Alice Schwarzer schreibt

Tariq Ramadan: Der Bruder

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Ein Weinstein-Skandal erschüttert die islamische Welt. Der selbsternannte „Reformsalafist“ Tariq Ramadan soll in Frankreich mehrere Frauen brutal vergewaltigt haben. Und bereits als Lehrer in Genf soll er sich an minderjährigen Schülerinnen vergriffen haben. Ramadan ist der Islamo- Star in Europa. Er lehrt in Oxford (auf einem Lehrstuhl, den Katar finanziert), er berät Regierungen, sitzt in Talkshows und in EU-Gremien für den „Dialog mit Muslimen“, Jugendliche in den Vorstädten hängen ebenso an seinen Lippen wie linke Intellektu­elle. Sein Einfluss ist so groß, dass der franzö­sische Islam-Experte Gilles Kepel gar von einer „Generation Ramadan“ spricht.

Ramadan ist die Schlüsselfigur für den Schulterschluss zwischen fundamentalisti­schen Muslimen und Linken. Gemeinsam kämpfen sie für Gerechtigkeit für die neuen „Verdammten dieser Erde“, die Muslime, und gegen „Rassismus“ und „Islamophobie“ (Letzteres ein Schlagwort, das auch Ramadan in Europa salonfähig gemacht hat). Nach außen, auf Französisch und Englisch, pflegt der Enkel der Gründer der ägyptischen Muslimbrüder einen „toleranten“ und „europäischen Islam“ – nach innen, auf Arabisch, gibt er „den islamis­tischen Einpeitscher“, schreibt Caroline Fourest, die schon 2003 ein Buch über den "Frère Tariq" veröffentlicht hatte. Genauer befragt im Fernsehen mochte Ramadan sich weder von der pseudoreligiösen Genitalverstümmelung noch von der Steinigung von Frauen bei „Ehebruch“ distanzieren.

Zu Ramadans Doppelzüngigkeit scheint noch Doppelmoral hinzuzukommen

Die Tatsache, dass der schillernde Guru seit über 15 Jahren in zahlreichen Veröffentlichungen der Doppelzüngigkeit überführt werden konnte, hat seine Beliebtheit allerdings weder bei seinen Fans noch in den linken und liberalen Medien trüben können. Jetzt scheint zur Doppelzüngigkeit also noch die Doppelmoral hinzuzukommen. Denn im Gegensatz zu Weinstein, der aus seiner „sexuellen Libertinage“ noch nie einen Hehl gemacht hat, predigt der Islamo-Star, der mit einer Konvertitin verheiratet und Vater von vier Kindern ist, öffentlich sexuelle Enthalt­samkeit außerhalb der Ehe. Doch die Geschichten, die die Frauen jetzt über ihre Erfahrungen mit dem in der Schweiz gebore­nen Ägypter erzählen, klingen alles andere als fromm. Sie klingen auch mehr als pervers. Sie klingen pathologisch. Eine Pathologie, die Resultat von zu viel Macht sowie der Zerrissenheit zwischen Ideologie und Lebens­realität zu sein scheint.

Die erste, die das Schweigen brach, ist Henda Ayari. Die mit 18 mit einem Salafis­ten zwangsverheiratete Tochter einer Tune­sierin und eines Algeriers war nach 20 Jahren Ehe ausgebrochen. 2016 hat sie ein Buch veröffentlicht. Darin berichtet die gläubige Muslimin von einer Kindheit unter der Fuchtel einer Mutter, die ihr mit dem Tode drohte, falls sie ihre Jungfräulichkeit verlie­ren sollte, sowie dem Milieu des Hasses gegen alle „Anderen“, in dem die Salafisten leben. Und bereits da spricht sie von einer Vergewaltigung 2012 in einem Pariser Hotel, nennt aber den Namen des Täters nicht (siehe Interview).

