Die Angst der Juden

Protest-Demonstration für die ermordete Sarah Halimi. Foto: Cohen Magali/abaca/da
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Am 4. April 2017 hatte der 27 Jahre alte Kobili Traore in dem Pariser Quartier Belleville gegen vier Uhr nachts die Wohnung seiner Nachbarin Sarah Halimi aufgesucht. Unter den Rufen „Allahu Akbar“ und „Das ist die Rache für mein Volk“ misshandelte er die 65 Jahre alte Jüdin fast eine Stunde lang, anschließend warf er Sarah Halimi aus dem dritten Stock ihrer Wohnung. Die Gerichtsmedizin sollte später rund zwanzig Brüche an ihrem Körper und im Gesicht feststellen. Halimis Schmerzensschreie waren durch das ganze Haus gehallt, so dass Nachbarn die Polizei alarmierten. Doch als schließlich drei Beamte anrückten, blieben die untätig vor der Wohnungstür der Frau stehen, die erst eine Stunde später aus dem Fenster gestürzt wurde. (EMMA berichtete 6/2017)

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Ganze zwei Monate sollte es dauern, bis der antisemitische Mord in der französischen Presse und von Politikern – Frankreich befand sich damals mitten im Wahlkampf - überhaupt thematisiert wurde, zunächst berichteten lediglich jüdische Medien über den Fall. „Das lange Schweigen habe die jüdische Gemeinde Frankreichs erschüttert“, schrieb die Philosophin Elisabeth Badinter, deren Vater orthodoxer Jude war.

Sarah Halimi
Sarah Halimi

Der Mörder Halimis wurde nach seiner Festnahme nicht etwa ins Gefängnis, sondern als „psychisch gestört“ in die Psychiatrie eingewiesen. Es stellte sich heraus, dass Traore aufgrund mehrerer Gewaltdelikte vorbestraft war und sich vor dem brutalen Mord an seiner Nachbarin in einer als islamistisch eingestuften Moschee im elften Arrondissement radikalisiert hatte.

Doch die Staatsanwaltschaft wollte „kein antisemitisches Motiv“ erkennen. Am 14. April beschloss nun der Oberste Gerichtshof Frankreichs in dritter Instanz, dass Traore sich nicht für den Mord an Sarah Halimi verantworten müsse. Das Kassationsgericht folgte damit der Entscheidung des Pariser Berufungsgerichts im Januar 2020, demzufolge der aus Mali stammende Täter aufgrund eines „Deliriums in Folge von Cannabiskonsum“ als schuldunfähig einzustufen sei. Der Einspruch der Familie des Opfers wurde zurückgewiesen. Die Familie will jetzt vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gehen.

Das Kassationsgericht bestätigte zwar den antisemitischen Charakter des Verbrechens – zuvor hatten mehrere jüdischstämmige, französische Intellektuelle, darunter Alain Finkielkraut und Pascal Bruckner, eine Petition lanciert, in der sie „Die Wahrheit über den Mord an Sarah Halimi!“ forderten. Doch das Oberste Gericht verweist weiterhin auf die „Schuldunfähigkeit“ des Täters. Dieser habe, bevor er zur Tat schritt, Marihuana geraucht und den Mord in einem „Anfall von Wahn“ verübt.

Ein Anfall von Wahn? Entschuldigt der Konsum von Drogen einen Mord?

Doch entschuldigt der Konsum von Drogen einen Mord? Der französische Comicautor Joann Sfar stellte sich diese und andere Fragen: „Sollten auch die ISIS-Mörder, die sich von morgens bis abends mit Captagon vollstopfen, straffrei ausgehen?“ Und: „Stimmt es, dass der Mörder seine Nachbarin Wochen vor dem Mord vielfach als ‚dreckigen Jüdin’ bezeichnet hatte?“

Bei islamistischen Taten und dem tief verwurzelten muslimischen Antisemitismus sagt man nicht nur in Frankreich gerne, es seien Einzeltäter. Doch wie viele antisemitische Gewaltverbrechen müssen noch passieren, damit das Muster anerkannt wird?

Schon 2014 machte das US-Magazin Newsweek mit seiner Titelgeschichte „Exodus – Why Europe’s Jews are fleeing once again“ auf die Tabuisierung des islamischen Amtisemitismus aufmerksam, der bis heute von vielen Europäern bagatellisiert werde und längst nicht nur französische Juden betreffe. Als im Dezember 2017 während einer propalästinensischen Demonstration in Paris Muslime und Linke in trauter Einheit „Tod den Juden“ skandierten, ergriff kein einziger Nichtjude das Wort.

Nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo waren viele „Je suis Charlie“-Rufe zu hören, sie galten aber nicht den Juden, in deren koscherem Supermarkt „Hyper Casher“ es ebenfalls Tote gab. Auch hierzulande gedenkt man lieber der toten Juden, statt die lebenden zu schützen.

Viele französische Juden haben gepackte Koffer, planen die Auswanderung

Frankreich hat mit rund 450 000 Juden die zweitgrößte jüdische Gemeinde außerhalb Israels. Doch nicht wenige von ihnen sitzen auf gepackten Koffern und planen ihre Auswanderung nach Israel. Die Zahl steigt seit Jahren beständig. Die jüdischstämmigen Menschen - gläubig oder nicht, bewusst jüdisch oder voll integriert - betragen nur rund 1 Prozent der französischen Bevölkerung, aber sind von 50 Prozent der rassistischen Anschläge im Lande betroffen. Der tragische Fall Sarah Halimi gilt nun vielen als Wendepunkt.

Der Präsident der französisch-jüdischen Dachorganisation CRIF, Francis Kalifat, kommentierte die Entscheidung der Obersten Richter mit den Worten: „Von nun an können in unserem Land Juden also ungestraft gefoltert und getötet werden.“ Der Bürgermeister des französisch-jüdischen Viertels Sarcelles beschreibt die Angst der Juden mit den Worten: „Wenn die jüdische Gemeinde in Frankreich nicht länger sicher ist und Juden reihum nach Israel auswandern, dann hat der französische Staat versagt. Daher bitte ich sie, zu bleiben.“

Frankreichs Präsident Emanuel Macron möchte den Mörder von Sarah Halimi doch noch vor Gericht bringen. Wie die Jewish Telegraphic Agency meldete, strebt er eine Gesetzesänderung an, nach der Drogenkonsum nicht strafunmündig macht.

Am Sonntag wird sich auf den in Paris und im ganzen Land angekündigten Demonstrationen zeigen, ob die Franzosen ihre Kompatrioten jüdischer Herkunft allein lassen - oder ob es einen „Aufstand der Anständigen“ gibt.

SARA RUKAJ

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