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Eileen Gray: Die Design-Pionierin

Eileen Gray, Design-Pionierin des 20. Jahrhunderts. Foto: Berenice Abbott/National Museum of Ireland
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In der Mitte ihres Lebens ist Eileen Gray endlich bei sich angekommen: Aus der irischen, adligen höheren Tochter und braven Kunststudentin, geboren 1878, ist eine Garçonne mit Bubikopf geworden. Eine Wahlpariserin, die sich – geborgen in den Frauenzirkeln des Rive Gauche, am „Linken Ufer“ – das Recht herausnimmt, Hosenanzüge zu tragen, schon 1907 den Führerschein gemacht hat und nun mit ihrer großen Liebe, der Chansonsängerin Damia im Sportwagen durch die Pariser Nächte saust. Eine, die unabhängig lebt und Männer wie Frauen liebt. 

Im Jahr 1922 eröffnete Eileen Gray eine eigene Galerie in der exklusiven Rue Faubourg Saint-Honoré 217, in der sie ihre Teppichkreationen und Lackarbeiten anbot – vom Paravent bis zum Handspiegel. Viele Kundinnen stammten aus ihrem emanzipierten, privilegierten Freundinnenkreis. Ihren Showroom taufte sie dennoch auf den Namen „Jean Désert“, weil ein Männername mehr Vertrauen weckte. Bald nach der Eröffnung experimentierte Eileen mit dem neuen Material Stahlrohr. Außerdem entdeckte sie die Fotografie. Mit einer Plattenkamera setzte sie ihre Arbeiten selbst in Szene. 

Fast hundert, genau gesagt 94 Jahre später, im Jahr 2016, bringt die Stadt Paris in der Rue Bonaparte, im Quartier Saint-Germain, folgende steinerne Tafel am Eingangspfosten zum Innenhof der Nummer 21 an: „Eileen Gray / Irische Architektin und Designerin / 1878 – 1976 / lebte in diesem Haus / von 1907 – 1976“. 

Die Wohnung im ersten Stock dieses typischen „hotel particulier“ ist ihr fast 70 Jahre lang Heimat gewesen, ein Rückzugsort, besonders in den Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die auch Grays Leben erschütterten. Nur wenige Gehminuten von dem Platz entfernt, wo im Café Les Deux Magots das Philosophenpaar Simone de Beauvoir und Jean Paul Sartre schrieb. Hier ist Gray noch als alte Dame abends mit ihrer Haushälterin Louise Dany spazieren gegangen. Louise stand ihrer „Miss“ von 1927 bis zu deren Lebensende treu zur Seite. 

Mitte der 1920er – als Eileens große Liebe Damia für eine neuen Liebe entflammt war – trat ein Mann in Eileens Leben, der 15 Jahre jüngere Architekt Jean Badovici, Herausgeber der renommierten Fachzeitschrift L’Architecture Vivante. Der charmante, aber mittellose Journalist wurde ihre Muse, sie finanzierte ihn auch. Durch ihn lernte Eileen die moderne Architektur kennen. Sie nahm an den Redaktionssitzungen seines Fachblattes teil und studierte Architekturpläne. Die beiden unternahmen Reisen zu den modernsten Bauten, auch nach Dessau und Stuttgart; Gray kam so in Kontakt mit dem Bauhaus und den berühmtesten Architekten. Eine besessene Autodidaktin war sie, ermutigt durch den Gefährten. Schließlich schlug „Bado“ ihr vor, endlich auch selbst zu bauen. Sie solle ihre „kostbare Zeit“ nicht länger vergeuden und etwas „von Dauer“ schaffen: „Gehe in den Süden und lerne!“ 

Gray wagte diesen Schritt, sie hatte das nötige Geld, durch Erbschaften war sie lebenslang finanziell abgesichert. Und das Mittelmeer liebte sie, seit sie als Kunststudentin mit ihrer Mutter an „der blauen Küste“ Urlaub gemacht hatte. Sie kaufte mehrere Grundstücke an der Côte d’Azur, darunter eines bei Roquebrune, am Beginn des Cap Martin, das sie 1926 jedoch nicht auf ihren, sondern auf den Namen ihres Partners eintragen ließ. 

Die Küste ist hier etwas schroffer als üblich und einsamer. Hoch über dem terrassierten Grundstück verläuft bis heute die Eisenbahnlinie. Solche Herausforderungen liebte sie, und so begann sie genau hier – zwischen 1925 bis 1929 – ihr „Haus am Meeresufer“ zu planen, zu bauen und auszustatten. 

Das heute wieder architektonisch berühmte Haus E.1027 entstand. Der erfahrene Architekt Badovici half vor allem bei den Bauplänen und Anträgen, von Eileen kam der Spirit. In späteren Publikationen wird selbst dieser eitle Mann Eileen Gray als federführende Architektin immer an erster Stelle nennen. Den beiden gefiel das fertige Sommerhaus so gut, dass sie dort eine Zeitlang gemeinsam lebten. 