Am 20. Oktober 2017 erklärte Ayari auf ihrer Facebook-Seite, sie habe sich jetzt ent­schlossen, Ramadan anzuzeigen. Am 24. Oktober reichte sie die Klage ein. Die Frauen, die öffentlich Weinstein angeklagt hatten, hatten sie ermutigt. Prompt wurde Ayari im Netz als „Lügnerin“, „Hure“ und „Zionistin“ beschimpft. Die Beschuldigung sei ein „jüdisches Komplott“ gegen den Muslim Ramadan. Ayari, die in Rouen lebt, steht inzwischen unter Polizeischutz. Ramadans Anwalt kündigte eine Anzeige wegen "Verleumdung und Falschaussage" an.

Am 27. Oktober ging eine zweite Frau an die Öffentlichkeit: eine 42-jährige französische Konvertitin, die in den Medien das Pseudonym Christelle hat. Ihre Anschuldigungen klingen noch schwerer, haben jedoch dasselbe Muster wie die von Ayari geschilderten Vorkommnisse.

Die Frauen sagen: Der Islamologe pflegte zunächst per E-Mail mit den tiefgläubigen Frauen über religiöse Fragen und Konflikte zu korrespondieren. Sodann bestellte er die Frauen in eine Hotellobby und schlug vor, doch in sein Zimmer zu gehen, um ungestörter reden zu können.

Die seit einem Unfall an Krücken gehende Christelle berichtete, dann habe er sie plötzlich mit den Worten: „Du hast mich lange warten lassen, das wirst du mir büßen!“ von hinten angefallen. Er habe sie geschlagen, penetriert, an den Haaren durch das Zimmer geschleift, sexuell erniedrigt. Sie habe geweint und ge­schrien, er solle aufhören. Vergeblich. Die Kleidung der Frau habe er so hochgehangen, dass sie sie kaum erreichen konnte, die Krücken versteckt. Erst gegen Morgen, als Ramadan im Bad gewesen sei, hätte sie fliehen können.

Das alles soll sich im Januar 2009 zuge­tragen haben. Christelles Anwalt Morain wies darauf hin, dass seine Mandantin in einem starken Abhängigkeitsverhältnis zu Ramadan gestanden habe, den sie wie einen Halbgott bewunderte, „wie in einer Sekte“. Und er kündigte an, weitere Opfer von Ramadan hätten sich bei ihm gemeldet.

Er habe sie geschlagen, penetriert, sexuell erniedrigt.

Christelle war nach der Nacht mit Rama­dan ins Krankenhaus gegangen, wo man schwere genitale Verletzungen konstatierte, an denen sie bis heute leidet. Es folgten Depressio­nen und ein Selbstmordversuch. In Marianne – eine der wenigen französischen Zeitschriften, die schon immer einen kritischen Blick auf Ra­madan & seine Brüder hatte – erzählte Christelle, dass Ramadan sie danach über drei Jahre lang mit Psychoterror verfolgt habe. „Es war das Vergewaltigen, das ihm Lust gemacht hatte“, sagt sie im Rückblick.

2009 vertraute Christelle sich Caroline Fourest an. In ihrem Buch über den „Frère Tariq“ (Bruder Tariq) belegte die Nahost-Ex­pertin dessen Doppelzüngigkeit und Machenschaften so fundiert, dass es eigentlich allen hätte die Augen öffnen müssen. Aber nein. Stattdessen wurde Fourest nun auch von manchen Medien geschnitten und von gewissen Linken und Liberalen als „Rassistin“, „islamophob“ und „Islam-Feindin“ be­schimpft. Auch sie steht heute unter Poli­zeischutz. Die Journalistin hatte sich übrigens noch nie zum Islam geäußert, sondern aus­schließlich zum Islamismus.

