Gloria Steinem über das Altsein

2013 verlieh Präsident Barack Obama Gloria Steinem die "Freiheitsmedaille". - Foto: IMAGO
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Als ich in den 50er Jahren in der High School und auf dem College war, habe auch ich geglaubt, was in den Schulbüchern stand: Dass alle Geschlechterfragen schon vor Jahrzehnten gelöst wurden. Und zwar von ehrenwerten, aber langweiligen, asexuellen Suffragetten, über die ich wenig wusste – außer, dass ich nicht so sein wollte wie sie. Heute denken viele junge Frauen genauso über die Feministinnen vor ihnen. Das ist eine Strategie, den Fortschritt zu stoppen, indem man das Image der Macherinnen dieses Fortschritts in Misskredit bringt.

Ich wäre begeistert gewesen, wenn ich mir in jüngeren Jahren hätte vorstellen können, dass auch ich im Alter immer radikaler und rebellischer werden könnte. Aber ohne Role Models, ohne ältere, mutige Frauen in meinen Geschichtsbüchern oder in meiner Familiengeschichte – in der es in Wahrheit eine Menge solcher Frauen gab – blieb der Bildschirm, auf dem ich mir meine Zukunft vorstellte, grau und verschwommen.

Wir haben es dieser Jugendkult-Gesellschaft erlaubt, uns von uns selbst zu entfremden.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass es überhaupt nicht fortschrittlich war, wenn ich mit Fünfzig trotzig gesagt habe: „Ich werde einfach immer so weitermachen, werde im Alter genau das tun, was ich mit Dreißig oder Vierzig gemacht habe!“ Damit habe ich mich der Veränderung verweigert und mich meiner eigenen Zukunft beraubt.

Heute finde ich selbst zunehmend, dass das Leben als über Sechzigjährige sich so vom vorherigen unterscheidet wie die Pubertät von der Kindheit oder das Erwachsenenalter von der Pubertät – und genauso aufregend ist. Zumindest könnte es das sein, wenn es nicht für so viele mit Geringschätzung und Armut verbunden wäre – vor allem für Frauen.

Radikal kämpfte Emmeline Pankhurst für das Frauenwahlrecht. Bei ihrer Verhaftung 1914 ist sie 56 Jahre alt.
Radikal kämpfte Emmeline Pankhurst für das Frauenwahlrecht. Bei ihrer Verhaftung 1914 ist sie 56 Jahre alt.

Wir haben es dieser Jugendkult-Gesellschaft erlaubt, uns so sehr von uns selbst zu entfremden, dass viele von uns, wenn wir nach unseren Vorstellungen von uns selbst als Fünfzig-, Sechzig-, Siebzigjährige gefragt werden, nur einen leeren Bildschirm vor sich sehen – oder einen, auf den wir Krankheit und Abhängigkeit projezieren. Das macht aus dem letzten Drittel unseres Lebens eine Art unbekanntes Land.

Wenn das Alter ein Ort der Würde und Kraft werden soll, dann braucht es eine Bewegung, die sich dafür einsetzt. Der Fortschritt hat immer mehrere Stadien. Erstens: Aus der Unsichtbarkeit herauskommen, indem man die Existenz einer Gruppe konstatiert, die die gleichen Erfahrungen teilt. Zweitens: Diese Gruppe genauer definieren und ihr einen Namen geben. Dann beginnt drittens ein längerer Prozess des Coming Outs, in dem sich einzelne Individuen „bekennen“. Viertens müssen neue Begriffe erfunden werden, um die bis dato namenlosen Erfahrungen zu benennen (zum Beispiel „Ageism“, die Diskriminierung des Alters). Fünftens müssen wir diesen neuen Blick vom Rand  der Gesellschaft in die Mitte bringen, zum Beispiel, indem wir neue Gesetze durchsetzen. Und schließlich müssen wir sechstens die Bewegung am Laufen halten.

Es braucht eine Bewegung dafür, dass das Alter ein Ort der Würde und Kraft wird.

Zu all dem gehört eine Vision davon, wie eine auch für alte Frauen gerechtere Welt aussehen könnte. Denken Sie zum Beispiel nur an den Druck, das eigene Alter zu verleugnen, also einen entscheidenden Teil seiner Identität zu verbergen, damit man als Mitglied einer jüngeren und gesellschaftlich akzeptierten Gruppe durchrutscht.

Hellhäutige Schwarze haben für dieses Durchrutschen den Begriff „Passing“ erfunden und etabliert. Juden haben die Kunst des Passing perfektioniert, um antisemitischen Angriffen zu entkommen. Auch Homosexuelle haben auf diese Weise versucht, ungestraft durchs Leben zu kommen.

