„Ich hatte Angst, ins Nichts zu fallen“
Ich bin mit 18 nach Frankfurt gezogen und habe da eine Ausbildung als Goldschmiedin angefangen. Nebenan war ein Autohandel und der Besitzer hat mich jeden Tag auf dem Weg zur Bushaltestelle gefragt, ob wir einen Kaffee trinken gehen. Ich fand den aufdringlich, aber er hat einfach nicht lockergelassen. Sein Selbstbewusstsein hat mich eingeschüchtert. Ich selbst hatte gar keins und große Probleme, Nein zu sagen. Er war Libanese und damals Mitte 30. Ich war misstrauisch, aber er war lieb und nett und wir haben uns dann öfter getroffen und sind dann auch zusammengekommen. Im Nachhinein weiß ich, dass er damals schon Frau und Kin der hatte, aber das hat er mir natürlich nicht erzählt. Nach etwa einem Dreivierteljahr erklärte er, er hätte so sehr Lust, mal in einen Swingerclub zu gehen, aber keine Frau hätte das bisher mitmachen wollen. Dann fragte er, ob wir mit einem Arbeitskollegen mal einen Dreier machen könnten. Ich habe das zuerst abgelehnt, aber er kam ein paar Wochen später wieder darauf zurück. Auch da hat er nicht lockergelassen. Er hat dann sowas gesagt wie: „Ich dachte, du liebst mich wirklich“ oder „Ich dachte, du wärst was ganz Besonderes“. Er hat mir immer stärker das Gefühl gegeben: Wenn du das nicht mitmachst, dann suche ich mir halt eine, die es macht. Ich bin dann mit ihm in Swingerclubs gegangen und zuerst hieß es noch: „Wir gucken ja nur, wir müssen nichts machen.“
Dann hat er seine Arbeitskollegen mit in den Club gebracht und mit denen hatte ich dann tatsächlich Sex. Ich habe zwar immer wieder gesagt, dass ich das nicht will, aber er hat dann mit Liebesentzug reagiert und das war für mich ganz schrecklich. Die Swingerclub-Besuche wurden immer häufiger. Ich hatte damals schon Probleme mit Panikattacken und er sagte: „Mit Kokain geht alles viel leichter.“ So bin ich dann in die Kokain- Abhängigkeit geschlittert.
Im Nachhinein weiß ich, dass jeder Schritt von ihm total durchdacht war. Er hat immer wieder ganz geschickt die Grenzen verschoben. Ich kannte damals den Begriff „Loverboy-Methode“ noch nicht und habe nicht gesehen, dass das Ganze in Prostitution enden sollte. Obwohl ich irgendwann gecheckt habe, dass er für die gemeinsamen Besuche im Swingerclub auch schon Geld von den Männern genommen hat.
Ich wollte mich dann von ihm trennen. Das war nach einem ganz schlechten Abend im Swingerclub. Ich bin da nach ein paar Stunden Sex fast ohnmächtig geworden. Das fand er natürlich nicht so toll und warf mir auf der Rückfahrt vor, dass ich den Abend versaut hätte. Da habe ich ihm das Eintrittsgeld, das er bezahlt hatte, ins Gesicht geworfen. Ich war auf Drogen und wollte aus dem fahrenden Auto springen. Danach war eine Woche lang Sendepause.
Dann hat er angerufen und gefragt, ob wir uns sehen könnten, es ginge ihm nicht gut. Er hat irgendeine Tränendrüsen-Geschichte über seine Heimat und seine Familie erzählt. Wir haben uns getroffen und er hat angeboten, dass wir noch zu einem Freund fahren. Der wohnte in einem Industriegebiet über einer Werkstatt. Innerhalb von zehn Minuten kamen dann noch drei weitere Männer, die alle kein Deutsch sprachen. Er sagte, er würde jetzt kurz zur Tanke fahren, Getränke holen. Das war der Moment, in dem ich geblickt habe, dass da vorher Kohle geflossen war. Ich wurde dann zwei Tage lang vergewaltigt. Dabei habe ich abgeschaltet. Das konnte ich, ich hatte ja schon vorher Erlebnisse gehabt, die schwer erträglich waren und bei denen ich dachte: „Gleich ist es vorbei …“
Am schlimmsten war für mich, dass ich verstanden habe: Da war nix mit Liebe. Bis dahin hatte ich das immer noch geglaubt. Er hatte mir ja immer erzählt, dass er eine Wohnung für uns sucht und schon Zeichnungen davon gemacht. Am meisten verletzt hat mich, dass er mir die ganze Zeit Liebe nur vorgespielt hat. Das hat mir total weh getan.