Doch Fourest, eine Kämpferin, ließ nicht locker. 2009 wagte sie im Fernsehen ein spektakuläres Streitgespräch mit dem als brillanter Redner bekannten Ramadan. An diesem Abend nahm Christelle Kontakt zu Caroline auf. Sie schien entschlossen, Ramadan anzuzeigen. Doch ein paar Tage später kam der Anruf: „Ich ziehe alles zurück.“ Christelle war zur Polizei gegangen und hatte gesagt: „Ich bin von Tariq Ramadan vergewaltigt worden und möchte Anzeige erstatten.“ Doch die hätten nur gelacht, „sie haben mich behandelt wie eine Verrückte“. Und dann folgten die Drohungen. Per Mail. Per Telefon. Und der Mann auf der Caféhaus-Terrasse, der ihr zuzischte: „Hör auf. Oder du endest geselbstmordet in der Seine.“

Nun, acht Jahre später, traut Christelle sich. Nach der mutigen Anzeige von Henda Ayari habe sie sich gesagt: „Jetzt muss ich es tun! Ich kann sie doch nicht alleine lassen.“

Wenig später brach in Frankreich die öf­fentliche Debatte über die Rolle der honorablen Förderer von Tariq Ramadan los, ohne die der „Reformsalafist“ niemals hätte zum „Islamo-Star“ werden können. Es sind wohltönende Namen, die sich jetzt unange­nehme Fragen gefallen lassen müssen – ob sie sich endlich auch selber Fragen stellen, ist fraglich. Darunter geschätzte Philosophen sowie linke Politiker und Journalisten.

Bernard Godard, der den Spitznamen „Monsieur Islam“ hat, weil er in mehreren Regierungen als Berater für den Islam zustän­dig war, blieb es vorbehalten, nach den Ent­hüllungen über Ramadan folgenden entlarvenden Kommentar von sich zu geben: „Dass er viele Geliebte hatte, dass er auf Portalen surfte, dass man ihm nach den Vorträgen Frauen im Hotelzimmer zuführte, dass er sie dazu animierte, sich auszuziehen, dass ihm einige Widerstand entgegensetzten und er ag­gressiv und gewalttätig werden konnte – ja. Aber nie habe ich von Klagen wegen Verge­waltigung gehört. Ich bin verblüfft.“

Ja, wer hätte das gedacht.

Ein ebenfalls hoch renommierter Linker, der für Gerechtigkeit in der ganzen Welt kämpft, der Schweizer Jean Ziegler, hatte sich schon sehr früh für Ramadan eingesetzt. Als der Dekan der philosophischen Fakultät in Genf Ramadans Doktorarbeit ablehnte wegen „Unwissenschaftlichkeit“ und „ideologischer“ und „tendenziöser Wertung“ der Muslimbrüder, sorgte Ziegler persönlich da­für, dass zwei andere Professoren und „Islam­wissenschaftler“ die „Doktorarbeit“ abnickten. Und in Amerika war das Einreiseverbot für Ramadan unter der Regierung Obama aufgehoben worden. Im Namen des Dialogs.

Die Universität Oxford tat sich lange schwer zu reagieren. Schweigen.

Auch die Universität Oxford in Großbri­tannien tat sich noch lange nach dem Bekanntwerden der Anschuldigungen gegen Ramadan schwer zu reagieren. Schweigen. Erst nach einem von Aisha Ali-Khan lancierten Aufruf („Suspendiert Tariq Ramadan, bis die Anschuldigungen wegen Sex-Attacken untersucht worden sind“) entschloss Oxford sich zu einer „einvernehmlichen Beurlaubung“ Ramadans. Vorläufig. Nicht nur Ramadans Lehrstuhl, das ganze Institut „Islamologie“ in Oxford wird von Katar finanziert.

Tariq Ramadan ist der Enkel des Gründers der Muslimbruderschaft, Hasan al-Bannā. Unter Präsident Nasser wurde diese Urzelle des Islamismus als „faschistisch“ be­kämpft. Ramadans Vater ging zunächst nach Deutschland und dann nach Genf. In Ägypten sind auch heute wieder die Muslimbrü­der als „Terrororganisation“ verboten. In Deutschland ist der „Zentralrat der Muslime“ lange wegen seiner Nähe zu den Muslimbrüdern vom Verfassungsschutz beobachtet worden.