Im Jahr 1932 verließ Eileen die Villa E.1027, die rechtlich Badovici gehörte. Nur einen Adjustable Table (Der Beistelltisch aus Glas und Stahl, der heute zahlreiche Hallen und gehobenen Etagen ziert) nahm sie mit und kehrte nie wieder zurück. „Die Zukunft wirft Licht, die Vergangenheit nur Schatten“, lautete ihre Devise. Sie baute nun für sich allein ein neues Haus, in den Hügeln oberhalb von Menton, ebenfalls mit Meerblick, und nannte ihre neue Bleibe Tempe à Pailla in Abwandlung eines lokalen Sprichwortes: „Mit Zeit und Stroh reifen Feigen“. Es war ein Haus für eine alleinstehende Frau, die abgeschieden lebt und deren größte Freude die Arbeit ist. Erneut entwarf Gray Möbel, dieses Mal im „Style Camping“, leichter, wandelbar und oft klappbar. 

Gray war zwar gegangen, aber zeitlebens stolz auf ihr Gesamtkunstwerk, die Villa E.1027, die heute als Höhepunkt der modernen Architekturgeschichte gilt. Von innen nach außen hatte sie das lichte Haus entworfen. Alle Details und Farbnuancen, die unterschiedlichsten Materialien und raffinierten Einbauten. Kein Heim für eine Kleinfamilie, sondern ein Haus für Individualisten hatte sie gebaut. Sie dachte nie in starren Grenzen und bot eine flexible, fluide Nutzung von Räumen und Möbeln an, keine „Wohnmaschine“ wie die ihres berühmten Kollegen Le Corbusier (1887 – 1965). 

Dennoch schätzte auch Le Corbusier, ein Freund von Badovici, die Villa E.1027. Sie sei durchweht von Grays „seltenem Geist“, fand er. Sein Freund Badovici lud ihn im Jahr 1938 in das von Gray verlassene Haus ein. Und machte mit, als „Bado“ ihm vorschlug, die programmatisch weißen Wände von Eileen Gray mit bunten Wandgemälden „zu besudeln“. Gray-Biograf Adam sprach Jahrzehnte später als erster von einer „Vergewaltigung“. Keiner der beiden Männer hatte die Architektin Gray um Erlaubnis gefragt. Der Übergriff war eine Ohrfeige für die Schöpferin des Hauses und Ausdruck einer Art Hass-Liebe von Le Corbusier zu diesem bis heute so besonderem Haus. 

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, zehn Jahre später, erfuhr Eileen Gray durch eine Publikation zufällig von den Graffiti, denen Le Corbusier sogar Grays ironische Wandinschriften „Langsam eintreten“ und „Lachen verboten“ einverleibt hatte. Seine schrille Präsenz löschte Eileen aus, lange Zeit wurde E.1027 immer wieder für ein „Corbusier-Haus“ gehalten. 

Das moderne Lebensgefühl und Selbstbewusstsein der nun 50-jährigen Bauherrin, die mit dem Haus E.1027 einer vorher nicht gekannten Leichtigkeit und Sinnlichkeit Gestalt gab, hatte die Fotografin Berenice Abbott in ihrer 1926 in Paris entstandenen Garçonne-Bildserie bereits eingefangen. Es war kein Zufall, dass Eileen Gray diese Fotos am Ende ihres langen Lebens nicht vernichtet hat – wie so viele andere Porträts. Denn so wollte sie erinnert werden: auf dem Zenit ihres Schaffens und in ihrer wohl glücklichsten Zeit. 

Nach dem Krieg war Eileen Gray in Vergessenheit geraten, und mit ihr das E.1027 sowie ihre kühnen Entwürfe von Möbeln. Die große Gray-Ausstellung im Januar 1973 in London war ein Weckruf. Der Möbelproduzent Zeev Aram hatte es geschafft, die greise Designerin, die in der Rue Bonaparte 21 unbemerkt vor sich hin werkelte, zu überreden, dass sie der Reproduktion einiger ihrer Entwürfe zustimmte: der Sessel „Bibendum“, der Beistelltisch „Adjustable Table“, die „Petite Coiffeuse“. Es folgten weitere Stücke. Heute sind die meisten ihrer Entwürfe von Möbeln, Lampen und Teppichen als lizensierte Reeditionen im Handel. Gray kam in Mode. Im Jahr 2009 erzielte ihr „Drachenstuhl“, der lange im Besitz des Modeschöpfers Yves St. Laurent gewesen war, den Rekord-Preis für ein Möbel des 20. Jahrhunderts: nämlich 22 Millionen Euro! 

„Man soll niemals nach dem Glück Ausschau halten“, hat Eileen Gray einmal gesagt. „Es begegnet dir auf deinem Weg, aber immer in der entgegengesetzten Richtung. Manchmal erkannte ich es.“ Zumindest soll sie glücklich gelächelt haben, als sie in London im ersten Prototyp ihres Sessels Bibendum saß. Bald darauf, im Oktober 1976, starb sie mit 98 Jahren, kurz bevor ihr Werk wieder neu zu leben begann. Diese „Pionierin der Moderne“ hatte für eine Zukunft entworfen, die unsere Gegenwart ist. 

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