Im Sumpf der Gefühle
Fehlt dir innere Freiheit und Selbstbestimmung? Ruft deine Seele nach Harmonie? Hat dein Körper die Lust verloren? Zweifelst du an dir selbst? Bist du traurig und einsam? Fehlt dir Geborgenheit?“
Fragen wie diese fluten Social-Media-Plattformen. Die Beschäftigung mit Gefühlen, die sogenannte „Selfcare“, hat Hochkonjunktur. „Mental-Health-Influencerinnen“ wie Sophia Thiel, Natalie Stommel, Jessica Stellwag oder Sophie Lauenroth haben bis zu eine Million Follower. Psychologische Ratgeber machen 40 Prozent des Anteils am gesamten Ratgebermarkt aus. HauptkonsumentInnen: Frauen.
Burnout, Depressionen, ADHS, Autismus oder neuerdings die Kombi aus beidem, AuDHS, sind echte Modethemen. Immer mehr Menschen, insbesondere Frauen zwischen 25 und 45, glauben, psychisch gestört oder bedürftig zu sein. Die neue Maxime: Nur, wer seine Gefühle aufarbeitet und für ein emotional perfektes Umfeld sorgt, kann langfristig psychisch stabil bleiben.
Die Sache hat nur einen Haken: Sie scheint nicht zu funktionieren.
Grob gesehen werden die Menschen, die sich intensiv mit ihren Gefühlen beschäftigen, dadurch nicht glücklicher, sondern unglücklicher. Obwohl es heute ausgesprochen viele Möglichkeiten gibt, sich mit den eigenen Gefühlen zu beschäftigen, scheinen es immer weniger Menschen zu schaffen, mit ihnen auch ins Reine zu kommen.
Beispielhaft dafür stehen die Zahlen für die Diagnose Depression: 2024 waren rund zehn Millionen Menschen in Deutschland daran erkrankt, 2014 waren es noch acht Millionen. Zahlen, die auch wirtschaftlich zu Buche schlagen. Die Arbeitsunfähigkeitszeiten aufgrund psychischer Störungen steigen von Jahr zu Jahr. Zwischen 2002 und 2022 verdoppelte sich die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Störungen pro Jahr von 61 Millionen auf 132 Millionen. Macht die Beschäftigung mit Gefühlen vielleicht alles nur schlimmer?
„Ja“, sagt Gitta Jacob. Sie ist seit 25 Jahren Psychotherapeutin und Expertin für Verhaltenstherapie und hat maßgeblich zu deren Weiterentwicklung in Deutschland beigetragen. In ihrem neuen Buch „Zu viel Gefühl“ warnt sie davor, sich mit den eigenen Gefühlen allzu stark auseinanderzusetzen.
Starker Tobak für jemanden, dessen Job doch eigentlich genau diese Auseinandersetzung ist?
Gitta Jacob: „Jeder muss und sollte sich natürlich auch mal mit negativen Gefühlen auseinandersetzen. Die Ursache wird allerdings oft in der eigenen Biografie gesucht, mit dem Gedanken: Wenn ich weiß, wo es herkommt, geht es mir besser. Das ist aber ein Trugschluss. Und es kann sogar mehr schaden als nützen.“
Denn Gefühle würden neuerdings durch Trauma- und Trigger-Assoziationen pathologisiert. „Dadurch wird oft ein Behandlungsbedarf behauptet, wo es eigentlich gar keinen gibt, weil keine schwere psychische Erkrankung vorliegt“, so Jacob. Die übermäßige Beschäftigung mit vermeintlichen Traumata, Triggern und toxischen Beziehungen schlage sich in der Zunahme von Angst- und Depressionsdiagnosen nieder, beson ders bei Frauen. Und Menschen mit wirklich schweren psychischen Erkrankungen geraten ins Hintertreffen, weil Therapieplätze knapp sind. Wartezeiten auf einen Therapieplatz von sechs Monaten bis zu einem Jahr sind keine Seltenheit mehr. Und die Lage könnte sich noch weiter zuspitzen mit den Honorarkürzungen für PsychotherapeutInnen, die seit dem 1. April 2026 greifen. Viele Praxen behandeln weniger Kassen- und mehr PrivatpatientInnen, weil die lukrativer sind.
Generell bedeutet die Aufarbeitung negativer Gefühle nicht auch tatsächlich ihre Auflösung. Im Gegenteil: Gerade das Nachspüren kann negative Gefühle verfestigen und verstärken. Der Glaube an die eigene Resilienz verschwindet.