In dem europäischen Land mit dem anscheinend unkritischsten Verhältnis zu den Islamisten, Deutschland, wurde über den Ramadan-Skandal, der in Frankreich über Wochen Tagesthema war, bisher kaum berichtet. Angemessen informierten nur die FAZ und die FAS. Die FAS erinnerte daran, dass Tariq Ramadan das Vorbild für den Pro­tagonisten in Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ sei: als Mohamed Ben Abbes, der erste muslimische Präsident Frankreichs. Er hätte es werden können.

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„Ramadan drohte mir mit dem Tode"

Henda Ayari hat sich dazu entschlossen, Ramadan anzuzeigen.
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Henda Ayari ist die Tochter einer Tunesierin und eines Algeriers, geboren in Frankreich. Mit 18 wurde sie zwangsverheiratet mit einem Salafisten. Nach 20 Jahren brach sie aus der Ehe aus. 2016 veröffentlichte sie ihr Buch „J‘ai choisi d'être libre“ (Ich habe mich entschieden, frei zu sein). Darin berichtet sie u.a. von einer Vergewaltigung, anonymisierte jedoch den Täter. Am 20. Oktober nannte Henan auf ihrer Facebook-Seite den Mann, den sie beschuldigt, beim Namen: Tariq Ramadan. Am 24. Oktober erstattet sie Anzeige. Damit löste sie eine Welle der Empörung aus, auf beiden Seiten. Jetzt spricht Henda zum ersten Mal selber: mit der französischen Frauenzeitschrift ELLE. 

Warum haben Sie nicht schon vorher Anzeige erstattet?
Weil ich Angst hatte. Wenige Tage, nachdem Tariq Ramadan mich vergewaltigt hatte, habe ich ihn angerufen, um ihm zu sagen, wie unmöglich sein gewalttätiges Verhalten war, und dass ich schockiert und außer mir sei. Er hat mir verboten, über ihn zu sprechen und mir mit den Worten gedroht: „Henda, ich weiß alles über dich. Nimm dich in Acht. Ich bin nicht alleine. Ich habe viele Menschen um mich herum, die mich unterstützen. Du möchtest doch nicht, dass dir oder deinen Kindern ein Unglück passiert?“ Ich war außer mir, aber diese Drohungen haben mir eine schreckliche Angst gemacht. Dennoch habe ich damals einigen mir nahestehenden Menschen davon erzählt. In meinem Buch habe ich in dem Kapitel, in dem ich über die Vergewaltigung schreibe, seinen Namen nicht genannt. Um mich und meine Kinder zu schützen. Ich wollte auch keinen Prozess wegen Verleumdung riskieren. Er ist so bekannt und so mächtig.