Man mag das ja auch keinem erzählen, weil ja alle fragen: Warum machst du das alles mit? Wie doof bist du? Aber ich hatte sowieso keine Freunde mehr, denn die hatte er bedroht und mich komplett isoliert. Er hatte auch meine Eltern kennenlernen wollen. Auf dem Rückweg hatte er mir gedroht: „Jetzt weiß ich ja, wo deine Eltern wohnen.“ Und er hat durchblicken lassen, dass er Fotos von den Treffen mit den Männern hatte. Aber danach war er dann wieder nett.
Die Männer oder ihn nach dem Vorfall anzeigen? Das kam für mich nicht in Frage. Ich war schließlich kokainsüchtig und dachte, mir glaubt sowieso keiner. Ich habe vier Wochen durchgeweint. Nach ein paar Wochen hat er sich dann wieder gemeldet. Er hat behauptet, er hätte nicht gewusst, dass das mit der Vergewaltigung passieren würde. Das habe ich natürlich nicht geglaubt und ihm erklärt, eine Beziehung mit ihm wäre für mich nicht mehr möglich.
Aber inzwischen hatte ich meine Ausbildung abgebrochen. Und das Jobcenter erklärte, wegen meiner Panikattacken und Depressionen sei ich nicht vermittelbar, für mich wäre das Sozialamt zuständig. Ich bin jeden Tag zu irgendwelchen Ämtern gerannt, die nicht zahlen wollten. Ich musste aber meine Miete zahlen. Und ich hatte das Drogenproblem, das mich 80 Euro pro Tag kostete.
Und da meinte er: „Wir könnten doch mal einen Porno machen. Dann haben wir Spaß und Geld!“ Ich hatte inzwischen auch Suizidgedanken, durch die traumatischen Erfahrungen und auch durch das Koksen, da stumpft man innerlich total ab. Er hat mich dann dazu gebracht, mit ihm Videos zu drehen, die er auf YouPorn und Pornhub gepostet hat. Er meinte, da gäbe es pro Klick zwar nur ein paar Cent, aber es kämen da schnell eine Million Klicks zusammen. Er hat mir aber nur ganz selten Geld gegeben, ab und zu mal 50 Euro. Er hat eher mal für mich Klamotten oder Essen eingekauft oder mal eine Strom-Nachzahlung übernommen.
Und dann ging es wieder los: „Ein Dreier verkauft sich besser!“ Dann kam wieder ein „Arbeitskollege“ dazu. Und dann hat er sich immer weiter rausgezogen und mir quasi nur noch andere Männer vermittelt. Er hat also doppelt verdient: Er hat Geld von den Männern für die Treffen mit mir kassiert und das Geld aus den Filmverkäufen. Er hat damals einen Audi R8 gefahren, den habe ich ihm wohl finanziert.
Die Männer waren oft sehr grob und haben versucht, mehr zu machen als vorher abgesprochen war. Er hat mir nie deutsche Männer vermittelt, so dass ich oft nicht wusste, ob die mich überhaupt verstehen – oder ob die mich nicht verstehen wollen. Einmal wurden einige der Videos auf einer Plattform tatsächlich gesperrt, weil ich gewürgt wurde. Bei anderen Sachen schreibt man aber einfach dazu, dass es ein Rollenspiel ist, dann geht das durch.
Ich habe drei Suizidversuche gemacht, nach denen ich in der Klinik war und noch ein paar mehr. Das erste Mal hatte ich eine Überdosis aus Koks, Vodka und Antidepressiva genommen. Der Notarzt fragte mich: „Können wir irgendwen für Sie anrufen?“ Und ich lag da und dachte: Ich habe niemanden. Das war einer der traurigsten Momente.
Der Kontakt zu meinen Eltern war schon schwierig, als ich nach Frankfurt gezogen bin. Ich hatte ja schon lange mit Panikattacken zu tun gehabt, vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln, und hatte mir Antidepressiva verschreiben lassen. Am Ende habe ich nur noch Tavor genommen (ein sehr starkes, abhängig machendes Beruhigungsmittel Anm. d. Red.) In Frankfurt wusste ich oft nicht mehr, wie ich zur Arbeit kommen sollte. Meine Eltern waren aber null empathisch und haben mir nur Druck gemacht.
