In der aktuellen EMMA

Grether-Sisters: Party-Feminismus?

Haben ihr Lieblingscafé kurzerhand übernommen: Sandra (Mitte li) und Kersty Grether mit FreundInnen.
Artikel teilen

Seit wir im Februar 2025 unser Lieblingscafé übernommen haben, denken alle, das wäre schon immer unser Traum gewesen. Dabei saßen wir unser Leben lang viel lieber auf der anderen Seite des Tresens. Erst im riesigen, verblichenen Kaffeehaus von Tante und Onkel auf dem Land, später in den engen, hippen Läden in Hamburg, Köln und Berlin. Jede von uns braucht dieses Versinken in der Ecke. Das Kritzeln in bunte Tagebücher, das leise Grundrauschen fremder Gespräche, während Koffein, Matcha Latte und Kunst zu ziemlich besten Freundinnen werden. 

Als wir in den letzten Jahren so manisch überbeschäftigt wie ratlos durch unser Dasein drifteten, hielt eine von uns, Kersty, diese innere Zerrissenheit in ihrem Roman „Bravo Bar“ fest. Sie beschrieb die legendäre Location an der Berliner Torstraße als absoluten Sehnsuchtsort. Die perfekte Kulisse für die wilden Zehnerjahre: Eine Ära, in der sich die auf Twitter von Shitstorms mürbe gemachten Feministinnen abends mit ihren männlichen Antagonisten in den Armen lagen. Geleitet vom Dichter und Barkeeper Johannes Finke, suchten alle nach dem großen Dreh, wie man das Leben und die Social Politics noch einmal umbiegen könnte. Die Mieten waren noch nicht auf dem Niveau von Paris, die Liebe aber schon. Es wurde geliebt, gehasst und über Rap gestritten, wie in jeder guten Bar. Doch am Ende stießen wir auf unser eigenes, radikales Paradoxon: Wir trinken kaum Alkohol. Selbst in der Bravo Bar saßen wir rebellisch mit unseren Coffee-to-go-Bechern herum, in die Sandra nachts eingeschmuggelten Rotwein aus kleinen Flaschen goss. 

Wir träumten uns nicht in die klassische Gastronomie, sondern direkt in die Romane von Virginie Despentes. Wir wollten diese utopische Rave-Kommune Unangepasster, die am Ende das System einfach wegtanzt. Während die Welt da draußen durchdrehte, haben wir zehn Jahre lang in Berlin den Untergrund subvertiert. Wir haben die Reihen „Ich brauche eine Genie“ in der Berghain-Kantine und „Krawalle und Liebe“ im Brechthaus etabliert, tolle Musikerinnen und Autorinnen supportet und mit unserer Band The Doctorella gespielt. Eigenes Ego muss sein, wenn man im Kulturbetrieb für andere kämpft. 

Aber die Party war immer zu schnell vorbei. Nach drei Stunden mussten wir den Backstage aufräumen, damit die an der Berghain-Tür Gesorryten auf ihrem Rückweg nicht vor der Halle randalierten. Und ich blieb traurig zurück. Ich wollte unser Publikum nicht gehen lassen. Ich wollte das Dazwischen, das Aufheben der Distanz zwischen Bühne und Star. 

Jetzt stehe ich selbst hinter diesem Tresen. Auch das ist eine kleine Bühne – aber die Hierarchien sind flacher als im Club. Jeder Tisch im Raum ist ein eigenes kleines Universum. Wohlfühlen bedeutet, dass man sich hier vor sich selbst ausbreiten darf. An einem sicheren Ort, an dem man unbeobachtet ein paar Schritte ins eigene Paradies gehen kann. Und weil Feminismus da stattfindet, wo die soziale Frage gestellt wird, gibt es den losen Bio-Tee für unter drei Euro, den Haferkeks und das Minischokoladeneichhörnchen. Es muss in dieser Stadt verdammt noch mal etwas Gutes für unter drei Euro geben! Oder gleich umsonst. 

Zu unserem Café gehört seit über zehn Jahren die Tauschgarderobe in der Hufelandstraße. Haute Couture oder Basics, alles for free. Geht es im Leben nicht darum, einfach mal etwas geschenkt zu kriegen? Und mit wie viel Elan die Leute dann zurückschenken. Unfreiwillig ist jede von uns dabei zu einer Art Vernon Subutex geworden – zum spirituellen Zentrum des Ladens. Wenn es uns zu viel wird, verstecken wir uns in der Küche. Das Schöne am Backen ist das temporäre Verschwinden. Denn jeder hier soll sein eigenes Zentrum sein, während wir trotzdem zusammenfinden. 