Gitta Jacob plädiert darum dafür, nicht im Sumpf der Gefühle zu versinken, sondern Trauer, Wut, Angst und Zweifel zu artikulieren und als selbstverständlichen Teil des Lebens zu akzeptieren. Auch das Hinnehmen von Kritik, Ablehnung oder mangelnder Empathie gehöre dazu. Für Kinder wie Erwachsene. „Das Leben ist nie nur schön. Ich kritisiere den Trend, sich den negativen Gefühlen zu sehr hinzugeben und ständig nach Traumata und Triggern in seiner Kindheit zu suchen“, sagt die Therapeutin. Wer sich frage „Wo kommt das her?“ begebe sich in eine passive Rolle und erwarte Hilfe von außen. „Dahinter steckt natürlich der Gedanke der Entlastung: Ich bin krank und nicht selbst verantwortlich. ‚Andere müssen Rücksicht auf mich nehmen“, sagt Jacob.
Hinzu kommt, dass psychische Probleme auch „ansteckend“ sein können. Demnach kann es leichter passieren, auch psychische Probleme zu entwickeln, wenn bereits jemand im eigenen Umfeld ähnliche Probleme hat. In einer Studie wurde verglichen, wie häufig Depressionen auftreten bei Menschen mit mehr oder weniger Wissen darüber. Fazit: Wer mehr weiß, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit depressiv.
Auch sei Verdrängung nicht per se ein negativer Prozess. Jacob führt als Beispiel das Zugunglück von Eschede an. „Mit einem Teil der Betroffenen wurde die Tragödie ausführlich besprochen. Das Ergebnis war, dass es in der Gruppe zu mehr posttraumatischen Folgen kam als bei den Menschen, die es nicht aufgearbeitet haben.“ Ein gewisses Maß an Verdrängung gehöre zum Leben und Erwachsenwerden dazu.
Die Überbewertung kindlicher Gefühle kritisiert auch die Psychotherapeutin Diana Pflichthofer, die seit vielen Jahren die mediale „Psycho-Industrie“ und ihre Glücksversprechen anprangert. In ihrem neuen Buch „Ewig Kind“ warnt sie vor der Omnipräsenz des „inneren Kindes“ und einer damit einhergehenden Verramschung psychologischer Konzepte. „Ratgeber, die infantile Bedürfnisse bedienen, stehen gerade hoch im Kurs.“ Sie funktionieren nach dem Prinzip: Ich verstehe dich! Ich nehme deine Bedürfnisse ernst und gebe dir darin Recht, dass die Anforderungen, die man an dich stellt, zu hoch sind und dass andere an deinem Leid schuld sind. Damit würden allerdings nur regressive Bedürfnisse und Abhängigkeiten bestätigt, nicht aber der Weg zum vollverantwortlichen Erwachsenen geebnet. „Es existiert allgemein die Erwartung, dass das tatsächliche Kind von damals wiedergefunden und an ihm wieder gutgemacht werden könne, was versäumt worden ist. So eine Erwartungshaltung kann nur zur Frustration führen!“, sagt Pflichthofer.
Genau wie Gitta Jacob warnt auch Diana Pflichthofer vor der Fokussierung auf die eigenen Gefühle und plädiert vielmehr für eine beziehungsorientierte Sicht auf die Dinge. Und da gehöre das Sich-in-Frage-stellen-lassen durch einen empathischen Anderen und eine mögliche Erschütterung der bisherigen Selbstkonzepte nun mal dazu.
Pflichthofer: „Entwicklung bedeutet, mit der Trauer über das Nichtbekommene, das Nichterreichte klarzukommen. Die Enttäuschung und auch die Scham, hinter den eigenen Erwartungen zurück geblieben zu sein, gehört zu den unweigerlichen Prozessen des Erwachsenwerdens.“ Statt das „innere Kind“ und kindliche Gefühle zu idealisieren, müsse es viel mehr darum gehen, Reife, Selbstreflexion, Frustrationstoleranz und Verantwortung zu leben und den „inneren Erwachsenen“ zu finden.
Regression bedeutet immer den Rückfall auf eine frühere psychische Entwicklungsstufe. „So wichtig es auch ist, sich mit seiner kindlichen Geschichte, den Schrecken, den Unzulänglichkeiten der Eltern, den Schicksalen, den erlittenen Ungerechtigkeiten auseinanderzusetzen, so wichtig ist es auch, nicht an dieser Stelle steckenzubleiben“, weiß Pflichthofer.