Ich war als Kind sehr viel im Krankenhaus, weil ich immer irgendwas hatte. Da habe ich gemerkt: Wenn ich krank bin, kriege ich die Aufmerksamkeit, die ich sonst nicht bekomme. Mir wird schlecht in der Schule? Ah, dann werde ich ja abgeholt! Meine Eltern und ich hatten ein kühles Verhältnis, wir haben uns nie in den Arm genommen oder so. Ich sage immer: „Ich bin die, die bei meinen Eltern gewohnt hat.“ Wir haben kaum zusammen gegessen, jeder hat sein Ding gemacht. Mein Vater war im Schichtdienst, meine Mutter war beruflich viel unterwegs. Ich habe mich viel zurückgezogen und Ballerspiele gespielt. Ich war schon immer introvertiert und eine Außenseiterin. Ich wollte zum Beispiel nie meine Geburtstage feiern. Ich habe es nie geschafft, mir ein soziales Umfeld aufzubauen. Ich hatte immer eine beste Freundin und das war’s. Wenn das dann auseinanderging, blieb nichts über. In irgendwelche Mädchen-Cliquen reinzukommen, habe ich gar nicht erst versucht, weil ich kein Selbstbewusstsein hatte und dachte, dass die alle hübscher und intelligenter sind als ich. Es stand und fiel also immer alles mit einer Person. So wie später bei meinem Ex-Freund.
Mit 13 bin ich von der Schule geflogen, weil ich mit Drogen gedealt hatte. Ich hatte selbst nichts genommen, aber ich hing mit älteren Jungen ab, die mir das Zeug in die Tasche gesteckt haben, weil ich als junges Mädchen ja nicht kontrolliert wurde. Ich wollte halt immer gemocht werden, aber von den falschen Leuten. Und es hat mir imponiert, wie selbstbewusst die Jungs waren und wie die ihr Ding durchgezogen haben, auch wenn es was Kriminelles war.
Ich habe dann also mit diesen Männern Pornos gemacht, die kamen auch zu mir in die Wohnung. Und dann bin ich irgendwann im Frauenhaus gelandet. Ich hatte ohnehin schon öfter die Polizei gerufen, wenn Männer gewalttätig wurden. Mein Ex-Freund war mir da keine Hilfe mehr, der hat mich irgendwann selbst bedroht, wenn ich aussteigen wollte. Einmal hat er gesagt, er würde mir Batteriesäure ins Gesicht schütten, wenn ich abhaue. Die Männer haben natürlich gecheckt, dass er mich nicht schützt.
Einmal war ein Typ so aggressiv, dass ich aus der Wohnung geflohen bin und barfuß auf der Straße stand. Der hatte mit einem Messer vor mir rumgefuchelt. Als die Polizei kam, hab ich sie gebeten, den Typen aus meiner Wohnung zu holen. Der hat aber behauptet, ich wäre geisteskrank und das wäre seine Wohnung. Ich habe ewig mit denen diskutiert und denen erklärt, dass es meine Wohnung ist, dass ich aber Angst vor dem Mann habe und nicht mehr dahin zurückkann. Dann haben sie rumtelefoniert und schließlich gesagt, ich soll meine Sachen packen, und haben mich in ein Frauenhaus außerhalb von Frankfurt gefahren.
Dort war ich ein paar Wochen. Die Mitarbeiterinnen haben mir dann tatsächlich über eine Maklerin eine Wohnung besorgt. So kam ich nach Neu-Isenburg.
Ich war dann also nach zwölf Jahren von diesem Mann weg. Ich saß in meiner Wohnung und fiel in ein riesiges Loch. Ich hatte ja von einem Tag auf den anderen aufgehört zu koksen. Daraufhin bin ich in die Anorexie gekippt. Ich habe nur noch 40 Kilo gewogen und kam wieder in die Klinik. Ich hatte mich ja daran gewöhnt, meine Depressionen mit dem Koks zu bekämpfen. Außerdem hatte ich jeden Tag acht bis zehn Stunden die Typen in meiner Wohnung gehabt und musste für die schauspielern und funktionieren. In der Ruhe kamen jetzt die ganzen negativen Gefühle hoch, die ich jetzt nicht mehr deckeln konnte. Ich habe wieder versucht, mich umzubringen.
