss das Notenmaterial dafür immer noch mühsam neu zusammengesucht werden. Viele Dirigenten und Intendanzen scheuen daher, Smyth auf ihre Spielpläne zu setzen: zu aufwendig, zu teuer, zu viele Proben. Einfach zugängliche, fehlerfreie und gut lesbare Ausgaben ihrer Opern sind überfällig, um ihre Musik wieder zurück auf die Bühnen zu bringen.“ Zur Eröffnung des Münchner Literaturfestes Mitte April 2026 spielte Raphaela Gromes auf ihrem Cello nicht Brahms oder Beethoven, sondern: „The March of the Women“ von Ethel Smyth. Der Bruch mit dem männlichen Geniekult mag in der klassischen Musik eine kleine Revolte sein, aber Raphaela Gromes findet: „Das müssen wir uns jetzt trauen.“

 

Raphaela Gromes/Susanne Wosnitzka: Fortissima! Verdrängte Komponistinnen und wie sie meinen Blick auf die Welt verändern (Goldmann, 24 €).

Eva Rieger: Frau Macht Musik. 50 Jahre Frauen- und Genderforschung in der Musik (Georg Olms Verlag, 29 €) 

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