Neukölln: Straßen meiner Kindheit
Ich möchte mit einem sehr konkreten Ort beginnen: der Straße meiner Kindheit. Sie hieß einmal Prinz-Handjery-Straße. Dort lebten vor meiner Geburt Simon und Paula Arnold, geborene Lewinsohn. Das übrig gebliebene Gründerzeithaus ist der letzte sichtbare Beweis dafür, dass es dort einmal ein anderes Leben gab. In einer anderen Zeit. Die abgetretenen Stufen, der dunkle Hausflur, der Hinterhof mit der Wäscheleine – das waren meine Kulissen. Bestimmt haben Paula und Simon sich im Sommer über den Schatten des großen Ahornbaums gefreut, so wie ich als Kind, wenn die Stadt flirrte und wir bis in den Abend auf der Straße spielten.
Beide überlebten den Nationalsozialismus nicht. Sie wurden entrechtet, gedemütigt, deportiert und ermordet. Ihr Verschwinden war kein Unglück, keine anonyme „Tragödie“, sondern das Ergebnis einer Ideologie, die erklärte: Diese Menschen gehören nicht dazu. Abgesichert durch Gesetze. Getragen von Terror und unzähligen kleinen Akten der Gleichgültigkeit. Genau davor hatte Carl von Ossietzky früh gewarnt: Antisemitismus ist kein Vorurteil, sondern ein politisches Programm, das sich mit Nationalismus verbindet, um tödlich zu werden.
Als ich in dieser Straße lebte, wusste ich nichts von Simon und Paula. Geschichte war für mich etwas in Schwarz-Weiß im Fernsehen, weit entfernt von meiner Haustür. In der Grundschule lernte ich nicht nur das Alphabet, sondern von meinen Mitschülern, dass es stolze Türken, stolze Araber, stolze Muslime gibt – dass Nationalismus auch bei Einwanderern identitätsstiftend sein kann und dass jeder, der nicht dazugehört, verdächtig ist. Ich gehörte nie dazu.
Meine Eltern hatten Nationalstolz nie einüben können. Auf dem Papier waren sie Türken, im Pass Muslime, in ihren Herzen Angehörige einer Minderheit aus einem ostanatolischen Bergdorf. Sie waren Aleviten. Türkisch lernte meine Mutter erst von Arbeitskolleginnen als Gastarbeiterin in Bayern. Ihre Sprache – Zaza – und Religion waren schon zur Zeit des Osmanischen Reiches Anlass für Misstrauen, Hass und Vertreibung. Die Überlieferungen ihrer Naturreligion hielten sie in einer Geheimsprache, versteckt in Amuletten und in Tücher gewickelten Steinen.
Unter wem leiden Muslime in Deutschland mehr: unter islamistischen Strukturen und Clankriminalität – oder den Menschen, die auf diese Gefahren hinweisen? Gedanken der Integrationsbeauftragten von Neukölln.
Uns Kindern wollten sie diese Last ersparen. Also wurde ich eine Berliner Göre: schnoddrig, straßensozialisiert, mit U-Bahnhöfen, Treppenhäusern und Schulhöfen als Biotop. Früh spürte ich, dass man „zu deutsch“ sein kann und gleichzeitig „nicht deutsch genug“. Zugehörigkeit war verhandelbar – in der Schule, auf dem Spielplatz, in der Familie.
Diese Biografie hat mich sensibel gemacht für den Moment, in dem aus Identität Ideologie wird – und aus Ideologie ein autoritärer Machtanspruch. Für die feinen Verschiebungen, in denen aus einem „Wir“ ein „Wir gegen die“ wird, aus einem Witz eine Entmenschlichung, aus einer Parole eine Drohung. Es treibt mich um, dass wir heute in meinem Land wieder an einem Punkt angekommen sind, den wir überwunden glaubten. Wir leben in einem Deutschland, in dem ein Rabbiner in der Hauptstadt nur noch mit Polizeischutz zur Synagoge geht. In dem jüdische Kinder an staatlichen Schulen ihr Jüdischsein verbergen. In dem israelische Restaurants schließen, weil sie der Gewalt weichen, und hebräisch sprechende Menschen auf offener Straße attackiert werden.
Gleichzeitig marschieren in ostdeutschen Städten Jugendliche mit NS-Symbolen und nennen sich „Kameradschaft“. In Brandenburger Schulen rotten sich national gesinnte Schüler zusammen, während aufrichtige Pädagogen einer Gemeinschaft weichen, die „Heil Hitler“-Grüße im Schulalltag ignoriert. Die AfD sitzt nicht mehr am Rand. Sie steht kurz davor, in Ländern Regierungsverantwortung zu übernehmen und den Staatsapparat im Sinne einer verfassungsfeindlichen Agenda umzubauen.
Und in zu vielen türkischen Moscheen wird Herkunftsnationalismus gepredigt, der einer Blut-und- Boden-Ideologie in nichts nachsteht. In Einwanderervierteln machen islamistische Normen Menschen immun gegen liberale Werte. Mädchen und Jungen bewegen sich in getrennten Welten – nicht, weil das Grundgesetz es so vorsieht, sondern weil religiöse Autoritäten es lauter predigen, als Schule, Jugendamt und Politik dagegenhalten können.
Kritik daran wird schnell, viel zu schnell, als „islamfeindlich“ gebrandmarkt.
Worte haben Konsequenzen.
Wenn ich an Simon und Paula Arnold denke, an meinen Berliner Hinterhof, an die Kinder, die heute Polizei brauchen, um sicher zur Synagoge zu kommen; wenn ich an säkulare Musliminnen, an Ex-Muslime, an bedrohte Lehrerinnen und Journalisten denke, dann weiß ich, warum ich schreibe. Wir sind viele. Wir müssen noch mehr zueinanderfinden und klar für das einstehen, was uns kostbar ist.
Güner Balcıs Wurzeln sind in Anatolien. Sie ist Journalistin und Filmemacherin und seit 2020 Integrationsbeauftragte in Neukölln. Zuletzt erschien von ihr: "Heimatland" (Piper). Der Text ist ein Auszug aus ihrer Dankesrede zur Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises.
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