Meine Versuche, einen Therapieplatz zu bekommen, waren aussichtslos. Unsere Liste ist voll, hieß es immer. Ich bin dann zu Frauenberatungsstellen, die mir die „Loverboy“-Methode erklärt haben. Ich dachte bis dahin immer, mein Ex-Freund wäre ein einzigartiger Psycho. Aber ich habe dann erfahren, dass es viele solcher Typen gibt. Dass das gerade tausendfach auch anderen jungen Frauen passiert, fand ich schrecklich. Und ich bin dann aus diesen Foren mit anderen Loverboy-Opfern wieder rausgegangen, weil die Frauen zum Teil immer noch in diesen Beziehungen steckten. Das war für mich schwer auszuhalten.
Ich saß dann also allein in meiner Wohnung und hatte keinerlei Kontakte. Und diese Einsamkeit war ein Grund, warum ich mit OnlyFans angefangen habe. Außerdem hatte ich Schulden bei Leuten, bei denen man keine Schulden haben sollte. Vor allem aber habe ich mich allein nicht ausgehalten. Vor Kontakt mit „normalen“ Menschen hatte ich Angst. Und ich hatte ja gelernt: Mit Sex bekommst du bei Männern sofort Aufmerksamkeit! Ich dachte: Bei OnlyFans poste ich einfach ein paar Bilder, mir schreiben Leute und ich habe wieder Kontakte. Das ist eine sichere Sache, mit der ich auch ein bisschen Geld verdienen kann. Also habe ich Dessous-Bilder von mir gepostet. Dabei habe ich die Preise bestimmt: Ich kann Fotos umsonst reinstellen oder fünf oder zehn Euro nehmen, wenn das jemand sehen will. Man kann das Ganze auch als Abo verkaufen. Die Männer können einem auch „Geldgeschenke“ schicken. OnlyFans kriegt 20 Prozent der Einnahmen, was im Vergleich zu anderen Plattformen wenig ist. Auch deshalb ist OnlyFans so explodiert. Und Corona hat auch nochmal einen Schub gegeben. Da sind die Männer durchgedreht, teilweise ist der Server kollabiert.
Ich habe dann sofort Hunderte Nachrichten am Tag bekommen. Durch die ganzen Komplimente habe ich dann mal wieder ein bisschen Selbstbewusstsein entwickelt, nach dem Motto: Ich kann ja doch noch was! Die Männer wollen dann schnell mehr: „Tolle Fotos, kannst du nicht auch mal ein Video posten?“ Der nächste Schritt ist dann ein Livestream. Das hab ich dann auch gemacht, auf Kommando meine Zunge in die Kamera gestreckt und mir Gegenstände in den Körper geschoben. Das Gefragteste sind Anal- Sachen, dafür zahlen die Männer das meiste.
Dann kamen die Fragen: „Hast du nicht einen Freund, mit dem wir dich beim Sex sehen können?“ Nach einem halben Jahr habe ich mich dann doch wieder mit Männern getroffen, obwohl ich das auf keinen Fall mehr wollte. Das Neinsagen fiel mir aber schon wieder schwer. Ich wurde jetzt zwar nicht mehr von meinem Ex-Freund manipuliert, aber stattdessen von Hunderten Männern.
Ich habe dann Anzeigen geschaltet: „Suche Mann für TG-Treffen“, also Taschengeld-Treffen. Oder gleich: „Ich mache OnlyFans und suche einen Mann, der bereit ist, sich zu zeigen.“ Wobei: Es zeigen sich ja die Frauen, von den Männern sieht man ja meist nicht viel. Da kann man den Kopf wegretuschieren oder der Mann hält die Kamera gleich selbst.
Wir haben dann gemacht, was gut ankommt. Und das sind Sachen, bei denen die Frau sehr unterwürfig ist. Ich habe auch BDSM-Sachen gemacht, aber das wurde immer strenger gehandhabt. Am Anfang war auch bei OnlyFans noch Wilder Westen, da wurden alle möglichen BDSM-Sachen gepostet. Dann haben sie aber den Algorithmus so verändert, dass Sachen mit Blut, Fäkalien oder Strangulieren rausgefiltert werden.
Manchmal wurden Videos von mir gesperrt. Einmal, weil ich mit einem Taxifahrer Sex in seinem Taxi hatte. Das ist aber auf OnlyFans verboten, weil es draußen ist und zum Beispiel ein Kind zugucken könnte. Ein anderes Mal wurde ein Video rausgenommen, weil ich gewürgt wurde und es hieß, man könne nicht sehen, ob das einvernehmlich ist.