Hatten Sie eine Beziehung mit Tariq Ramadan?
Nein. Ich habe ihn nur einmal gesehen. Ich habe Kontakt zu ihm aufgenommen, wie viele andere Frauen und Männer auch, weil er als eine große religiöse Autorität gilt, ein islamischer Gelehrter. Das war die Zeit, in der ich mich von der salafistischen Doktrin zu lösen begann und mir viele Fragen in Bezug auf die Religion stellte, Antworten suchte. Und ich war auch, wie so viele Frauen, fasziniert von diesem sehr charismatischen Mann. Wir hatten uns zum Abendessen in seinem Hotel verabredet, nach seiner Konferenz. Aber als er im Hotel ankam, hat er mich direkt gebeten, mit in sein Zimmer zu kommen. Er hat mir orientalische Patisserien angeboten, und nach zwei, drei Minuten hat er mich geküsst. Ich war wie versteinert und habe gesagt: „Das geht aber zu schnell.“ Er hat versucht, mich auszuziehen und wurde sehr heftig. Doch je stärker ich ihm widerstand, umso stärker schlug er mich. Er hat mich vergewaltigt. Ich dachte, ich sterbe. Dann ist er aufgestanden, um zu duschen. Ich blieb wie gelähmt in einer Ecke des Zimmers sitzen. Ich fühlte mich verraten und beschmutzt von einem Mann, der eine große religiöse Autorität ist. Dann hat er 50 Euro auf meine Handtasche gelegt. Ich hatte noch die Kraft, ihm zu sagen, dass ich keine Prostituierte sei… Er hat mir verboten, auch nur ein Wort über das zu sagen, was passiert war – sonst würde ich ihn nie wiedersehen. Ich war sprachlos. Ich hatte auch ein schlechtes Gewissen und sagte mir: Es war mein Fehler, dass ich zu der Verabredung gegangen bin. Ich dachte auch, dass man mir niemals glauben würde, dass mein Wort so viel weniger wiegen würde als seines. Er kann so gut reden, er ist so bekannt, er wird ins Fernsehen eingeladen, er wird geschätzt als großer islamischer Intellektueller und behandelt wie ein Heiliger. Ich hatte keine Beweise, keine medizinische Untersuchung danach gemacht. Ich sagte mir: Es ist sinnlos, Anzeige zu erstatten. Ich fühlte mich allein, wie alle Opfer von Vergewaltigungen, schuldig und traumatisiert zugleich. Ich schämte mich und hatte Angst.

Tariq Ramadan. © Imago / Pacific Press Agency
Tariq Ramadan. © Imago / Pacific Press Agency

Hat Tariq Ramadan reagiert, als 2016 Ihr Buch „J’ai choisi d'être libre“ erschien, in dem Sie über die Vergewaltigung berichten, ohne seinen Namen zu nennen?
Nicht direkt, aber indirekt. Als mein Buch rauskam, hat er mich umgehend in den sozialen Netzen blockiert. Und Menschen haben mich anonym kontaktiert und gefragt, wer denn die Person sei, über die ich da geschrieben hatte. Man hat mir Geld angeboten, wenn ich den Namen des Täters sagen würde. Das habe ich selbstverständlich nicht akzeptiert. Ich habe mich gefragt, ob das eine Falle ist, die Sympathisanten von Tariq Ramadan mir stellten.

2012 haben Sie keine Anzeige erstattet aus Angst, dass niemand Ihnen glaubt. Warum sollte das heute anders sein?
Ich hatte seit Jahren Lust, ihn anzuzeigen, und habe das immer mit mir getragen. Als ich jetzt die Stimmen von all den Frauen las, prominenten wie unbekannten, die in dem Hashtag #verpfeifdeinschwein den Mut hatten zu reden, da konnte auch ich nicht länger schweigen. Auch ich wollte endlich sagen, wer „mein Schwein“ war. Ich gebe zu, dass ich, nachdem ich endlich seinen Namen auf meiner Facebook-Seite gepostet hatte, vor Angst schlotterte. Ich habe mir gesagt: „Was hast du getan?“ Aber tief im Inneren wusste ich, dass ich es hatte tun müssen. Ich spürte, wie befreiend und stark das war. Ganz in dem Geiste hatte ich ja schon 2015 den Verein „Liberatrices“ (Befreierinnen) gegründet – der allerdings leider niemals staatlicherseits unterstützt wurde. Meine Anwälte, Jonas Haddad und Grégoire Leclerc, haben am 24. Oktober die Klage eingereicht und die Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren eingeleitet wegen „Vergewaltigung und Todesdrohung“. Vielleicht haben ja auch andere Frauen, die mit ihm dasselbe erlebt haben wie ich, Beweise gegen ihn. Ich vertraue der Justiz.