So zu tun, als ob man jünger wäre, ist wahrscheinlich die Form des Passing, die heute am meisten bestärkt wird – und die mit der geringsten Unterstützung für ein „Coming Out“. Ich habe Frauen getroffen, die in ihren Pässe das Geburtsdatum gefälscht hatten; die den Männern, mit denen sie lebten, erzählten, dass sie ein Jahrzehnt oder mehr jünger seien; die ihre eigenen Kinder über ihr Alter anlogen; oder die das Alter ihrer eigenen Mutter nicht kannten, bis die starb.

Eine gerechtere Welt für alte Frauen, ohne Druck, das Alter zu verleugnen.

Ich habe mit Frauen gesprochen, die ohne Kranken- und Rentenversicherung gearbeitet haben, weil sie Angst hatten, überhaupt keinen Job zu kriegen, wenn man ihr wahres Alter kennen würde. Andere hielten akademische Titel geheim, weil die verraten hätten, dass sie schon im Rentenalter sind. Und ich erinnere mich an eine hinreißende 73-Jährige, die ihren Arbeitgeber erfolgreich davon überzeugt hatte, dass sie Fünfzig sei und lieber als Freiberuflerin bezahlt werden möchte statt mit Arbeitsvertrag – „aus steuerlichen Gründen“.

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Nach einer Konferenz über „Frauen und Altern“ in Boston fragte ich Teilnehmerinnen, welche Teile des Programms sie besonders interessant gefunden hätten. Sie sagten: Mehr als jeder Vortrag hätte ihnen geholfen, durch die Hotel-Lobby auf das Schild zuzulaufen, auf dem unmissverständlich stand, dass es sich hier um ein Treffen von Frauen über Fünfzig handelt. „Zum ersten Mal seit meinem 35. Lebensjahr war ich stolz auf meine Alter“, sagte eine Frau. „Weil ich all diese wunderbaren Frauen gesehen habe, die hereinkamen und taten, als wäre es das Normalste der Welt.“ Was es ja eigentlich auch ist.

Ausgrenzung aufgrund des Alters ist genauso unfair wie Ausgrenzung aufgrund von Rasse, Geschlecht oder sonst irgendwas. Selbstverständlich kann es schön sein, sich mit AltersgenossInnen zu umgeben.

Aber das sollte eine freie Entscheidung sein. Doch sogar feministische Gruppen beurteilen Frauen nach ihrem Alter statt nach ihrer Individualität und stecken sie in Altersschubladen. Sie sind stärker daran interessiert, attraktiv für junge Frauen zu sein als die älteren einzubeziehen – um es gelinde auszudrücken. Ich selbst habe viele feministische Statements geschrieben, in denen es darum ging, andere gesellschaftliche Gruppen einzubeziehen, und rückblickend bin ich sicher, dass ich jede Gruppe – seien es Schwarze, Behinderte, Homosexuelle – häufiger erwähnt habe als Frauen über, sagen wir, 65.

Doch mit dem eigenen Altern werde ich immer radikaler. Ich weiß selbst nicht, warum mich das überrascht, denn schon mit 45 habe ich einen Essay darüber geschrieben, dass die weibliche Lebensreise genau umgekehrt zur männlichen verläuft. Männer rebellieren tendenziell eher, wenn sie jung sind und werden mit dem Alter immer angepasster. Frauen sind in jüngeren Jahren eher konservativ und werden rebellisch, wenn sie älter werden.

Dieses Muster findet man schon, wenn man sich die Suffragetten-Bewegung anschaut, wo Frauen über Fünfzig, Sechzig, Siebzig einen überproportionalen Anteil der Aktivistinnen und Anführerinnen stellten. Wenn ich mir die aktuelle Feminismus-Welle anschaue, dann fällt mir auf, dass es ganz ähnlich ist. Die kritische Masse ist heute vielleicht gerade mal eine Dekade jünger als ihre Pendants bei den Suffragetten.

Die meisten Frauen in ihren Zwanzigern haben eben die zwei, drei radikalisierenden Erfahrungen in einem Frauenleben noch nicht gemacht: Heiraten und entdecken, dass die Ehe nicht zwingend eine gleichberechtigte (und noch nicht mal gewaltfreie) Institution ist; in die Arbeitswelt einsteigen und an die Glasdecke stoßen; Kinder kriegen und feststellen, wer sich um sie kümmert – und wer nicht. Und, schließlich: Älterwerden. Das scheint immer noch das Erlebnis, das Frauen am meisten entmutigt – und sie deshalb vielleicht am stärksten radikalisiert. Gehen wir es also an!

GLORIA STEINEM

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