Da passt es gut, dass gerade die aktuelle Ausgabe des Berliner Stadtmagazins Tip mit einer Titelstory aufmacht: „Die neue Nähe – wie die Stadt im Kaffeehaus zu sich findet“. Tenor: Würde man eine Revolution anzetteln, man würde sie im Kaffeehaus planen. Aber vermutlich würde sie genau deshalb dann dort vertrödeln. 

Auch bei uns steht das wahre Herzstück des Ladens am anderen Ende der Kuchentheke: das Bücherregal. Da stehen sie alle: Musikbücher über französischen Punk, die Autobiografie von Xatar, Identitätstheorien und feministische Manifeste. Im täglichen Umgang damit spüre ich das reale Herzklopfen der Lesenden. Am schönsten sind die Jungs, die vor ihren Dates nervös ein feministisches Buch aus dem Regal reißen, um schnell kluge Sätze zu inhalieren – meistens aus der Graphic Novel „Introducing Feminism“. Und wie die Frauen ihnen diese Sätze dann gleich wieder weglächeln. Weglächeln, das neue Lächeln. Genau das ist Magie: ein Raum, in dem der Feminismus im Alltag blühen darf. 

Und Feminismus in Berlin? Haben wir gemacht. Auch. An jedem verdammten Tag. Bei Kersty sind es schon 25 Jahre in der Hauptstadt. Im Juni. Mit der Strategie, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, kann man eine Bewegung verdammt gut am Laufen halten. Wenn man in den 90er Jahren als Popfeministin gestartet ist, war man froh über jede Einzelne, die sich dazu bekannte. Da wundert man sich schon, wie die Millennial-Feministinnen der Zehnerjahre plötzlich so taten, als sei das Bekenntnis zum Feminismus ein elitärer Clubausweis, den man sich erst hart verdienen muss. In Zeiten patriarchaler Abwertung hatte man echt Besseres zu tun, als eine Verbündete gleich wieder zu verprellen, nur weil sie zu einem Subthema eine andere Meinung hatte. 

Im echten Austausch spürt man sofort, ob es jemand ernst meint. Feministische Moden kommen und gehen, aber die Rave-Nomaden bleiben und tanzen auf vielen Hochzeiten. Halten den Ideologen den Spiegel vor. Vielleicht kommt ja jetzt, nach dem Emma-, Pop-, Netz-, Queer-, intersektionalem und Radikal-Feminismus, endlich das, worauf wir alle heimlich gewartet haben: der unzensierte Party-Feminismus, der alles checkt und nichts judgt. Ein Party-Feminismus, der so weit mitdenkt, wie er noch nicht bedröhnt ist, vom Koffein zum Beispiel, und dem lauten Wummern der Bässe auf den Demonstrationen. Getreu dem Motto unseres Songs „Pille Palle, Palle Pille. Nix bleibt wie’s bliebe, Krawalle & Liebe.“ 

Dieses Großprojekt wird gerade von den Techno- Fotzen-Rapperinnen umgesetzt – die neue Musikrichtung des 20er-Jahre-Berlins: Was habt ihr denn gedacht? Die passgenauen feministischen Antworten auf die „Toten Hosen“ und „Die Ärzte“. Auf Sido und Bushido sowieso. Aber auch auf Blümchen und Die Goldenen Zitronen. Nicht im rein musikalischen Sinne, aber in der Art, wie es zelebriert wird. Wie die Kids früher sitzen sie im Jahr 50 nach Punk im Park oder bei uns vor dem Café, trinken Aperol Spritz und grooven mit zu Ikkimels Beats. Wir geben ehrlich zu, wir haben versucht, den Ton leiser zu drehen, aber es war schon zu spät. Opa und Enkelin standen vor der Schokolade. Der kleine Junge durfte sich was aussuchen: „Welchen Hasen möchtest du? Den mit dem Kleid oder doch lieber ein Marienkäferchen?“ Und genau in dem Moment dröhnt es unzensiert aus den Boxen: „Erst wird gefickt und dann wird gekotzt.“ 

Ausgabe bestellen
 
Zur Startseite