Leider ist das Gegenteil davon gerade Trend. Ein Indiz dafür ist zum Beispiel die Verschiebung des Erwachsenwerdens. Junge Leute ziehen heute später aus dem Elternhaus aus, als ihre Eltern es getan haben, im Durchschnitt mit 25 (Frauen mit 23). Sie treten später eine stabile Arbeitsstelle an, gehen später feste Beziehungen ein und werden auch erst später Eltern – wenn überhaupt. 2025 sind in Deutschland so wenige Kinder geboren worden wie noch nie seit 1946.
Pflichthofer erkennt in diesen Entwicklungen Angst vor Verantwortung. Die zeigt sich neuerdings auch bei der Führerscheinprüfung. Der Führerschein steht für Freiheit und für Erwachsensein. Für Frauen ist er auch ein Symbol der Gleichberechtigung, da Frauen bis 1958 die Erlaubnis ihres Ehemanns oder Vaters benötigten, um den Führerschein machen zu dürfen. Im Jahr 2023 schlug das Kraftfahrtbundesamt Alarm. 49 Prozent der FührerscheinanwärterInnen haben die theoretische Prüfung nicht geschafft, 42 Prozent vom Rest scheiterten an der praktischen. Auch eine Studie aus Großbritannien lässt aufhorchen. 62 Prozent der 18- bis 24-Jährigen, darunter überwiegend Frauen, haben „Refuel-Anxiety“, „Angst vorm Tanken“. Nicht vor dem Bezahlen, sondern vor der Technik. Wie sie diese Tank-Angst bekämpfen? Gar nicht. Die Mehrheit wartet, bis ein anderer aus der Familie tanken fährt. Frauen und Tanken? Waren wir da nicht schon mal weiter?
Statt sich seinen Ängsten zu stellen und sie zu überwinden, ist es heute in, in der Opferrolle zu verharren und Verwundbarkeit als Selbstbild zu zelebrieren. Ein Phänomen, das auch Maria-Sibylla Lotter in ihrem Buch „Opfer“ beschreibt. Lotter argumentiert, dass es heutzutage vorteilhaft sein könne, als Opfer wahrgenommen zu werden, weil das in Konflikten moralische Deutungsvorteile verschaffe (siehe der Fall Gil Ofarim). Ein weiteres Paradebeispiel sei die „Triggerwarnung“, so Lotter. Triggerwarnungen tauchten erstmals Anfang der 2000er auf feministischen Websites auf. Sie sollten Leserinnen vor Themen wie sexuellen Übergriffen, Kindesmissbrauch oder Selbstmord warnen – in der Annahme, dass solche Hinweise das Risiko einer Retraumatisierung verringern könnten. Dann griffen Studierende an amerikanischen Eliteuniversitäten die Idee auf und forderten ähnliche Warnungen für den Unterricht. Die Unis quollen über vor Triggerwarnungen.
Schon bald zeigte sich ein Problem: Die Liste möglicher Trigger schien endlos und machte das Unterrichten unmöglich. Die Ironie an der Geschicht̓̓’: In den seltenen Fällen, in denen bei einem Menschen wirklich eine posttraumatische Belastungsstörung vorliegt, kann ein Trigger durch alles Mögliche – wie zum Beispiel einen bestimmten Geruch – ausgelöst werden.
Dennoch wurde die Triggerwarnung üblich und findet sich heute oft in Kunst und Medien. Ihre Begleiterscheinung: Sie suggeriert, dass Literatur oder Kunst, die emotional aufwühlt, psychische Schäden verursachen kann. Kurzum: Triggerwarnungen sind der Ausdruck einer Kultur psychischer Verletzlichkeit.
Lotter sieht in dieser Kultur eine große Gefahr. Denn was passiert mit einer Gesellschaft, die sich zunehmend an infantilen Gefühlen ausrichtet und in der Resilienz und Konfliktfähigkeit an Wert verlieren? Was passiert, wenn der Opferstatus zum Beleg moralischer Autorität wird? Und was bedeutet das eigentlich für die Gleichberechtigung von Frau und Mann?
Die drei Psychotherapeutinnen warnen: Auf diese Weise gehen Handlungsfähigkeit, Eigenverantwortung und Autonomie verloren, besonders für Frauen. Noch dazu in Zeiten, in denen das Patriarchat wieder auflebt.
Selbstständigkeit, Selbstsicherheit, Selbst-reflexion – das sind die Grundpfeiler des Erwachsenenlebens. Kurzum: Emanzipation.
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