Haben Sie Drohungen erhalten, seit Sie Tariq Ramadan angezeigt haben?
Ja. Anonyme Anrufe. Hassmails der Art: „Du bist nur eine Hure, wir werden dich erwürgen und in die Hölle schicken“ oder „Du wirst für deine Lügen von den Juden bezahlt“ und „Du willst nur Werbung machen für dein Buch“. Man hat sogar an meiner Tür geklingelt. Woher kennen diese Leute meine Adresse? Der Mann, den ich beschuldige, hat eine Armee von blinden Groupies hinter sich. Frauen wie Männer. Für sie ist er ein Halbgott, sie sind bereit, alles für ihn zu tun. Er manipuliert sie und nährt seinen Persönlichkeitskult nach der Methode perverser Narzissten. Aber ich habe auch viel Unterstützung erfahren, von Frauen wie Männern. Dank dieser Unterstützung halte ich durch, trotz der Drohungen.

Am 27. Oktober hat eine zweite Frau Anzeige erstattet. Und weitere haben Sie kontaktiert.
Ja, ein Dutzend Frauen haben mir berichtet, dass auch sie Opfer von Tariq Ramadan sind. Die meisten haben Angst, öffentlich zu reden oder Anzeige zu erstatten. Nicht zuletzt, weil sie sich schämen. Die Vergewaltigung ist ein enormes Tabu in unserer Community wie unserer Religion. Alle diese Opfer sagen dasselbe: Dass er sehr gewalttätig gewesen sei und voller Hass, dass er total die Kontrolle verloren habe und wollte, dass die Frauen ihn mit „Maître“ (Gebieter) ansprechen. Tariq Ramadan ist ein Betrüger, ein Hochstapler.

Was meinen Sie damit?
Er missbraucht seine religiöse Autorität, um Frauen so zu behandeln. Damit konnte keine rechnen. Auch ich nicht. Ich bin Muslimin und ich verleugne nicht meine Religion. Ich bin für einen Islam des Friedens, der Toleranz. Für einen Islam, der die Frauen respektiert. Ich bin gegen die Islamisten, die die Religion instrumentalisieren für ihre politischen, finanziellen oder sexuellen Interessen. Ich möchte die Doppelmoral dieser intellektuellen Muslime entlarven; diese Hochstapler, die, ganz wie mein Aggressor, vorgeben, die Frauen zu respektieren, sie aber in Wahrheit grauenvoll und extrem gewalttätig behandeln. Viele Muslime beschimpfen mich jetzt, weil ich Tariq Ramadan infrage stelle. Dabei habe ich noch nie den Islam an sich infrage gestellt. Gewalt gegen Frauen gibt es bei gläubigen Katholiken, Juden, Protestanten oder bei Atheisten. Diese Gewalt existiert auch bei den Muslimen, wie überall. Warum soll man nicht darüber sprechen dürfen?

In welcher Verfassung sind Sie heute?
Ich habe meine Angst überwunden und meinen Aggressor entlarvt, obwohl er so mächtig und berühmt ist. Und ich bin entschlossen, diese ganze Hypokrisie, seine und die der anderen, zu entlarven! Ich bin nicht stolz auf mich. Ich habe den Fehler gemacht, ihm zu vertrauen. Aber ich will nicht länger ein Opfer sein. Das Risiko, ihn anzuzeigen, habe ich nicht nur für mich auf mich genommen, sondern für alle Musliminnen. An ihnen, jetzt in Gang zu kommen! Ihre Angst zu überwinden und das Tabu, damit ihr Leiden an der sexuellen Gewalt endlich gesehen wird.

Das Gespräch erschien zuerst auf ELLE online, Frankreich.

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Henda Ayari: „J‘ai choisi d'être libre“ (Edition Flammarion)

Jürg Altwegg war für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in Rouen und hat Henda Ayari getroffen. Sein Porträt über die Frau erlaubt einen tiefen Blick in die Welt der Salafisten.

 

 

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