Dann haben wir geschaut: Was dürfen wir? Geht anpinkeln, wenn es nicht in den Mund ist? Ich habe da schon ziemlich extreme Sachen gemacht. Ich war total abgestumpft und hatte an normalem Sex überhaupt kein Interesse mehr. Ich hatte keinen Höhepunkt mehr, wenn ich nicht gewürgt oder geschlagen wurde. Mein Gehirn hatte das ja über Jahre so verknüpft: Sex und Gewalt gehören zusammen.
Ich habe natürlich gemerkt, dass das alles nicht gut ist, aber das Aufhören fiel mir total schwer. Nicht so sehr wegen des Geldes. Viel verdient habe ich sowieso nicht, auch, weil ich zu wenig Geld genommen habe. Ich habe manchmal sogar Analsex-Videos umsonst reingestellt. Das hatte mit Selbstwert zu tun. Ich fand halt, ich war nicht so viel wert. Aber dass Frauen mit OnlyFans Reichtümer verdienen, ist sowieso eine Illusion. Mit einem Verdienst von 400 bis 700 Euro im Monat war ich schon in den top zehn Prozent.
Vor allem hatte ich Angst, wieder in dieses Nichts zu fallen. Aber am Ende macht man morgens das Handy an und hat 100 Schwanzbilder geschickt bekommen. Wie es dir geht, fragt keiner. Endgültig den Rest gegeben hat mir aber, dass ein Treffen mit einem Mann eskaliert ist. Da hab ich gedacht: Wenn ich weitermache, überlebe ich das nicht.
Dreieinhalb Jahre ist es jetzt her, dass ich ausgestiegen bin. Ich bin jetzt mit einem Mann zusammen, mit dem ich eine gute Beziehung habe. Er stammt zwar aus dem Rockermilieu, hat aber in einer Klinik einen Kokain-Entzug gemacht und ist in Therapie. Das Gute ist, dass wir beide das Milieu kennen und wissen, wovon wir sprechen. Er ist der erste Mann, mit dem ich wirklich reden kann. Am Anfang war Sex und Gewalt wieder ein Thema. Wir hatten beide eigentlich nie normalen Sex kennengelernt. Ich habe gesagt: „Das ist nicht gesund, was wir hier machen.“ Wir haben uns dann beide Unterstützung von außen gesucht: Er hat das in seiner Therapie besprochen und ich bei der Frauenberatungsstelle. Wir mussten erstmal wieder lernen, normale Sachen zusammen zu machen: Kochen oder in die Badewanne gehen.
Ich bin inzwischen in Frührente. Die wurde mir sofort bewilligt, nachdem die meine Krankenakte mit den Suizidversuchen und den vielen Klinikaufenthalten gesehen haben. Sie sagten, es sei für sie günstiger, die Frührente zu finanzieren als eine Reha, die wahrscheinlich sowieso nichts bringt. Mir wurde eine schwere Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert.
Einmal die Woche kommt eine Frau vom Sozialdienst, die mit mir einkaufen geht, wegen meiner Panikattacken. Einmal im Monat treffe ich eine Psychiaterin. Bei der habe ich zwar keinen Therapieplatz, aber sie guckt, wie es mit geht und verschreibt mir bei Bedarf Medikamente. Im März fange ich eine Gruppentherapie an.
Was ich mir wünschen würde? Eine Welt, in der Sex nicht zum Verkauf steht. Und da mache ich keinen Unterschied zwischen „normaler“ Prostitution, Pornos und OnlyFans. Sobald man mit seiner Sexualität Geld macht, ist es Prostitution. Mit einem gesunden Selbstwert kann man so etwas gar nicht machen und wäre ich gar nicht so lange in dieser Branche geblieben.
Die Schülerinnen heute sehen das aber als Option: Was willst du werden? – Influencerin oder OnlyFans! Die glauben an das schnelle Geld und begreifen erst später, welche Langzeitfolgen das hat. Die Mädchen sind ja selbst schon total von der harten Pornografie geprägt: Bei einer Umfrage hat jede vierte angegeben, dass sie beim Sex schon gewürgt wurde. Das ist mittlerweile normal. Und wenn ein Mädchen sagt, dass sie OnlyFans macht, wird das ja heutzutage nicht mehr geshamed. Dann heißt es: Oh, die macht das selbstbestimmt, super! Anstatt zu sagen: Die sitzt in zehn Jahren bei ihrem Therapeuten – wenn sie dann noch lebt.
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