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Dilek Gürsoy: Stolz & Stärke

Foto: Sebastian Knoth/Eden Books
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Es gibt diesen Moment während einer OP, der sie noch immer mit Ehrfurcht erfüllt: Wenn sie den Herzbeutel öffnet, das nackte, schlagende Herz anschaut und es aus dem Brustkorb hebt. Dann schlägt auch ihr eigenes ein bisschen schneller. Dilek Gürsoy (43) ist nicht nur Herzchirurgin, sie ist eine der besten auf der Welt und war die erste Frau in Europa, die ein Kunstherz implantiert hat.

Als sie 2019 „Medizinerin des Jahres“ wird, denkt sie: „Jetzt habe ich es geschafft!“ Doch das Gegenteil ist der Fall. Jeder Preis, jedes Interview ruft mehr Neider als Bewunderer auf den Plan. Herzchirurgie ist die Königsdisziplin der Medizin, für Königinnen ist da wenig Platz. In ganz Deutschland gibt es auf dem Gebiet keine weitere Chefärztin.

Dilek Gürsoy ist allein unter Männern. Und die sind im Krankenhaus eine Spezies für sich. Als Assistenzärztin überholten sie männliche Kollegen gern auf dem Weg in den OP und verdrängten sie unter Körpereinsatz von der „Pole Position“ (der Stelle neben dem Oberarzt) – auch wenn sie auf Platz 1 im OP-Plan stand. Das Härteste an ihrem Job sind bis heute nicht etwa die vielen Überstunden oder komplizierte Operationen von vier bis sechs Stunden – es sind die Kollegen, hauptsächlich die Chefs. „Sie lassen mich spüren, dass ich nicht in die Norm passe, ihre Codes nicht bedienen kann“, sagt Dilek. Ihre Herkunft spiele dabei keine so große Rolle wie ihr Geschlecht.

Aber Gürsoy will die Spiele nicht mitspielen: „Ich lasse AssistenzärztInnen nicht auflaufen, ich lasse sie anpacken – und teile mein Wissen. Ich schmeiße blutverschmierte OP-Tücher nicht auf den Boden, sondern in den Mülleimer – aus Respekt vor den Schwestern. Ich kämpfe für geregelte Arbeitszeiten. Ich will Gendermedizin in der Herzchirurgie durchsetzen – und die Quote für Ärztinnen. Denn nur Frauen können das System Krankenhaus verändern!“ Warum? „Ich habe noch nie erlebt, dass eine Frau sagt: Ich riskiere das jetzt mal. Wir sind gewissenhaft, sensibel und nahbar. Und außerdem haben wir filigranere Hände.“

„Ich stehe hier, weil ich gut bin“, sagt sie, wenn heute noch jemand versucht, sie abzudrängen. Der Satz wurde der Titel ihrer Autobiografie. Und: „Ich habe genug von Männern, die mich wegen meines selbstbewussten Auftretens ‚selbstverliebt‘ nennen, während sie mir während meines Vorstellungsgespräches breitbeinig, ihr Mittagessen kauend gegenübersitzen und fragen, wann ich schwanger werden will“, sagt sie.

Während sich Kliniken um männliche Herzchirurgen reißen, muss Dilek Gürsoy noch immer auf Jobsuche gehen, will sie ihrer Fachrichtung, der Kunstherzchirurgie, treu bleiben. Zurzeit will sie ein eigenes Kunstherzzentrum aufbauen – am liebsten in ihrer Heimatstadt Neuss. Um dafür Geld zu verdienen, operiert sie viel im Ausland.

Den Kampfgeist hat Dilek auch von ihrer Mutter. Sie ist zehn, als der Vater stirbt – an Herzversagen. Dilek liegt neben ihm, als es passiert. Die Mutter, eine Fließbandarbeiterin, muss fortan drei Kinder allein durchbringen. Die Verwandtschaft zwingt der Witwe das Kopftuch auf, doch schon bald legt die Mutter es mit Dileks Hilfe wieder ab. „Wir wollten immer in Freiheit leben“, sagt die Tochter.

Die Mutter beißt sich durch. In den 70ern geht sie für Lohngleichheit von Männern und Frauen auf die Straße, sie achtet auf gute Schulnoten und fördert ihre Kinder, wo sie kann. Das machen auch die deutschen ErzieherInnen und Freunde der Familie: Herr und Frau Bisping. Die helfen bei den Hausaufgaben, setzen durch, dass Dilek aufs Gymnasium gehen darf.

Die Migration von heute laufe anders, so die gläubige Muslimin: „Wir haben Deutschland als unsere Heimat angenommen, wir wollten hier etwas aufbauen. Unsere Religion stand uns dabei nie im Wege.“ Den syrischen Mädchen macht sie klar: „Deutschland ist eure große Chance, integriert euch!“ Denn dass muslimische Mädchen und Frauen alles erreichen können – auch das ist für Dilek Gürsoy eine Herzensangelegenheit.

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