„Hört auf, uns so zu hassen!“
Am 20. April 2026 sagt der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), Dirk Peglow, im heute journal einen erschütternden Satz. Frauen sollten „besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden“.
Zuvor hatte das heute journal über die neue Polizeiliche Kriminalstatistik berichtet. Die sogenannte „Partnerschaftsgewalt“: um zwei Prozent gestiegen auf über 170.000 angezeigte Fälle im Jahr. Sexualdelikte: um 8,5 gestiegen auf 128.000 angezeigte Fälle im Jahr. Auch die fallen „zum ganz großen Teil in den sozialen Nahraum“, sagt Kriminaler Peglow. Heißt: Nicht der „fremde Mann hinterm Busch“ ist der Täter, sondern der eigene Ehemann, Freund, Bekannte.
Kristina Lunz und Düzen Tekkal wissen, dass das so ist. Die eine hatte schon 2014 die Kampagne „Schafft das Bild-Girl ab!“ gestartet und damals im Gespräch mit EMMA erklärt: „Indem die Bild-Zeitung keinen Respekt für die Würde der Frau zeigt, nährt sie ein Klima der sexuellen Gewalt in Deutschland.“ Die andere hatte als Journalistin einen Film über die Massaker des IS an den Jesidinnen und Jesiden gemacht – und es gleichzeitig gewagt, kritisch über Gewalt und Ehrenmorde in der jesidischen Community in Deutschland zu berichten.
Doch die Warnung von Peglow ist eigentlich nur eine weitere Eskalationsstufe. Jeffrey Epstein (die Täter: Milliardäre, Prinzen, Politiker). Gisèle Pelicot (die Täter: der eigene Mann und ganz normale Männer von nebenan). Und dann: Collien Fernandes. Ein Fall, in dem der mutmaßliche Täter auch der eigene Mann ist. Und ein Fall, bei dem sich, unabhängig vom Einzelfall, riesige Gesetzeslücken auftun.
Nachdem Fernandes ihre Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann im März 2026 öffentlich gemacht hatte, hatten Lunz und Tekkal gemeinsam einen Appell mit zehn Forderungen lanciert. Ihre Petition haben bis heute 330.000 Menschen unterschrieben. Jetzt haben die beiden Aktivistinnen ein Buch gemacht, in dem sie diese zehn Forderungen auf 160 Seiten ausbuchstabieren: Wie kann und muss der Staat Männergewalt gegen Frauen besser und effizienter bekämpfen?
Zum Beispiel so: 1. Die Erstellung und Verbreitung von Deepfakes muss strafbar werden. Das gilt auch für die Erstellung voyeuristischer Aufnahmen. An beidem arbeitet Justizministerin Stefanie Hubig bereits mit Hochdruck, ein Gesetzentwurf ist in der Pipeline (siehe auch S. 8). 2. Es braucht ein „Digitales Gewaltschutzgesetz mit wirksamen Betroffenenrechten“. Lunz und Tekkal wissen aus eigener Erfahrung, wie schwierig bis unmöglich es ist, Plattform-Betreiber dazu zu bekommen, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen zu löschen und die Täter zu verfolgen. 3. Das Prinzip „Ja heißt Ja“ muss im Sexualstrafrecht verankert werden. Zwar war das 2016 verabschiedete „Nein heißt Nein“ ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Aber er reicht nicht. Denn: „Zustimmung darf nicht vorausgesetzt, nicht interpretiert, nicht konstruiert werden. Sie muss aktiv vorliegen. Schweigen ist kein Ja. Unsicherheit ist kein Ja. Angst ist kein Ja.“
Weitere Forderungen: Der Straftatbestand „Femizid“ muss eingeführt werden, damit Frauenmorde als Politikum anerkannt werden und die Motive –männliches Besitzdenken – vor Gericht nicht länger als verständliche Verzweiflung strafmindernd wirken kann. Dazu muss es eine „spezialisierte Justiz und Polizei“ geben. In Spanien zum Beispiel wird „Geschlechtsspezifische Gewalt“ vor eigenen Gerichten verhandelt.
Und damit das alles passiert und funktioniert, brauche es eine „Nationale Strategie zur Bekämpfung männlicher Gewalt“.
Einzige Schwachstelle im Buch: Sowohl bei der „Partnerschaftsgewalt“ als auch bei den Gruppenvergewaltigungen (deren Zahl sich seit 2015 verdoppelt hat) sind nichtdeutsche Täter weit überproportional vertreten. Das hat Gründe. Doch an dieses heiße Eisen wagen die beiden Autorinnen sich nicht heran. Schade.
Kristina Lunz/Düzen Tekkal: Wer hat euch erlaubt, Frauen so zu hassen? (Heyne, 16 €)
Ausgabe bestellen


